Eine Oberstufe schliessen – oder die Zusammenarbeit fördern? Valentin Leibundgut und Martin Wenger sind überzeugt, dass Winklen im Gesamtkonzept der Schule eine wichtige Rolle spielen kann.
PETER ROTHACHER
Auf das neue Schuljahr hin solle die Oberstufenklasse an Winklen voraussichtlich geschlossen und dafür eine Klasse im Widi eröffnet werden. In dem Sinne wurde die Bevölkerung am 5. November orientiert. Nun hat die Schulkommission Frutigen eine Bedarfsabklärung lanciert, ob Eltern ihre Kinder – wie zum Teil signalisiert – in ein anderes Schulhaus schicken möchten. Also an eine andere Schule als die in ihrer Nähe.
Valentin Leibundgut (49), Standortleiter der Bäuertschule Winklen, und der dortige Oberstufenlehrer Martin Wenger (60), begrüssen diese Abklärung grundsätzlich. «Man muss die Gesamtsituation der Gemeinde betrachten, und die ist schwierig», bestätigt Wenger. Er warnt darum vor einem «Schnellschuss», vor allzu kurzfristigem Denken. Eine längerfristige Lösung für alle müsse das Ziel sein. Er selbst ist seit 28 Jahren Lehrer an der Oberstufe ausserhalb des Dorfes, welche die 7. bis 9. Klasse umfasst. Mit derzeit nur noch 14 Schülerinnen und Schülern sei ein Tiefstand erreicht, darum plädiere er für einen vermehrten Schüleraustausch. «Dieser wird bereits praktiziert, dürfte aber speziell auf die 7. Klasse hin noch intensiviert werden.»
Und obschon er im kommenden Sommer in Pension gehen wird, verteidigt Wenger «seine Schule» mit Überzeugung. «Wir sind nicht Konkurrenz – die Oberstufe Winklen und die Oberstufenschule ergänzen sich.»
Ausgesondert – und gut integriert
Martin Wenger führt dazu ein Beispiel an, das mehrere Jahre zurückliegt: «Im Dorf hatte sich eine Gruppe von vier oder fünf Schülern gebildet, die wegen ihres Verhaltens nicht mehr tragbar waren. Man entschied sich in der Folge für das einzig Richtige und verteilte diese Jungs auf die Bäuertschulen.»
Der Oberstufenlehrer erinnert sich gerne daran: «Derjenige, der zu uns kam, entwickelte sich erstaunlich. Er musste seine Gruppenrolle nicht mehr spielen und lernte plötzlich intensiv, sodass er nach der Schule eine Lehre absolvieren konnte und nun ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden ist.» Auch wenn das vielleicht ein Glücksfall gewesen sei, fände er es schade, wenn so etwas künftig nicht mehr möglich wäre. Im Laufe der Jahre besuchten laut Wenger viele Schülerinnen und Schüler aus anderen Schulkreisen die Oberstufe Winklen, mehrheitlich auf eigenen Wunsch. Aktuell werden Schülerinnen und Schüler aus Kandergrund und Reinisch in Winklen unterrichtet. Man arbeite zudem auch gut und eng mit der Familienkooperation Berner Oberland (vormals Sunnehus) zusammen. An Winklen herrsche ein familiäres Klima und es gebe disziplinarisch kaum je Probleme. «Im Moment habe ich eine Traumklasse», schwärmt Wenger.
Zwei unterschiedliche Angebote
Die Oberstufenschule (OSS) im Zentrum gewährleiste als Vorteil den Niveauunterricht, räumt Leibundgut (seit 27 Jahren an Winklen) ein. «Im durchlässigen Modell Manuel ist in den Hauptfächern ein übergreifender Unterricht zwischen Real- und Sekundarschule möglich.» Und auch bezüglich Werk-, Physik- und Chemieräumen sei man in der OSS natürlich besser ausgerüstet. Doch gerade Eltern aus den Bäuerten würden an Winklen schätzen, dass ihre Kinder in dieser kleinen, übersichtlichen Schule mit dem familiären Rahmen unterrichtet werden können.
«Wir geben nicht Schule, wir machen Schule», sagt Wenger. «In der Mehrjahrgangsklasse lernen die Jüngeren auch von den Älteren. Und wenn diese etwas erklären können, haben sie selbst es auch begriffen.» Es sei eine Art rollender Unterricht, indem man nicht jedes Jahr von vorne beginnen müsse. «Ich achte zum Beispiel in der Mathematik darauf, dass alle von der 7. bis 9. Klasse am gleichen Überthema – etwa Geometrie oder Algebra – arbeiten. Auf die Art ist der Lern- respektive Repetitionseffekt übergreifend.»
Schon einmal vor der gleichen Situation
Man sei vor über zehn Jahren bereits einmal vor der Schliessung gestanden, hält Valentin Leibundgut fest. «Damals hat sich die Schulkommission dann aufgrund eines erarbeiteten Konzepts zu uns bekannt. Und das hat sich bewährt.» Er sei überzeugt, dass die Oberstufe Winklen Teil des künftigen Gesamtplanes sein könne.
An der Gemeindeversammlung vom 7. Dezember in der Kirche Frutigen werden die Stimmberechtigten über die von 565 Personen unterschriebene Schulinitiative «Klassenschliessungen vors Volk» (der «Frutigländer» hat berichtet) entscheiden. Auf eine mögliche Annahme dieser Initiative angesprochen, sind sich die beiden langjährigen Lehrerkollegen einig: «Eine Klassenschliessung könnte dann zwar wohl vermieden werden, aber das Gesamtproblem wäre nicht gelöst …»



