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Rückzug früher als geplant

Am letzten Donnerstag kam es zur Aussprache zwischen der Rigips AG und der Gemeinde. Dabei wurde unter anderem diskutiert, wie es mit der bestehenden Gipsgrube weitergehen soll, wenn das Unternehmen seine Standorte in der Region aufgibt.

BIANCA HÜSING
Die «Abbauerweiterung Süd» ist vom Tisch, daran gibt es eigentlich nichts mehr zu rütteln. Zwar betonte die Geschäftsleitung der Rigips AG abermals, dass sie erst das Konsultationsverfahren abwarten wolle. Es gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich, dass die Belegschaft Vorschläge zur Rettung der Standorte in Heimberg und Leissigen machen kann, die der Führungsetage noch nicht in den Sinn gekommen sind. Auch ein Käufer oder eine Käuferin dürfte angesichts der Marktlage schwer zu finden sein. «Ich glaube, dass es sich beim Konsultationsverfahren auch eher um eine Alibi-Übung handelt», meint Krattigens Gemeindepräsident Christian Kummer. Deshalb habe ihn beim klärenden Gespräch am Donnerstag vor allem die Zukunft nach der Schliessung interessiert. Was passiert mit jenem Perimeter, auf dem das Unternehmen über Jahrzehnte Gips abgebaut hat?

Keine Entschädigung für die alte Fläche
«Das Abbaugebiet Nord wird nicht mehr ganz ausgeschöpft», erklärt Kummer. Obwohl der Vorrat wohl noch für zwei Jahre reichen würde, bricht die Rigips AG ihre Zelte dort bereits früher ab: voraussichtlich im Jahr 2020, wenn auch die beiden Werke in Heimberg und Leissigen stillgelegt werden sollen. Ab dann wird das Unternehmen die Spuren seiner Arbeit beseitigen müssen. Die Überbauungsordnung schreibt genau vor, welche Renaturierungsmassnahmen wo ausgeführt werden müssen. Ob die Rigips AG das noch selbst in die Hand nimmt oder Dritte beauftragen will, steht noch nicht fest. So oder so: Die Umsetzung der Massnahmen dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Um das Gebiet wieder in eine Grün- und Nutzfläche umzuwandeln, muss das Unternehmen zunächst die Gruben auffüllen lassen – zum Beispiel mit Aushubmaterial. «Man schätzt, dass dort 500 000 Kubikmeter Material deponiert werden können», so Kummer. Da Deponien in der Region händeringend gesucht werden, dürfte dies das geringste Problem sein.

Ausser neue Grünflächen bekommt die Gemeinde allerdings nichts. Wie Christian Kummer erläutert, hätten die Verantwortlichen damals keine Abgeltungen mit der Rigips AG vereinbart. Anders hätte es bei der «Abbauerweiterung Süd» ausgesehen: Hier wäre Krattigen für die Querung der Strasse, für jeden abgetragenen Kubikmeter Gips und für die spätere Deponie-Nutzung entschädigt worden. «Warum solche Verträge früher nicht abgeschlossen wurden, weiss ich nicht», meint der Gemeindepräsident. Dafür habe man für den letzten Abschnitt am Rotebüel, der erst 2016 genehmigt wurde, eine Pauschale von 148 500 Franken bekommen – «wenigstens so viel Geld, dass unser Planungsaufwand für das Erweiterungsprojekt abgedeckt ist.»

Später Triumph für Landschaftsschützer
Was die Begründung der Rigips AG für die Standortschliessungen betrifft, so zeigt Kummer trotz seiner Enttäuschung auch ein gewisses Verständnis. Die Gipsplatten seien heute nicht mehr so gefragt, der Absatz sei stark zurückgegangen. «Ich glaube der Geschäftsleitung, dass sie jede Option geprüft hat, bevor sie sich zur Stilllegung entschlossen hat», meint Kummer. «Ich staune lediglich über den Zeitpunkt.» Hätte er nach der Mitteilung am Dienstag nicht schon zwei Tage Zeit gehabt, sich an den Gedanken zu gewöhnen, «wäre das Gespräch sicher etwas anders verlaufen».

Immerhin habe das Ganze auch seine positive Seite: Wo sonst über 50 Jahre gebohrt worden wäre, bleibe die Natur nun unberührt. «Das wäre schon ein rechter Eingriff gewesen», räumt Kummer ein. Doch die Bevölkerung habe mit grosser Mehrheit hinter dem Projekt gestanden – im Gegensatz zu Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL). Zum wahrscheinlichen Wegzug der Rigips AG aus dem Berner Oberland möchte er sich zwar nicht äussern. «Wenn aber dadurch die Erweiterung des Abbaus vom Tisch ist, bin ich selbstverständlich hocherfreut», so Rodewald. Seiner Ansicht nach wäre das Projekt aufgrund der Eingriffe in Natur, Wald und Landschaft ohnehin nicht bewilligungsfähig gewesen. Die SL habe daher seinerzeit eine «deutlich kleinere» Erweiterung vorgeschlagen.

Auch Pro Natura hatte eine Redimensionierung des Projekts gefordert, die auf den lokalen Bedarf ausgerichtet ist. Zur aktuellen Entwicklung meint Markus Schnidrig von Pro Natura Berner Oberland: «Dass mit der bevorstehenden Stilllegung der Rigips-Werke Heimberg und Leissigen Arbeitsplätze verloren gehen, bedauern wir sehr.» Der mutmassliche vollständige Verzicht auf das Abbauvorhaben stehe aber nicht in direktem Zusammenhang mit der Werkstilllegung Leissigen. Er sei lediglich eine Folge davon. «Deshalb würden wir einen Verzichtsentscheid für das Abbauvorhaben begrüssen», so Schnidrig.

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