PORTRÄT Fast ein Jahr ist er schon im Amthaus tätig. Viel von seiner Arbeit wird am Schreibtisch erledigt, deshalb schätzt Manuel Stettler jede Möglichkeit, nach draussen zu den Leuten zu gehen. Doch was macht der stellvertretende Regierungsstatthalter konkret?
HANS RUDOLF SCHNEIDER
Seine Funktionsbezeichnung täuscht über seine wahre Arbeit hinweg. Der stellvertretende Regierungsstatthalter Frutigen-Niedersimmental wartet nicht im Büro darauf, dass die Chefin Ariane Nottaris abwesend oder krank ist, um dann deren Arbeit zu erledigen. Manuel Stettler, wie Nottaris seit Anfang Jahr im Amt, betont, dass die Stellvertretung ein zentraler Teil seiner Arbeit sei. «Ich habe daneben aber weitere Aufgaben. Grundsätzlich ist alles Juristische im Statthalteramt meine Sache.» Das tönt nach viel Aktenstudium, dicken Gesetzbüchern und Verhandlungen. Doch auch hier relativiert der 32-Jährige. «Das Spannende an meiner Arbeit ist ja gerade, dass ich oft auch unterwegs bin und viel mit Menschen in Kontakt komme.» Andererseits schätze er dann auch wieder die ruhigen Zeiten im Büro.
Wie ist das mit dem Landverkauf?
Dabei ist sehr genaue Arbeit gefragt, die juristischen Abklärungen müssen wasserdicht und die Entscheide klar begründet sein. Schwergewicht dabei ist das bäuerliche Bodenrecht, das gerade in unserer Region grosse Bedeutung hat. «Es kommen öfters Anfragen, wie das jetzt sei mit einem Landverkauf oder der Abparzellierung eines Wohnhauses oder einer Scheune.» Weiter nehmen die Beschwerdeverfahren einen grossen Teil von Stettlers Pensum ein. Oftmals suchen die Bürger das Regierungsstatthalteramt auch für allgemeine Rechtsfragen auf, welche eigentlich nicht in dessen Zuständigkeit fallen. Man sei keine juristische Beratungsstelle. Aber mit Tipps, an wen sich der Fragesteller wenden kann, oder mit einer groben, aber unverbindlichen Einschätzung hilft er gerne weiter. «Wir ersetzen dabei jedoch nicht den Anwalt», sagt der studierte Jurist.
Da im Kanton Bern die Statthalterinnen und Statthalter weitreichende Aufgaben und Kompetenzen haben, geht sein Arbeitsbereich noch viel weiter: vom Erbschaftsinventarwesen, über Bauund Gastrobewilligungen, bis hin zu Täteransprachen bei häuslicher Gewalt. «Gerade auf diesem Gebiet kann das Team, bestehend aus der Statthalterin und mir, oftmals einen positiven Einfluss nehmen», lobt er die Aufgabenteilung und gegenseitige Ergänzung. «Und dann unterstützen wir natürlich unsere Gemeinden in juristischen Fragen oder weisen sie anlässlich von Veranstaltungen und Weiterbildungen auf neue, zu beachtende Gesetzesänderungen hin.»
Anwalt statt Kampfjet-Pilot
Nicht nur beruflich, auch privat ist Manuel Stettler im Oberland unterwegs, und das schon seit der Kindheit. «So ist mir auch die oftmals sehr direkte, aber ehrliche Art der Oberländer vertraut», sagt er. Aufgewachsen in Burgdorf, verbrachte er viele Ferientage in Adelboden. Dort ist er auch heute im Winter oft auf den Pisten anzutreffen. Der leidenschaftliche Schneesportler begeistert sich auch für das Diemtig- und Gasterntal. Man spürt seine Freude an der Landschaft und an der Natur.
Sein beruflicher Werdegang ins Amthaus war zielgerichtet. «Nachdem sich die Bubenträume von Astronaut und Kampfjetpilot erledigt hatten, interessierte ich mich früh für die Juristerei», erzählt er. Das während der Ausbildung nötige Praktikum machte er bereits beim Kanton, unter anderem auf dem Statthalteramt Frutigen. Die Frage, ob er sich künftig als Anwalt selbstständig macht oder eine neue Herausforderung ausserhalb der klassischen Advokatur sucht, tauchte recht schnell im Anwaltsalltag auf. «Ich war aber nicht überzeugt genug von diesem Beruf, um mich selbstständig zu machen. Da kam die Chance, in Frutigen etwas Neues mit juristischem Hintergrund zu machen, genau richtig.»
Die richtigen Leute kennenlernen
Seine erste Bewährungsprobe kam auch gleich am zweiten Arbeitstag: Die abgerutschte Adelbodenstrasse hat das Statthalteramt gleich zu Jahresbeginn gefordert. Manuel Stettler sieht darin auch Positives: «Ich lernte sehr viele Leute kennen, die zentrale Kontakte in meinem Netzwerk im Verwaltungsbezirk sind und die rasch Unterstützung bieten können, wenn es nötig ist.» So könne er auch den vermeintlichen Nachteil ausgleichen, dass er nicht aus der Region stammt und heute in Bern wohnt. Bisher werde er kaum erkannt auf der Strasse, was ihn aber nicht stört. Er schätze seine Privatsphäre und bestimme auch selber, was er über sich in den sozialen Medien preisgibt. «Das sollte eh jeder machen», ergänzt er mit Nachdruck.
Spielräume bewusst nutzen
Gefühlsmässig nimmt die Anzahl an Gesetzen und Reglementen stetig zu. «Tendenziell stimmt das. Es ist aber nicht so extrem, wie es der Volksmund sagt», relativiert Stettler. Natürlich müssen wir immer auf dem aktuellsten Stand sein – oder wissen, wo wir nachschauen können. Das betrifft beispielsweise den Datenschutz, der sicher gewisse Ergänzungen oder Präzisierungen von Vorschriften erfordert.» In der Juristerei gebe es oftmals einen Spielraum, eine Grauzone der Auslegung. Manuel Stettler, der eine spürbare Affinität für seine detaillierte Arbeit hat, erklärt: «Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist, wenn man sich in diesem Raum befindet. und die Grenzen des Ermessensspielraums erkennt, wenn man diesen ausnutzt. Schlimm finde ich, wenn man seinen Spielraum nicht erkennt und darüber hinweg für die beteiligten Parteien einschneidende Entscheide fällt.»



