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«Campieren» im Rutschgebiet

Ende November hielt ein Murgang auf der Kantonsstrasse nach Adelboden die Behörden auf Trab. Bei der Bewältigung eines solchen Ereignisses steht die Sicherheit stets im Vordergrund. Um sie zu gewährleisten, wird erheblicher Aufwand betrieben, wie das Beispiel zweier Experten zeigt.

MARK POLLMEIER
Wenn durch ein Naturereignis eine Strasse beschädigt wird, sind zahlreiche Personen im Einsatz, um die Durchfahrt wieder passierbar zu machen. Doch sowohl während der Räumung als auch nach der Wiedereröffnung hat die Sicherheit Priorität. Beim Murgang im Rohrbach zwischen Frutigen und Adelboden waren dafür unter anderem Mario Rubin und Franz Baumgartner zuständig. Die beiden Bergführer gehören der Lawinenkommission der Gemeinde Frutigen an und werden normalerweise beratend beigezogen. Diesmal ging ihre Unterstützung aber noch etwas weiter.

«Nach dem Murgang war ich bei einem der ersten Rapporte des RFO Gehrihorn mit dabei», erzählt Mario Rubin, der Präsident der Lawinenkommission. «An diesem Termin wurde deutlich: Es braucht jemanden, der das Rutschgebiet überwacht.» Rubin und sein Kollege Franz Baumgartner sagten zu, die Aufgabe zu übernehmen.

Ausharren unter der Blache
Der Murgang ereignete sich am Samstagmorgen. Ab dem Montag darauf waren die beiden vor Ort im Einsatz, zunächst noch eher behelfsmässig geschützt. «Die ersten drei Tage schützten wir uns mit einer Blache, die den Regen abhielt», berichtet Rubin. Danach bezogen sie dann einen beheizbaren Container. Eine Stromleitung wurde an den Anrissort gezogen, damit man das Rutschgebiet beleuchten konnte. Rubin und Baumgartner überwachten die entsprechende Stelle abwechselnd und waren auch für die Sicherheit während den Räumungsarbeiten verantwortlich. Zur Beurteilung der Situation nahmen sie Messungen vor. «Das geschah anfangs mit relativ einfachen Mitteln», erklärt Mario Rubin. «Man schlägt einen Pflock ein, weist ihm einen festen Bezugspunkt zu, zum Beispiel einen Baum – und dann wird regelmässig gemessen, ob sich die Abstände verändert haben.» Auf diese Weise liess sich nachvollziehen, ob und wie stark der Hang noch in Bewegung war.

Ab Dienstag, 17 Uhr, konnte die Strasse tagsüber wieder geöffnet werden. «Bevor die Strasse morgens um 5.30 Uhr für den Verkehr freigegeben werden konnte, haben wir Messungen am Rutschkörper gemacht», erzählt Rubin. «Unsere Daten haben wir einem Geologen gemeldet, der sie beurteilte.» Erst wenn auch er grünes Licht gab, konnte der Verkehr rollen.
Dass die Überwachung nötig war, zeigte sich am Donnerstag, gut fünf Tage nach dem Murgang. «An diesem Tag hatte es viel geregnet; es war also fast klar, dass wieder etwas kommen würde», erinnert sich Mario Rubin. «Gegen 17 Uhr rutschte dann etwas Material auf die Strasse.» Es sei nicht allzu viel gewesen («etwa zwei Lastwagenladungen»), aber doch genug, um die Strasse ein paar Stunden schliessen zu müssen. Räumung und Reinigung dauerten etwa zwei bis drei Stunden. In dieser Zeit mussten alle Fahrzeuge, die schon unterwegs waren, wieder umkehren. «Diese trafen dann auf der Umleitung über die Alte Adelbodenstrasse aufeinander», so Rubin. Es habe dadurch ein bisschen Verkehrschaos gegeben. Wie lässt es sich mit dem Beruf vereinbaren, wenn man mehrere Tage lang für die Überwachung einer Strasse verantwortlich ist? «Wir sind ja beide hauptberuflich Bergführer», antwortet Mario Rubin. Der Murgang sei sozusagen zu einem passenden Zeitpunkt gekommen, weil für Bergführer aktuell Zwischensaison ist. «Wir wollten ursprünglich zu einem Kurs am Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos fahren», erzählt er. «Den Termin konnten wir aber absagen und standen somit zur Verfügung.»

Automatische Überwachung
Nicht immer sei es erforderlich, persönlich vor Ort zu sein. «Wir haben vor einigen Jahren für die Gemeinde Frutigen eine Notfallplanung Lawinen ausgearbeitet», informiert Rubin, «und wir kennen ja die Lawinenzüge in der Region.» Anhand der vorliegenden Daten vom SLF und der Ortskenntnisse wissen die Lawinenexperten meist recht gut, wie eine Situation zu beurteilen ist. «So lassen sich die Einschätzungen häufig auch aus der Ferne vornehmen.»

Beim instabilen Gebiet oberhalb der Adelbodenstrasse wurde mittlerweile ein automatisches Überwachungssystem installiert, das mit einer Ampel gekoppelt ist. «Wenn der Rutschkörper in Bewegung gerät, springt die Ampel auf Rot und die Strasse wird für den Verkehr gesperrt», erläutert Rubin. Eine Anwesenheit der Experten vor Ort ist also vorerst nicht mehr nötig.

Wichtig war zunächst, den Anrissort zu beleuchten. Während den beiden Lawinenexperten zunächst nur eine Blache zur Verfügung stand, wurde später ein kleiner Container für sie aufgestellt. Sicherungsarbeiten im Gelände.
Wichtig war zunächst, den Anrissort zu beleuchten. Während den beiden Lawinenexperten zunächst nur eine Blache zur Verfügung stand, wurde später ein kleiner Container für sie aufgestellt. Sicherungsarbeiten im Gelände.

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