Vergangenen Dienstag führte Peter Juesy erstmals eine kleine Gruppe Naturfreunde auf den Niesen. Der ehemalige Jagdinspektor des Kantons Bern erzählte von seinen Begegnungen mit Wildtieren – auf dem Gipfel folgte prompt eine seltene Sichtung.
LINUS CADOTSCH
«Was die Wildtiere angeht, ist der Niesen extrem artenreich», beginnt Peter Juesy seine Führung bei der Talstation in Mülenen. Und so keimt die Hoffnung bei den Teilnehmern auf, dass sich auch heute ein Luchs oder ein Rothirsch zeigt. Ein gutes Dutzend Einheimischer, Jäger und Naturfreunde ist zur «Gschichtefahrt» gekommen. Aber Juesy dämpft die Euphorie gleich wieder: «Natürlich werden wir heute keines dieser Tiere sehen.»
Juesy kennt sich am Niesen aus wie kaum ein anderer. Als gebürtiger Kandertaler, der während 23 Jahren das Amt des kantonalen Jagdinspektors ausführte, weiss er um die Bedeutung des Bergs. Gerade die Nordflanke der «Pyramide» ist ein wertvoller und naturbelassener Lebensraum. Die Fauna profitiert davon, dass sich dort im Winter im Vergleich zu vielen anderen Berggipfeln kaum Leute aufhalten.
Thema Luchs bis zur Mittelstation
Nach und nach setzt sich die Gruppe in die rote, altertümliche Niesenbahn. Während der Fahrt bis zur Mittelstation stellt Juesy den Luchs vor. Die Raubkatze wurde einst gejagt und vergiftet und war im 19. Jahrhundert in der Schweiz ausgestorben. Der Kurzstreckenjäger wurde aber in den 1980er-Jahren wieder ausgesetzt und konnte so seinen Bestand bis heute wieder stabilisieren. «Der Luchs ist nach wie vor ein sehr emotionales Thema», erzählt Juesy. Auch in jüngerer Vergangenheit wurden diese Tiere immer wieder illegal gewildert. Jedes Mal habe er Strafanzeige eingereicht, aber nie wurde ein Täter verurteilt, erinnert sich der Scharnachtaler an schwierige Zeiten als Jagdinspektor.
Heute gibt es wieder 300 Luchse in der Schweiz. Auch am Niesen können mit etwas Glück während der Dämmerung Luchse beobachtet werden. Juesy spricht sich dezidiert dafür aus, dass deren Bestand reguliert werden kann. «Besser werden Luchse legal als illegal geschossen», sagt er im Hinblick zu den aktuellen Debatten im National- und Ständerat.
Hirsche und Raufusshühner
Von der Mittelstation Schwandegg spaziert die Gruppe zur Feuerstelle beim Tristhubel. Der pensionierte Jagdinspektor erzählt von den scheuen Birk-, Haselund Schneehühnern, die wegen ihres getarnten Federkleids nur mit viel Glück entdeckt werden können. Hirsche dagegen sind imposante Erscheinungen. Die Stiere erreichen gut und gerne ein Gewicht von 200 Kilo. «Der Hirsch gehört wie der Wolf zu den Top-Athleten unter den Wildtieren. Sein Röhren geht mir immer wieder durch Mark und Bein», erzählt Juesy. Hirsche können die zwei Meter hohen Zäune um Autobahnen in einem Satz hinter sich lassen, was für Autofahrer schlimme Folgen haben kann. Momentan leben zwischen acht und zwölf Hirsche am Niesen, schätzt der Exkursionsleiter.
Wolf und König der Lüfte
Nachdem wieder alle Passagiere in der Niesenbahn Platz genommen haben, erzählt Juesy Geschichten, Mythen und Anekdoten zum Thema Wolf. Die Fahrt bis zum Kulm dürfte aus Sicht des Referenten durchaus länger dauern, so viele Erlebnisse haben sich in seiner langen Amtszeit angesammelt. Oben beim Berghaus angekommen, bläst ein kühler Wind den Fahrgästen entgegen. Nebelschwaden ziehen auf. Es sind Bedingungen, die für Steinadler und Bartgeier suboptimal sind. Bei Sonnenschein und einer aufsteigenden Thermik hat man hingegen intakte Chancen, die zwei grössten Vögel der Schweiz beim Kreisen zu beobachten. Juesy erzählt, wie er einst einen Steinadler minutenlang dabei beobachtete, wie dieser versuchte, einen molligen Kater zu seinem Horst zu transportieren. Das Vorhaben des ambitionierten Greifvogels scheiterte aber am Gewicht seiner Beute. Der Adler liess den Kater schliesslich aus grosser Höhe fallen – Juesy erlöste das arme Tier anschliessend mit einem Gnadenschuss.
Zum Schluss stellt Juesy noch einen letzten prominenten Bekannten am Niesen vor, den Steinbock. Sein Bestand im Kanton Bern wird heute auf 1300 Exemplare geschätzt. Auch der Steinbock wurde einst in der Schweiz ausgerottet und Jahre später in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wieder eingeführt. Es sei eine Frage der Zeit, bis es auch am Niesen eine Steinbockkolonie gebe, ist sich Juesy sicher.
Kurz vor Ende der Exkursion macht jemand aus der Gruppe eine überraschende Sichtung. «Kommt langsam rüber!», ruft der Teilnehmer. Er hat ein Alpenschneehuhn im Sommerkleid entdeckt, das nur wenige Meter unterhalb der Aussichtsplattform nach frischen Knospen und Kräutern sucht. Ein wahrer Glücksfund, der einen lehrreichen Nachmittag perfekt abrundet.
Die nächsten zwei «Gschichtefahrte» zum Thema Faszination Wildtiere am Niesen finden am Dienstag, 7. August, und am Dienstag, 9. Oktober, statt. Am Donnerstag, 16. August, referiert Peter Juesy zudem während eines 3-Gängers zum Thema «Der Niesen aus der Perspektive der Wildtiere» im Berghaus Niesen Kulm.



