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Der Grenzbach, der keiner ist

Überraschenderweise bildet die Suld nicht die Grenze zwischen den Gemeinden Aeschi und Reichenbach. Der Grund dafür ist weit zurück im Mittelalter zu finden.

KATHARINA WITTWER
Bäche, Flüsse oder Berggrate bilden natürliche Grenzen. Eine Ausnahme bildet die Suld. Von der Mündung in die Kander in Mülenen bis etwa 5 Kilometer bachaufwärts verläuft die Gemeindegrenze zwischen Aeschi und Reichenbach mal auf der rechten, mal auf der linken Seite und ab und zu durch die Mitte des Bachbettes. Bei den Koordinaten 2’623’297.5 / 1’164’466.2 erstreckt sich Aeschi südlich bis hinauf auf Höchst, Dreispitz, Britterehöreli und Schwalmere – umfasst somit fast das ganze Einzugsgebiet des Suldbaches.

An strategisch idealer Lage gebaut
Die Besitz- und Rechtsverhältnisse im Mittelalter waren vielschichtig, kompliziert aufgebaut, überall unterschiedlich und änderten bei Handänderungen meistens. Ganze Landstriche gehörten Klöstern, Adeligen (Familien) oder Städten. Gebiete wurden verkauft, vererbt oder verschenkt. Der untere Teil des Frutiglandes war – je nach Besitzverhältnis und Regentschaft – Kastlanei, Herrschaft, Twingherrschaft oder Gerichtsherrschaft. Dazu gehört Mülenen, das an der engsten Stelle des Kandertals liegt. Unsere Vorfahren wussten um die topografisch und strategisch ideale Stelle und dass einfallende Feinde am besten dort abzuwehren waren. Man nimmt an, die Herren von Kien hätten die erste Burg und die beiden Letzimauern (Verteidigungswalle) errichten lassen. Wann das geschah, ist nicht verbrieft.

Auf sichere Distanz zum Wasser
Siedlungen wurden fernab von Gefahren des Wassers errichtet, so auch das damalige «Städtchen» Mülenen. Die nördliche Mauer verlief ungefähr entlang der heutigen Quartierstrasse «Suldgraben» und dem oberen Teil der Stationsstrasse. 1352 verkaufte der Thüring von Brandis die sogenannte «untere Herrschaft», die aus den Gerichten Aeschi und Mülenen-Reichenbach bestand, an die Stadt Bern. Die heutige Gemeindegrenze zwischen Reichenbach und Aeschi geht auf diese Teilung zurück.

Im Regionenbuch von 1782 ist Folgendes zu lesen: «Der Eintritt in diess Gricht am Hauptpass (das heisst an der Hauptdurchgangsstrasse). Die Grichtsmarch gegen Äsche gehet dadurch der Ringmauer nach. Auf der Äscheseite sind noch 3 Häuser, darunter das Land-Siechenhaus. Thut mit hierseitigen 12 15 Häuser.» (Mülenen hatte auf Reichenbachgebiet 12, auf Aeschigebiet 3, gesamthaft also 15 Häuser).

In der Helvetik (1789 bis 1803) wurden in der Schweiz gemäss dem französischen Vorbild die Munizipalgemeinden festgelegt. Der Einfachheit halber wurden diese mehr oder weniger unverändert übernommen. Weshalb die Grenze weiter oben nicht mitten durchs Bachbett verläuft, darüber kann heute nur spekuliert werden.
Die Suld folgte nach Austritt aus der Schlucht keinem bestimmten Lauf, sondern nahm, zusammen mit der Kander, die ganze Talbreite ein. Flurnamen wie «Gändli» (auf dem Plan oben rot eingekreist) und «Chappelengand» kommen nicht von ungefähr. Auf dem Plan von 1835 ist eine Begradigung eingezeichnet, die jedoch so nie ausgeführt wurde. Dies geschah erst um die vorletzte Jahrhundertwende im Zusammenhang mit dem Bau der Eisenbahnstrecke zwischen Spiez und Frutigen.

Hochwasserschutz ist aktueller denn je
Um Mülenen vor Hochwasserschäden zu schützen, wird derzeit in der Schützenweid ein grosser Geschiebe- und Schwemmholzrückhalt gebaut. Obschon er grösstenteils auf Aeschi-Boden zu liegen kommt, beteiligen sich die zwei Anstössergemeinden finanziell zu etwa gleichen Teilen daran. «Wir sind mit Reichenbach freundschaftlich verbunden. Beiden ist es ein Anliegen, Menschen, Gebäude und Infrastruktur so gut wie möglich zu schützen – egal woher das Wasser kommt», erklärt der Aeschiner Bauverwalter Sven Ruge und fügt gleich an: «Hingegen geht ein Kostenanteil für die neue Brücke zur Niesenbahn zu unseren Lasten, da sie vollständig auf unserem Gemeindegebiet liegt.»

Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Der Rentner Paul von Känel wurde in Mülenen geboren, zog von Berufes wegen weg und ist später wieder zurückgekehrt. Er fühlt sich primär als Mülener und erst an zweiter Stelle als Reichenbacher. «Mir hi scho gsinet, e Freistaat Mülenen z’gründe», meint er augenzwinkernd.
Markus von Känel ist auch am südlichen Rand des Dörfchens aufgewachsen und ging deshalb nach Reichenbach zur Schule. Vor wenigen Jahren erwarb er das Haus mit der Adresse Suldgraben 1 und bewohnt es inzwischen mit seiner Partnerin. «Theoretisch bin ich nun Aeschiner, aber nach wie vor auch Mülener. Unsere Kinder müssten dereinst nach Aeschi in die Schule.» Einen Bezug zu Aeschi hat er (noch) nicht. Eine Frau – sie will nicht namentlich erwähnt werden –, wohnte schon immer auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Sie kenne nichts anderes als diese Gemeindegrenze, was für sie normal sei. Nach ihrer Herkunft gefragt sage sie stets: «von Mülenen».

Warum aber ist Mülenen keine Bäuert? «Das Dörfchen gehörte schon immer zur Bäuert Reichenbach. Die wenigen Einwohner hätten kaum eine eigene Körperschaft bilden können», sinniert alt Gemeindeschreiber Jakob Mürner.

Obschon das «Stedtli» eine geschlossene Siedlung ist und mit 3711 eine eigene Postleitzahl hat, gibt es keinen Dorfverein. Die Aeschiner stellen ihre Kehrichtsäcke am Montag an die Strasse, auf Reichenbach-Boden wird der Müll am Donnerstag abgeführt. Unterschiedlich ist auch der Steuerfuss. In Reichenbach beträgt er 1,77, in Aeschi 1,69. Für Markus von Känel war dies jedoch nicht der Grund für den Umzug.

Quellen
Stalder Walter: «Aeschi, aus Geschichte und Heimatkunde» 1991; Bach Fritz: «Die Entstehung der Gemeinden im Amt Frutigen» 1940; Gutschert Daniel und Wild Werner: «Die Letzimauer von Mülenen»; «Regionenbuch» 1782; Plan: Staatsarchiv Bern AA V 296


Eine Anekdote um die Garage

Noch heute wird gemunkelt, zu Beginn der 1950er-Jahre seien die Gemeinderäte zwecks Begradigung der Grenze zusammengesessen. An der heutigen alten Frutigenstrasse 3/5 existierte schon damals eine Autogarage mit Tankstelle. Deren Besitzer war kurz vorher mit seinem Töff tödlich verunglückt. Der Konkurs war voraussehbar, und es war zu befürchten, die Witwe und ihre Kinder würden bald armengenössig. Reichenbach wollte sich nicht in diese Kosten stürzen und überliess Aeschi das Territorium. Doch es kam anders: Die Familie zog weg und verkaufte die Liegenschaft den Brüdern Schlatter, welche die Garage erfolgreich weiterführten.Einen noch grösseren Aufschwung hatte deren Nachfolger, die Firma Auto Bettschen. Dieser Betrieb mauserte sich zu einem der grössten Steuerzahler von Aeschi. Wahrscheinlich wurmte dies die Reichenbacher noch lange …

WI

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