Flexible Preise erreichen die Lebensmittelbranche

Mo, 01. Apr. 2019

Dynamische Preismodelle sind im Trend. Nun sollen sie auch da spielen, wo man sie am wenigsten erwartet: In Verkaufsregalen von Lebensmittelläden in der Region.

Der Aussage, dass ein Skitag unter stahlblauem Himmel nicht denselben Wert hat wie einer im stockdicken Nebel, pflichtet wohl manch ein Schneesportler bei. «Warum soll sich das nicht auch im Ticketpreis spiegeln?», fragten sich findige Unternehmer denn auch und entwickelten daraufhin Software-Programme, die den Preis einem komplexen Algorithmus folgend täglich neu berechnen. Zu diesen Entwicklern gehört auch die Pricenow AG aus Reichenbach (der «Frutigländer» berichtete).
Generell scheint das Frutigland ein guter Nährboden für innovative Ideen in diesem Themenfeld zu sein: Jüngst tauchte im kantonalen Handelsregister die neue Firma FlexFood GmbH auf, die ein ähnliches Ziel verfolgt – wenn auch in einer anderen Branche. «Das Unternehmen bezweckt die Einführung flexibler Preismodelle im Lebensmittelbereich», lautet die Firmenbeschreibung. Doch wie genau funktioniert das?

Einflussfaktoren variieren je nach Produkt
«Stellen Sie sich vor: Es ist heiss draussen, sie haben Durst. Sind Sie in solchen Momenten nicht bereit, für ein frisches Getränk tiefer in die Tasche zu greifen als an einem kühlen Herbsttag?» Das genannte Beispiel von Firmengründer Oswald Hari tönt an sich einleuchtend. Der zugezogene Frutiger ist denn auch zuversichtlich, dass seine Idee im Tal Anhänger findet. Bereits kontaktierte er verschiedene Detaillisten, um sie für ein Pilotprojekt zu motivieren – und erhielt gleich zwei Zusagen. «Das ist ein guter Start.»
Die Versuchsphase beginnt nächste Woche. Ab dem 10. April werden drei ausgewählte Produkte sowohl im TopShop Kandersteg wie auch im Dorflädeli Frutigen flexiblen Preisen unterliegen. Es sind dies Bier, Reis sowie Taschentücher. Die Kriterien, die den Preis bestimmen, sind dabei nicht bei allen Produkten gleich: Beim Bier etwa spielen einerseits die Wetterbedingungen eine Rolle, aber auch der Wochentag. «An Montagen sind die Leute meistens noch nicht in Festlaune. Folglich wird das Bier dann sicher billiger zu haben sein», so Hari. Etwas komplexer wird es bei den Taschentüchern, wo sowohl Meldungen des Bundesamts für Gesundheit (Grippewellen) wie auch die aktuellen Pollenmeldungen berücksichtigt werden. Beim dritten Produkt schliesslich kommt die Touristensaison zum Tragen: «Es ist davon auszugehen, dass in der Ferienzeit der chinesischen Bevölkerung der Reiskonsum steigt und damit die Preise etwas höher liegen als sonst», erläutert Hari.

Keine generelle Teuerung
Monika Blatter vom Frutiger Dorflädeli fand die Idee der flexiblen Preise auf Anhieb sympathisch. Gleichwohl hatte sie Bedenken: «Natürlich kann es nicht das Ziel sein, dass die Preise allgemein steigen.» Oswald Hari habe sie jedoch überzeugen können: Über das ganze Jahr gesehen sei in der Software ein Medianwert festgelegt, der nicht überschritten werden dürfe. Verhalten positiv äussert sich Alexandra Rathmayr vom Kandersteger Top Shop. Man sei immer bereit, etwas Neues auszuprobieren, nehme sich aber die Möglichkeit heraus, das Projekt bei negativen Erfahrungen vorzeitig abzubrechen. «Im besten Fall kommen die Kunden zu uns, um zu schauen, wie sich die Preise an diesem Tag entwickeln», so Rathmayr.
Längst nicht alle Detaillisten reagieren mit der gleichen Offenheit. Laut Hari gab es auch etliche Absagen. Desillusioniert ist er deshalb aber kaum: «Um so etwas zu lancieren, braucht es unter anderem Geduld. Der Blick auf die Skibranche stimmt mich jedenfalls zuversichtlich. Starre Preise entsprechen überhaupt nicht der Logik des Marktes.»

Julian Zahnd

 

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