Frutigen, das Klimaparadies
Diesen Frühling stand das Gras im Tal dank warmen Temperaturen und viel Regen teilweise mannshoch und bescherte uns volle Heustöcke. Aber auch die Alpweiden sind saftig grün und warten auf die Kühe. Auf der Terrasse lässt es sich abends bei angenehmen Temperaturen essen. Zwischendurch befeuchtet ein Gewitter den Garten und kühlt die Nacht ab.
Auf dem Bildschirm flimmert gleichzeitig eine SRF-DOK-Sendung; sie zeigt Bilder aus Mauretanien und Nigeria. Ein Bauer füttert seine Schafe und Ziegen im Stall mit Pappkarton; er und seine Tiere finden in der Umgebung keinen Grashalm mehr. Und kräftige Nigerianer graben einen Brunnen von Hand bis in acht Meter Tiefe, bis sie endlich auf wenig Wasser stossen. Ob es für das ganze Dorf inklusive Tiere reichen wird?
Zwei Welten, die unsere real, die andere weit weg und surreal. Gemeinsam ist ihnen allerdings, dass auch der mauretanische Bauer im Film vom Klimawandel spricht. So wie wir in den letzten Wochen – ob gewollt oder nicht – dieses Thema in allen Medienkanälen antrafen. Selbst nach dem Abstimmungssonntag wird die Diskussion im Internet weitergeführt. Psychologen versuchen, den «Nein-Gürtel» entlang der Alpen wissenschaftlich zu erklären; auch ich bin versucht, Erklärungen zu finden – einfachere Erklärungen.
Kürzlich poppte im Freundeskreis das Thema Trinkwasser auf. Während einige anregten, auch in Frutigen Wasserzähler in den Haushalten zu montieren, meinten andere, dass wir uns doch den «Luxus, immer genügend Wasser beziehen zu können», auch leisten dürften. Zugewanderte aus dem Unterland machten dabei deutlich, dass sie anfänglich über das Fehlen der Zähler sehr erstaunt gewesen seien. Aber tatsächlich fliesse hier Trinkwasser ohne Begrenzung, Tag und Nacht, zu einem fixen Preis pro Jahr aus allen Hähnen.
Es gäbe noch ein paar andere globale Themen im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Bei allen lande ich aber beim selben Punkt: nämlich, dass Frutigen von diesen nicht betroffen ist. Wohl gibt es auch ganz lokale Themen wie den Schneemangel in der Wintersaison, auf den auch der «Frutigländer» in seinem Kommentar zur Abstimmung hinweist. Aber das ist so was von nebensächlich angesichts der globalen Veränderungen, dass ich mich nur lächerlich machen würde, eine weitere Kolumne («Saisonstart anpassen» im «Frutigländer» vom 17. Januar 2020) für dieses Thema einzusetzen.
Ich versuche also für mich, die Ignoranz der Frutiger (und vieler anderer) zum Thema Klimawandel zusammenzufassen: Wir haben es nicht zu heiss, keinen Durst, genug zu essen und können wie gewohnt die Kühe auf die Alp treiben. Frutigen, das Klimaparadies!
Nachtrag: Alle, die mich kennen, wissen, dass ich nicht schwarz-weiss denke. Und auch nicht alle Frutiger Stimmenden in den gleichen Topf werfe. Abstimmungen unterliegen aber dem demokratischen Gesetz der Mehrheit, ungeachtet ob 64 Prozent oder 50,1 Prozent Nein-Stimmen: abgelehnt ist abgelehnt. Das lokale «Nein» vom letzten Sonntag hat deshalb für mich nur eines bedeutet: Das Klima in Frutigen passt uns so wie es ist. Andere kümmern uns nicht.
SAMUEL B. MOSER
NACHHALTIG@BLUEWIN.CH



