EINE LÜCKE DER HOFFNUNG
Seit einigen Wochen bereitet uns die Landesregierung auf den kommenden Winter vor. Während die «Weltwoche» wenig zimperlich eine «kalte und dunkle» Zeit heraufbeschwört, geht der Bundesrat sehr behutsam vor. Bald schon wird er uns bitten, Energie zu sparen, um die drohende Gasund Strommangellage abzuwenden. Es könnte zudem sein, dass wir zwischenzeitlich vor stillen Rolltreppen stehen werden. Dass wir nachts nicht mehr alle Leuchtreklamen lesen können. Dass wir den einen oder anderen Saunagang auslassen müssen. Und wenn das alles nicht reicht und die Wirtschaft schon genug geblutet hat, dann tritt das schlimmste aller Szenarien ein, genannt Ultima Ratio:
Privathaushalte müssen ein paar Stunden ohne Strom auskommen.
Würde es tatsächlich so weit kommen, dann erginge es uns so wie einem grossen Teil der Weltbevölkerung, der tagtäglich nicht bloss ohne fliessenden Strom, sondern auch ohne fliessendes Wasser auskommen muss. Im Gegensatz zu diesen Menschen könnten wir die stromlosen Stunden mit geringen Einbussen überbrücken: bei Kerzenlicht und Solarlampen statt LED. Mit einem Buch (oder einem aufgeladenen Smartphone) statt des Fernsehens. Mit frisch zubereiteter Rohkost statt einer warmen Mahlzeit und im Wollpullover statt im T-Shirt.
Doch all das will uns natürlich niemand zumuten. Stattdessen denkt die Politik laut über eine Verlängerung von AKW-Laufzeiten oder über den Bau ölbetriebener Gaskraftwerke nach.
Das Traktandum Energiesparen gehört mittlerweile zwar zum Standardprogramm des modernen Politikers. Doch noch vor Kurzem wagte sich kaum jemand, beim individuellen Verhalten anzusetzen. Selbst vernünftige Volksvertreter priesen im Bundeshaus lieber das Potenzial moderner Technologien statt jenes der Mässigung. Der Quell allen Übels, unsere Masslosigkeit, wurde lieber perfektioniert als ausgemerzt.
Für die meisten Privatpersonen ist die drohende Stromlücke bei genauer Betrachtung ein eher zahnloses Schreckgespenst. Vielleicht wäre sie sogar unsere Rettung.
JULIAN ZAHND
J.ZAHND@FRUTIGLAENDER.CH



