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Der Niesen im B & B-Modus

Bauen auf über 2300 Metern über Meer folgt eigenen Regeln: Das geht vom Materialtransport bis zu den Witterungsbedingungen, die rasend schnell ändern können. Auf dem Niesen heisst es derzeit B&B – Bauen und Betrieb.

HANS RUDOLF SCHNEIDER
Sie sind bereits während der morgendlichen Bergfahrt ein Thema, die Bauarbeiten auf dem Niesen. Die beiden älteren Gäste im Abteil sind vor allem daran interessiert, was sie auf dem Gipfel erwartet. Das Paar daneben hört gespannt zu, offenbar haben sie wenig Ahnung, worum es geht. Auf dem Weg von der Bergstation ist kurz vor dem Berghaus dann das dumpfe Rattern einer Baumaschine zu hören und der grosse Drehkran über dem Berghaus sticht ins Auge. Am provisorischen WC-Container vor dem Berghaus erklärt Markus Rubin – bei der Niesenbahn für die Baustelle verantwortlich – zwei Wanderinnen auf dem grossen Plan, was denn überhaupt gebaut wird.

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Das Programm ist klar: Die Küche verschwindet in einen Anbau auf der Berghaus-Rückseite, was bis zu 60 zusätzliche Sitzplätze oder zwei vom Restaurantbetrieb abtrennbare (Seminar-)Räume ergibt. Dazu werden die Heizung und Lüftung in das Untergeschoss des Anbaus verlegt und modernisiert und im Berghaus entstehen drei neue Hotelzimmer. Kostenpunkt: 6,7 Millionen Franken. Was sich bei einem Gebäude im Tal recht einfach anhört, ist auf 2362 Metern über Meer eine logistische Herausforderung, wie Niesenbahn-Geschäftsführer Urs Wohler erklärt. Zumal der Restaurantbetrieb daneben normal läuft.

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Der Start war jedoch harzig. Der Schnee wollte zu Saisonbeginn im April einfach nicht weg. Das ergab einigen Mehraufwand und bereits erste Verzögerungen im Terminplan. «Wir haben die letzten kurzen und teilweise schneearmen Winter als Massstab genommen. Die Erfahrung zeigt uns, dass wir immer mit Überraschungen rechnen müssen und Prognosen eben keine Tatsachen sind», sagt Wohler. Für ihn ist wichtig, dass man nun einigermassen im Plan ist und die Arbeiten bisher unfallfrei erledigt werden konnten.

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Der Platz ist knapp auf dem Niesen, wenn man bauen will. Insbesondere die grosse Materialbahn hat sich sehr bewährt. «Diese Lösung ist ideal und führt nur zu vereinzelten Heliflügen. Zudem sind wir so wetterunabhängig», lobt der Geschäftsführer die Planer. Die Bahn der lokalen Firma Zingrich Cabletrans kann pro Fahrt bis zu fünf Tonnen Material von der Alp Senggi auf den Gipfel bringen – und ist ein Publikumsmagnet. Auf das kürzliche Unglück angesprochen, bei dem fünf Personen aus einer kleinen privaten Transportbahn abstürzten, meint er: «Wir wurden oft damit konfrontiert und hoffen, dass es den Verletzten bald wieder gut geht. So was darf aber nicht passieren. Materialbahnen sind nun mal nicht für Personen da. Da gibt es keine Grauzone.» Von der eigenen Materialbahn sind die zahlreichen Gleitschirmpiloten ebenfalls betroffen, die sich auch heute zum Start bereit machen. Nicht nur vor Ort und in den Hinderniskarten ist die Bahn markiert, solange sie steht. Auch auf den umliegenden Startplätzen wird darauf aufmerksam gemacht. Immerhin überwindet die Bahn eine Höhendifferenz von 800 Metern und das Seil ist bis zu 98 Meter ab Boden.

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Da seit dem Bau des Berghauses im Jahr 1856 einige Umbauten erfolgten und später Strom- und Wasserversorgung sichergestellt werden mussten, sind etliche Leitungen im Boden vergraben. Und leider nicht immer da, wo sie auf den Plänen eingezeichnet sind. Das hat zu Probebohrungen, Verzögerungen, zusätzlichen Hangsicherungen und Leitungsverlegungen geführt. Auch die Mauern des Berghauses mussten geprüft werden. Wie dick und stabil sind sie? Im historischen Keller wurde ein Stück Fundament freigelegt, um das zu kontrollieren. «Wir dokumentieren alles genau», hält Urs Wohler beim Anblick des alten Mauerwerks fest. «Wer nach uns einmal den Betrieb hier übernimmt und Anpassungen machen will, wird uns dankbar sein.» Die Flexibilität der Bauarbeiter und des Niesen-Teams sind nötig, um Baustelle und Betrieb parallel führen zu können. Es sei B&B – nicht Bed & Breakfast, sondern Bauen & Betrieb. Auf eine Sommersaison wegen des Baus zu verzichten, sei finanziell unmöglich. So wird also morgens früher begonnen, was einen Bahnführer für die Bergfahrt benötigt – oder eben auch samstags gearbeitet, um die neuen Mauern rechtzeitig betoniert zu haben. Im Terminplan ist der erste Schneefall eminent wichtig. Man will die Gebäude unter Dach und dicht haben, um im Winter den Innenausbau anzugehen. «Doch wir wissen natürlich nicht, wann der Schnee kommt», erklärt Wohler das Dilemma. Das wird ein Meilenstein sein. «Danach müssen wir die ganze Terminplanung aktualisieren.»
Wie schnell etwas passieren kann, zeigte sich vor zehn Tagen. Nach einem Gewitter mit Hagel stand plötzlich der Technikraum unter Wasser. Abklärungen von Markus Rubin zeigten, dass eine Leitung neu verlegt wurde, das Wasser aber durch die alten ungenutzten Röhren noch in den Raum eindringen konnte. Diese wurden dann – improvisiert, aber endgültig – von Rubin mit Beton verschlossen. Wohler ist froh, möglichst viele Arbeiten an regionale Firmen vergeben zu haben. «Dem Baumeister Peter Jungen muss ich nicht erklären, dass es im August schneien kann. Er und die anderen Arbeiter wissen das.»

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Der Schnee ist immer ein Thema, auch bei der Planung. Nicht weil man im Winter das Hotel öffnen will, sondern wegen des Schadenpotenzials. Kritisch ist das Dach des Glaspavillons. Dort sei man rasch im sechsstelligen Frankenbereich, wenn es Schäden geben würde. Künftig wird eine Leitungsspirale im grossen Dach – gefüllt mit einer Alkoholmischung – im Sommer kühlen und im Winter auftauen und so Schäden verhindern. Auch bei der Energieversorgung gibt es Neuerungen: Auf Heizöl wird verzichtet, dafür muss die Stromversorgung zuverlässig klappen. An der kleinen Not-Batterie sind nur die notwendigsten Geräte angehängt, zum Beispiel die Kaffeemaschine, wenn ein Unterbruch bei vollem Haus passieren sollte. In einem weiteren Schritt werden auch Solarpanels zum Einsatz kommen.

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Die Saison 2019 beginnt am 19. April. Das ist fix. Um niemanden zu enttäuschen, wenn noch ein bisschen Baubetrieb herrschen sollte, sind für die ersten Wochen keine grösseren Anlässe oder Gruppen eingeplant worden. «Wenn wir sehen, dass alles klappt, sind wir flexibel und öffnen auch das Hotel kurzfristig. Aber wir wollen lieber auf Nummer sicher gehen», sagt Urs Wohler mit Blick in die tiefe Baugrube. Die Rückmeldungen der Besucher sind laut Markus Rubin und Urs Wohler positiv, auch wenn es kritische Stimmen gibt, dass der Gipfel verbaut werde. Der Geschäftsführer ist aber zuversichtlich, dass das Unternehmen das Richtige macht, um wirtschaftlich eine Zukunft zu haben. Wenn das Projekt beendet ist, wird äusserlich kaum eine Veränderung auf dem Gipfel zu sehen sein. Im Vorfeld wurden für die laufende Saison Einnahmeneinbussen gegenüber dem letzten Jahr von 20 Prozent prognostiziert. Die letzten Tage mit rekordverdächtigen Besucherzahlen lassen Wohler hoffen, dass es weniger sein werden.

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