Wie wird aus einem Kientaler Mädchen eine bekannte österreichische Kulturschaffende? Christina Zurbrügg liess als Talk-Gast im Adelbodner Hotel Bellevue ihre Laufbahn Revue passieren. Dazu gehört auch, aber nicht nur, die Kunst des Jodelns.
TONI KOLLER
Seit 1984 – sie war damals 23 Jahre jung – lebt und arbeitet Christina Zurbrügg in Wien. «Warum gerade Wien?», lautete die naheliegende erste Frage von Moderator Stefan Keller an die quirlige Ausland-Oberländerin. Die Antwort war einfach: «Nach der Matura drängte es mich, Schauspielerin zu werden. Und die erste der angefragten Schauspielschulen, die mir zustimmenden Bescheid gaben, war jene in Wien.» Dort ist sie dann hängengeblieben, kam zu zahlreichen Theater-Engagements und liess sich zusätzlich am Wiener Konservatorium in klassischem Gesang ausbilden. Es war der Ausgangspunkt für eine Karriere als Multi-Künstlerin: Christina Zurbrügg singt, musiziert, tanzt, textet, schauspielert – und sie dreht Filme. So schuf sie etwa 2009 im Auftrag des ORF den Film «Halbzeit», einen witzigen, subjektiven Vergleich zwischen Österreich und der Schweiz anlässlich der beiderorts ausgetragenen Fussball Europameisterschaft. Irgendwann lernte sie in Wien auch ihren Ehemann Michael kennen – ein Grund mehr, um dem östlichen Nachbarland treu zu bleiben. Wenn sie hochdeutsch spricht – und das musste sie am Bellevue-Anlass wegen der ausländischen Zuhörerschaft –, dann tut sie das denn auch mit unüberhörbarem Wiener Akzent. Ihre Mundart hingegen ist ebenso eindeutig jene des Frutiglands geblieben.
Vom Dudel zum Jodel
Und wie war das mit dem Jodelgesang? Dieser ist ihr zwar als Kind schon manchmal nahegegangen, dank Ferienaufenthalten in Grindelwald bei einem Onkel, der ein freudiger Jutzer war. Aber im Horizont der jungen Schauspielerin und Sängerin hatte das Jodeln vorerst keinen Platz. Dazu brauchte es eine Begegnung der besonderen Art in Wien – wo das Jodeln zwar «Dudeln» heisst, aber in der musikalischen Tradition ähnlich verwurzelt ist wie in der Schweiz. Als Wiener Freunde Christina Zurbrügg zu einem Auftritt von älteren Dudlerinnen mitschleppten – «Du als Schweizerin bist da ja kompetent!» –, da machte es klick. «Das muss man unbedingt dokumentieren», sagte sie sich angesichts der dudelnden alten Damen und ihrer Kunst, die wegen ihrer Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus in Österreich jahrzehntelang verpönt gewesen war. Zurbrügg fand einen Produzenten, realisierte den Film «Servus in Wien – Wiens letzte originale Dudlerinnen» – und nahm das Jodeln fortan in ihr eigenes Repertoire auf. Allerdings jutzt sie nicht in herkömmlicher österreichischer oder schweizerischer Weise, sondern mischt in ihren Gesang Elemente aus Rap, Pop und Jazz, unterlegt mitunter ironische und gesellschaftskritische Texte. Modern-urbane «Volkstümlichkeit» eben, vergleichbar mit dem Wirken der Jodlerin Christine Lauterburg in der Schweiz. Wobei Christina Zurbrügg ihren Jodelstil nicht als Provokation verstanden haben will. Vielmehr: «Jodeln ist einfach schön!»
Zurück ins Frutigland?
Den grössten Teil ihres Lebens hat die gebürtige Kientalerin inzwischen in Wien verbracht. Macht sie sich manchmal Gedanken zu einer Rückkehr? Aus ihrer Anwort ist ein gewisses Unbehagen am gegenwärtigen Österreich herauszuspüren: Die politische Entwicklung des Landes in Richtung rechts missfällt ihr. Aber Wien bleibe eine grossartige Stadt – eine Heimkehr ins Frutigland ist kein Thema. Wenn sie hingegen ans Tessin denkt: «So ein Häuschen in der Südschweiz – wer weiss?», lacht Christina Zurbrügg, und man merkt, dass sie sich mittlerweile als Österreicherin und Schweizerin zugleich fühlt.




