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SCHLUSSPUNKT – Was ist so schlimm an 88?

WAS IST SO SCHLIMM AN 88?

«You Germans really are obsessed with Hitler» – «Ihr Deutschen seid wirklich Hitler-besessen», warf mir vor Jahren mal ein finnischer Bekannter vor. Mein erster Impuls war natürlich Abwehr: «So ein Quatsch!» Und dann Verteidigung: «Wir halten nur die Erinnerung wach, damit sich das alles niemals wiederholt.» Den Schuh mit der Hitler-Obsession wollte ich mir nicht anziehen. Dass er passt wie angegossen, merkte ich erst, als ich Deutschland den Rücken kehrte (und dadurch überhaupt erst «die Deutsche» wurde).
An meinem Arbeitsplatz gibt es noch einen von meiner Sorte, also von «den Deutschen». Interessanterweise zeigt er die gleichen Reflexe wie ich. Wann immer irgendwo die Zahl 88 auftaucht, sind wir wahlweise alarmiert oder amüsiert. Aber reagieren tun wir jedes Mal – zum Unverständnis unserer Schweizer KollegInnen. Für sie ist 88 eine Zahl wie jede andere. Wir dagegen denken unweigerlich an einen Nazi-Code. H ist der achte Buchstabe des Alphabets. Bei den Ewiggestrigen steht 88 für HH: «Heil Hitler». Selbst bei einem so harmlosen Wort wie «Lebensraum», das in den Naturwissenschaften völlig gängig ist, läuten bei uns die Alarmglocken.
Als ein Freund von mir (Schweizer) neulich einen Terminvorschlag ablehnte mit dem Verweis auf seinen Hochzeitstag, konnte ich nicht anders: «Das ist ja kein so romantisches Datum», kommentierte ich. «Warum das?», fragte er. «Naja, der 20. April ist Hitlers Geburtstag. Vielleicht hättet ihr besser am 20. Juli (Tag des Attentats auf Hitler) heiraten sollen.» Er nahm die Bemerkung zum Glück mit Humor. Trotzdem wurde mir mit einem Schlag bewusst: Der Finne hatte recht! I really am obsessed with Hitler.
Aber ist das wirklich so schlecht? Die Urner Gemeinde Schattendorf lud letztens ein Bild von einem KZ-Tor mit der Aufschrift «Arbeit macht frei» auf ihre Website, um auf einen Feiertag hinzuweisen. Da hätte die Warnung einer Hitler-Obsessiven vielleicht Schlimmeres verhindert. Auch in Medien und PR-Agenturen ist eine gewisse historische Sensibilität unverzichtbar. Und mit Blick auf die Umfragehochs Rechtsextremer in meinem Herkunftsland möchte ich Bertolt Brecht zitieren: «Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.»

BIANCA HÜSING

B.HUESING@FRUTIGLAENDER.CH

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