Trotz der Pandemie war der 42. Concours so gut besucht wie sonst – und ab Freitag spielte sogar das Wetter mit. Der «Frutigländer» schaute an einem der vier Tage vorbei und bekam unter anderem das Publikumshighlight zu sehen: den «Ride and Bike»-Parcours. GALERIE
BIANCA HÜSING
Kaum öffnet sich die Zugtüre, steigt einem ein leicht süsslicher Stallgeruch in die Nase. Auf dem Weg zur Bahnhofsmatte ist Vorsicht geboten, sonst tritt man mit etwas Pech in einen Pferdeapfel. Was unter normalen Umständen wohl nicht die beste Visitenkarte für einen Ferienort wäre, ist hier und heute genau richtig – und zieht eine bestimmte Art von Touristen sogar an. Vier Tage lang wird Kandersteg von FreundInnen des Pferdesports bevölkert. Mehr als 400 ReiterInnen aus der ganzen Schweiz haben sich für die 42. Ausgabe des Concours angemeldet, um sich an insgesamt 23 Sprungwettkämpfen mit über 1300 Starts zu messen – und anschliessend ausgiebig zu feiern.
Erst Schlamm, dann Sonne
«Trotz Corona haben wir so viele Teilnehmer wie in normalen Jahren. Wahrscheinlich haben die Leute nur darauf gewartet, dass endlich wieder etwas läuft», freut sich die Medienverantwortliche Christa Bohny. «Und heute kommt sogar noch richtiges Wetterglück dazu.» Dass der Sand an diesem Freitag so trocken ist, grenzt nach den Regenfällen der letzten Tage tatsächlich an ein Wunder.
Gestern noch hat hier alles unter Wasser gestanden, von den sonst üblichen 50 bis 60 Startenden pro Prüfung traten in der Kategorie R 120 nur noch wenige an. «Es gibt Pferde, die heikler sind als andere und bei solchen Bedingungen nicht gerne springen», erklärt Bohny. Trotzdem habe man den Wettkampf durchgezogen und den Modus leicht angepasst. Damit die Konkurrenten nicht allzu lange im Regen bleiben mussten, durften sie zweimal den gleichen Parcours reiten. Wer sich durch diesen Schlamm kämpfte, hat sich das Feierabendbier auf der Party denn auch mehr als verdient.
Eine familiäre Atmosphäre
Nachdem die Frutigerin noch ein paar Fakten zum diesjährigen Reitfest aufgezählt hat, muss sie auch schon wieder los. «Ich habe schliesslich einen Titel zu verteidigen», lacht sie. Christa Bohny ist nämlich nicht nur fürs Beantworten von Journalistenfragen zuständig, sondern amtet bei der Hälfte der Wettkämpfe als Speakerin und nimmt obendrein noch selbst an welchen teil. Ununterbrochen schwirrt sie über den Platz und wird dabei angesprochen. Doch nach Anzeichen von Stress sucht man in ihrem Gesicht vergeblich. Immer wirkt sie gut gelaunt – auch dann, als ihr eine Helferin von einer anonymen Lärmbeschwerde berichtet. Bohny versichert: «Wir waren nie über dem zulässigen Dezibelwert.» Möglicherweise sei nach Monaten des Lockdowns bei einzelnen Leuten die Toleranzschwelle etwas gesunken, mutmasst sie. Sonst gebe es keine Probleme mit der Bevölkerung. Im Gegenteil: «Kandersteg steht hinter seinem Concours. Nebst den 125 Mitgliedern des Reitvereins helfen auch andere Anwohner mit, das Fest auf die Beine zu stellen.» Beim Feiern herrsche überdies stets eine familiäre Atmosphäre zwischen Pferdefans und Einheimischen. «Das ist auch der Grund, warum der Kandersteger Concours schweizweit so beliebt ist. Für viele ist er DAS Reitfest», meint Christa Bohny. Es sei mittlerweile eine Tradition, dass viele Reiter gleichzeitig ihre Ferien in Kandersteg verbringen und ihre Pferde in den vier Boxenzelten mit über 200 Boxen einstellen.
Die Tiere haben ihren eigenen Kopf
Als sich die Medienchefin für den «Ride and Bike»-Wettkampf anzieht, läuft auf dem Hauptplatz noch die 90-cm-Prüfung – eine Art Plauschwettkampf für Reiter-Innen ohne Lizenz. Auf einem für Laien nicht so leicht zu durchschauenden Parcours gilt es, zehn Hürden zu überwinden. Schnalzend motiviert eine Teilnehmerin ihr Tier zum Absprung. Eine andere ruft: «1,2, mir gönd!» Doch die Pferde haben ihren eigenen Kopf. Während manche scheinbar mühelos über die Hindernisse fliegen, bremsen andere unvermittelt ab oder reissen beim Sprung eine Stange mit sich. Drei solcher Vorfälle führen zum Ausschluss, wie die Speakerin hin und wieder verkünden muss. Einmal kommt es während dieser Prüfung zum Sturz. Eine Reiterin bleibt kurz am Boden liegen, hat sich augenscheinlich aber nicht verletzt. Aufmerksam beobachten die beiden SanitäterInnen das Geschehen und zucken jedes Mal zum Aufbruch, wenn ein Pferd unerwartete Bewegungen macht. Doch insgesamt scheint erstaunlich wenig zu passieren.
Tom Cruise und Miss Piggy auf dem Rad
Zur Feierabendzeit füllt sich das Gelände zunehmend mit jubelnden Einheimischen. Der Publikumsmagnet des Concours steht bevor: das «Ride and Bike». Reiter und Biker treten als Zweierteams an und müssen nacheinander je acht Hindernisse meistern. Als der Rennleiter den Teilnehmern die einzelnen Stationen zeigt, lächelt er schelmisch und zückt den Zollstock. Viel Platz haben die Biker nicht, wenn sie sich etwa zwischen einem Spielzeugtraktor und -anhänger durchschlängeln müssen. Dass es hier vor allem um Spass geht, zeigt sich auch an den Durchsagen. Während der Prüfung werden die Antworten der Teilnehmerpaare auf zuvor gestellte Fragen verlesen – zum Beispiel, welchem Promi ihr Partner ähnelt. Für «Miss Piggy» fällt die Durchsage weniger schmeichelhaft aus als für «Tom Cruise». Doch ein Publikumslacher ist beiden gewiss.
Das Biken im Sand ist offensichtlich sehr anspruchsvoll. Nicht jeder traut sich, schnell zu fahren. Den grössten Kampfgeist beweisen die jüngsten Teilnehmer – und werden dafür kräftig angefeuert. Wer es mit 0 Fehlern und Bestzeit durch den Parcours schafft, gewinnt. Für Christa Bohny und ihren Schwiegersohn, OK-Präsident Hansueli Hänni, reicht es diesmal nicht ganz: Sie landen auf dem guten dritten Rang unter fast 20 Equipen. Vor zwei Jahren hatten die beiden noch schnell den Wettkampf gewonnen, bevor Biker Hansueli Hänni mit seiner Frau Simona ins Spital eilte und der Geburt ihres Sohnes Leano beiwohnte. Heute sieht man den Kleinen immer wieder über den Platz flitzen und beim Aufbau helfen. Um eine Karriere im Reitverein kommt er wohl nicht herum.
Mehr Fotos finden Sie in unserer Bildergalerie unter www.frutiglaender.ch/galerie.html
Highlights von Samstag und Sonntag
Am Samstag ging es bereits um 7 Uhr weiter mit der ersten Prüfung R / N 100. Diese konnte der OK-Präsident Hansueli Hänni mit seiner erst sechsjährigen Stute Cohiba für sich entscheiden. Victoria Bohny erreichte mit dem Pferd Leni in Love den dritten Rang. Im R / N 120 gewann Reto Kaufmann aus Uttigen mit Zarento. Das R 125 entschied Tiziana Realini mit ihrem 12-jährigen Wallach Verygood Delacense für sich.
Am Sonntag wurden dann die Edelweiss-Tour-Prüfungen in den Kategorien R 105, R 115 und R 120 mit je einer Siegerrunde ausgetragen. Die besten 30 Prozent durften in einem Stechparcours erneut gegeneinander antreten. Das R 105 gewann Tamara Berger mit Diamond Star, das R 115 Markus Rhyn mit Beach Candy und das R 125 Selina Meier mit Babouchka de l’Epine.
Die Organisatoren bilanzieren: «Es war ein wunderschönes Reitfest und wir freuen uns, nächstes Jahr wieder viele Teilnehmer und Besucher auf der Bahnhofmatte begrüssen zu dürfen.»
CHRISTA BOHNY, MEDIENVERANTWORTLICHE CONCOURS KANDERSTEG
Sämtliche Resultate finden Sie online unter www.frutiglaender.ch/web-links.html






