Seit 2018 sammelt Stefan Grünig verborgene Musik aus aller Welt, um sie via privaten Radiosender zu verbreiten. Nun vergrössert «Sunradio» sein Sendegebiet.
JULIAN ZAHND
Trübe Stimmung. Man könnte es «modernen Winter» nennen, den die Landschaft an diesem Dienstagnachmittag erdulden muss. Der Regen weicht die letzten Schneereste an den Hügeln auf, der warme Westwind vertreibt sie. In der Senke der bleierne Thunersee. Ziemlich genau auf der Gemeindegrenze Spiez– Krattigen steht ein umgebautes Bauernhaus, mehrheitlich in helles Holz gekleidet. Wenn man an dessen Tür klopft, scheint plötzlich die Sonne.
Das tut sie eigentlich immer, denn hier wohnt Stefan Grünig. Er trägt ein blauweisses Shirt mit abenteuerlicher Bemusterung, darunter knallt eine rote Hose und die Füsse stecken in Badeschlappen. Ein Paradiesvogel inmitten der nasskalten Tristesse. «So gehe ich auch arbeiten», sagt Grünig. Und lacht.
Weg vom Einheitsbrei
Seit 13 Jahren ist der gelernte Kaufmann bei der reformierten Kirchgemeinde Spiez mit einem Pensum von 80 Prozent angestellt. Sobald er nach Hause kommt, widmet er sich seinem Hobby, mindestens eine Stunde pro Abend. Grünig sucht im Internet Musik, stellt Playlists zusammen und programmiert diese. Zu hören sind sie auf «Sunradio – Best international Music».
Seit knapp sechs Jahren bespielt der gebürtige Wimmiser den von ihm gegründeten privaten Digital- und Internetsender. Das Konzept: Weg vom sich immer wiederholenden Einheitsbrei. «Es gibt so viel gute, kreative Musik aus dem Pop- und Rockbereich, die weltweit produziert wird, aber niemals bis zu uns dringt. Mein Ziel ist es, dass man «Sunradio» mehrere Monate lang konsumieren kann, ohne jemals dasselbe Stück zweimal zu hören.» Über 30000 Songs umfasst Grünigs Datenbank, laufend werden es mehr. Sie sind fein säuberlich nach Land und Stil geordnet. Unter «Latino» finden sich knapp 2000 Lieder, der Ordner «Nepal» umfasst dagegen nur 31.
Das «Studio» besteht aus zwei Bildschirmen
Ursprünglich wollte der Krattiger auch moderierte Sendungen bieten. Vor den beiden Bildschirmen, die im Wesentlichen das «Studio» im Arbeitszimmer ausmachen, stehen denn auch ein Mischpult und ein Mikrofon. Von diesen Plänen hat sich Grünig vorerst aber verabschiedet – zu zeitintensiv wäre das Ganze. Das jetzige System ist ausgeklügelt, Grünig ist ein Tüftler. Die Software hat er so programmiert, dass der Sender weitgehend selbstständig Musik spielt. Während er mit seiner vierjährigen Tochter spielt, spielt «Sunradio» unablässig heitere Musik aus der ganzen Welt.
Werbeunterbrüche gibt es auf dem Sender kaum. «Dafür ist er zu klein und zu wenig attraktiv. Sich gegen die grossen Anbieter zu behaupten: Für Grünig praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. «Du kannst dein Fähnlein schwingen, sehen tut dich trotzdem keiner.» Beispielsweise wollte er seine Musik den Jungfraubahnen schmackhaft machen. «In dieser Tourismusregion sind auch Menschen aus Nischenländern unterwegs und es wäre doch lustig, wenn auch sie zur Abwechslung ein Lied in ihrer Sprache hören würden.» Doch die Idee verfing nicht. «Wahrscheinlich blieb sie irgendwo in einem Vorzimmer der Chefetage hängen.»
Potenziell über eine Million zusätzliche HörerInnen
Frustriert wirkt der umtriebige Kaufmann darob nicht. Dass sein Sender klein ist, Grünig schätzt die Hörerzahl auf 100 bis 1000, hat auch Vorteile – zumindest finanziell. Die Beiträge für Urheberrechte und die Kosten für einen Platz im digitalen DAB-Netz sind verhältnismässig tief. Einen grossen Teil der Ausgaben deckt Grünig über Gegengeschäfte, Google Ads und Einnahmen aus Geldern der Interessensgemeinschaft für Radio und Fernsehen (IRF). Es verbleiben jährliche Kosten von ein paar Tausend Franken, die er dem «Hobbykässeli» entnimmt. Dennoch: Ganz frei von Ambitionen ist der 48-Jährige offenbar doch nicht: Bis vor Kurzem sendete «Sunradio» ausschliesslich im Berner Oberland (das Signal reicht derzeit bis Frutigen). Anfang Jahr expandierte der Sender ins Mittelland. In der Region Biel und Solothurn erreicht Grünigs Musikpotpurri potenziell 1,24 Millionen Menschen zusätzlich – sobald die geplante Antenne auf dem Grenchenberg mit voller Leistung senden kann. Denn momentan ist dagegen noch eine Einsprache hängig und die Signalstärke von «Sunradio» ist noch schwach. «Das wird sich aber hoffentlich bald ändern.»
Selbst wenn Stefan Grünigs Privatsender jemals ein Mehrfaches an Hörern erreichen sollte: Geld verdienen wird er damit nicht. Sein Antrieb ist ohnehin ein ganz anderer: Er will seine Freude an der Musik mit anderen teilen. «Und ich will in meiner Freizeit Spass haben», sagt Grünig. Und lacht.



