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NACHHALTIG – Gut oder böse?

Gut oder böse?

Schadet ein Wasserkraftwerk der Natur? Oder ist es die Antwort auf die Umweltverschmutzung durch Öl und Benzin? – Bedroht eine alpine Solaranlage die Biodiversität? Oder bedroht vielmehr die Klimaerwärmung unsere Flora und Fauna?
Wie ein Artikel im «Frutigländer» vom 28. Februar aufgezeigt hat, bekunden besorgte Naturschutzorganisationen wie Pro Natura noch Mühe, dieses Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Energiewende in ihre Strategien und Handlungen so einzubinden, dass am Schluss tatsächlich der Umwelt geholfen ist. Auch wenn ich diesen Organisationen seit langem dankbar bin, dass sie unermüdlich Natur und Landschaft vor schädlichen Eingriffen bewahren, so appelliere ich im Energiekontext an ihre Bereitschaft, die Interessensabwägung zwischen Schutz und Nutzen sorgfältiger und weitsichtiger als bisher vorzunehmen.
Keine der erneuerbaren Stromarten in der Schweiz löst für sich alleine unsere Stromversorgungslücke. Welche Lücken können uns in den nächsten Jahrzehnten denn zu schaffen machen? Primär der Ersatzstrom für die 60 Prozent Energie aus fossiler Quelle, die wir bis 2050 nicht mehr einsetzen wollen. Dann Winterstrom, Nachtstrom, Atomstrom, europäischer Netzstrom. Dafür braucht es Ersatz.
Diese riesige Aufgabe können wir nicht mit halbfertigen Vorschlägen von wegen «Solarstrom auf allen Dächern» angehen. Die Chance liegt vielmehr im Verbund aller erneuerbaren Stromformen: Windkraft bei schlechtem Wetter, Wasserkraft bei Regen, Solarkraft bei Sonne. Heute haben wir mit Ausnahme der Wasserkraft nicht einen Bruchteil dessen, was eine Fossil-freie Zukunft in der Schweiz voraussetzt.
Kategorisch bezeichnet Pro Natura Berner Oberland geplante Wasser- und Windkraftwerke und neu auch alpine Solaranlagen als «unnötige Belastung für die Alpen» mit «schwer abschätzbaren ökologischen Auswirkungen» und fordert stattdessen mehr Solarenergie auf Dächern sowie Energiesparmassnahmen. Gegenbeweis: Seit über zehn Jahren produziert das erneuerte Kleinwasserkraftwerk auf der Engstligenalp Strom für gut 500 Haushalte. Es liegt mitten in einer schützenswerten Landschaft, wird als unterirdische Anlage kaum wahrgenommen, stört keinen Fisch und lässt gesetzeskonform und kontrolliert genug Restwasser durch den 400 Meter langen Bachabschnitt fliessen.
Im Simmental plant ein Biobauer und Alpgenossenschafter auf der eigenen Alp ein Solarkraftwerk, überzeugt davon, dass die Anlage weder den eigenen Kühen noch der Natur schaden wird. Warum werden solche Projekte grundsätzlich bekämpft?
Es braucht keinen Taschenrechner für die Erkenntnis, dass mit dem schleppenden Zubau von erneuerbarem Strom in der Schweiz keine Chance besteht, das Netto-Null-Ziel 2050 zu erreichen. Einen Teil der Verantwortung dafür tragen die langwierigen Bewilligungsabläufe, die den gültigen Schutzgesetzen, den Verwaltungen, dem Föderalismus und dem Verbandsbeschwerderecht geschuldet sind. Endlich scheinen Bund und Kantone dies erkannt zu haben und versuchen, die Zeit von der Projektidee bis zur Realisierung zu verkürzen. Leider wird auch da aktuell der erste Vorschlag aus dem Wallis bereits wieder mit einem Referendum ausgebremst.
Noch weit wichtiger ist es, dass die Umweltverbände endlich die Biodiversitätskrise (eine der ganz grossen Bedrohungen unseres Lebens!) mit dem Klimawandel verbinden. Während im Mittelland primär die Bautätigkeit und die Landwirtschaft Schuld am Artenschwund tragen, so ist es in den Bergen die Klimaerwärmung. Fachleute befürchten, dass mit einer prognostizierten Erwärmung von zwei und mehr Grad Celsius viele Arten der Flora und Fauna im gesamten alpinen Lebensraum unter die Räder kommen werden. Da geht es nicht mehr um den einen Standort der Steinfliegenlarve im Lötschental, da geht es um alle Standorte dieser bedrohten Insektenart in den Alpen. Bergblumen, die sich bisher in der Kälte behaupteten, werden von Blumen aus tieferen Lagen, die konkurrenzkräftiger sind, verdrängt. Im ganzen Alpenraum, nicht nur im Triftgletschervorfeld.
Den Umbau unseres Energiesystems hin zu erneuerbarem Strom zu bremsen bedeutet direkt, noch länger von Öl und Benzin abhängig zu sein. Indirekt bedeutet es, mit der damit verbundenen Klimaerwärmung ein fortschreitendes Artensterben in Kauf zu nehmen. Es versteht sich, dass bei allen neuen Stromprojekten nach geltenden Gesetzen auf die Natur Rücksicht genommen werden soll. Mit gutem Willen finden sich häufig noch ökologische Verbesserungen in der Projektausführung. Das darf aber weder gute Projekte verhindern noch verzögern.

Kurz: Ich erwarte von den Naturschutzorganisationen mehr technische Kompetenz und eine umfassendere Betrachtungsweise, wenn sie die Diskussion zur Energiewende mitgestalten wollen. Das Jahr 2023 wird mit der Klimaabstimmung und den Parlamentswahlen zentral sein für unsere zukünftige Umwelt. Ich bin jederzeit bereit, mich persönlich der Diskussion zu stellen und freue mich auf Reaktionen und Einladungen.

SAMUEL B. MOSER

NACHHALTIG@BLUEWIN.CH

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