Nach elf Jahren geht Pfarrerin Isabelle Santschi in den vorzeitigen Ruhestand. Letzten Sonntag fand ihr Abschiedsgottestdienst statt. Nun blickt sie auf eine erfüllte Zeit zurück.
KATHARINA WITTWER
«Ich bereue, dass ich erst mit 40 Jahren das Theologiestudium in Angriff genommen habe. Pfarrerin ist in meinen Augen der wunderbarste Beruf der Welt», schwärmt Isabelle Santschi – und man glaubt es ihr sofort.
Am 23. Januar 2011 fand in der Kirche Krattigen ihre Amtseinsetzungsfeier statt. Auf den Tag genau elf Jahre später wurde die Pfarrerin am gleichen Ort in einem feierlichen und lebendigen Gottesdienst mit vielen BesucherInnen verabschiedet. Verschiedene Gründe bewogen sie, sich frühzeitig pensionieren zu lassen. Sie nennt zum Beispiel ihren viel älteren, gesundheitlich angeschlagenen Ehemann, mit dem sie noch einige gemeinsame Jährchen geniessen möchte. Dass sie – auch wegen der Pandemie – kaum mehr Energie hat und ihr die Belastung zu viel geworden ist, verschweigt sie ebenso wenig. Nicht zuletzt ist sie der Überzeugung, dass es für die Kirchgemeinde nur positiv sein kann, wenn eine neue Pfarrperson frischen Wind und neue Ideen mitbringt.
Die schönen Erinnerungen überwiegen
Nach den schönsten Erinnerungen gefragt, sprudelt es nur so aus der 58-Jährigen heraus. «Es gibt so viele! Eigentlich jede Predigt, jeder Anlass – sei es mit Kindern, Konfirmanden oder mit Erwachsenen, Osterfeiern am frühen Morgen, aber auch ganz gewöhnliche Begegnungen mit Menschen auf der Strasse oder im Postauto.» Wie sie oft beobachtet hat, funktioniert die Nachbarschaftshilfe im Dorf auch in der Corona-Zeit. Trotzdem gibt es hier viele, die still unter Einsamkeit leiden und aus verschiedenen Gründen keine Hilfe holen. «Das stimmt mich traurig. Gerne hätte ich noch mehr Besuche gemacht, was leider zeitlich nicht drin lag», bedauert sie. Eine grosse Herausforderung waren tragische Todesfälle. Diese erforderten viel Fingerspitzengefühl. Pfarrpersonen unterliegen einem sehr strengen Amts- und Berufsgeheimnis. Dies mag der Grund sein, weshalb ihr ab und zu Leute ihre Lebensgeschichte anvertrauten. Solche Gespräche haben Isabelle Santschi stets tief berührt.
«Tue Gutes und sprich darüber», ist das eine. Es gibt aber überall im Leben viele «Heinzelmännchen» die stillschweigend im Hintergrund Wichtiges erledigen. «Wie zum Beispiel eine Sigristin. Erst seit ich mein Büro hier in der Kirche habe, weiss ich, was sie so alles leistet und mit wie viel Herzblut sie ihre Tätigkeit ausübt. Stilles Schaffen wird leider oft übersehen, wie eben auch ein stilles, zurückgezogenes Dasein», sinniert die Neu-Rentnerin.
Zeit fürs Malen und Musizieren
Nach der Pensionierung will sich Isabelle Santschi weiterhin für die Gemeinschaft engagieren. Sie hat sich bereits im «Solina» Spiez – in ihrem Wohnort – für freiwillige Tätigkeiten wie beispielsweise Vorlesen gemeldet. Auch liess sie sich auf die Liste der Pfarr-Stellvertretungen in Gemeinden der näheren Umgebung setzen. Sie freut sich auf die Zeit zum Lesen, Musizieren, Malen oder worauf sie gerade Lust haben wird. Vor allem hofft sie, noch viele schöne Stunden mit ihrem Ehemann verbringen zu können. Bestimmt denkt sie auch später an ihre elf erfüllten Berufsjahre zurück. «Gibt man etwas, erhält man viel zurück. Und ich habe sehr viel erhalten.»



