Mit ihrem Boot «Little Swiss Lady» starteten am 12. Juni 2023 vier RuderInnen aus der Region Thun beim «World’s Toughest Row». Letzten Freitag berichtete das Team «OCEAN’S 4» im Bad Heustrich von seinem sportlichen Abenteuer. Im Publikum sass ein Gast, mit dem niemand gerechnet hatte.
MICHAEL SCHINNERLING
Mannshohe Wellen schlagen gegen das Ruderboot «Little Swiss Lady». Astrid Schmid, Denise Lützelschwab, Toni Fehr und Philipp Kessler sind gut befestigt und trotzen Wind und Wetter. «Wir haben einen Walhai, Delfine und viel Müll im Meer gesehen. Das Abenteuer, einmal so ein Rennen zu erleben, ist unglaublich und hat uns alle körperlich und mental gefordert», schilderte am Freitagabend Captain Astrid Schmid. Sie und ihre Crew berichteten in Bildern und Filmen vom Bordleben, von der Vorbereitung und der Abfahrt in Kalifornien sowie von der Ankunft in Hawaii – nach 4467 km, 43 Tagen, 5 Stunden und 2 Minuten. Die Besucher im Bad Heustrich spürten die Emotionen und die Leidenschaft er RuderInnen. Sie erfuhren, wie eng die beiden Kojen waren oder dass man in 24 Stunden nur dreimal 90 Minuten Zeit zu schlafen hatte, um dann wieder 2 Stunden zu rudern. «Wir haben keine grossen Oberarme bekommen, denn rudern tut man mit den Beinen» erklärten die vier. Jedes Bordmitglied wusste etwas zu berichten, und so kamen die Gäste im Bad Heustrich zu eindrücklichen zwei Stunden Unterhaltung. «Wenn ich mir das vorstelle: vorne viel Meer, hinten viel Meer, links und rechts noch viel Meer und ich wüsste nicht, ob ich im Kreis rudere … für mich wäre das nichts», meinte Institutionsleiter Arnold Sieber. Das trifft auf die meisten Menschen zu: Gerade einmal 127 Personen weltweit haben den Pazifik rudernd überquert. Im Vergleich: Es waren schon weit über 600 Menschen im Weltall.
Auf dem Thunersee trainiert
«Es war eine einzigartige Reise mit sehr vielen Unbekannten. Und sie begann bereits in der Heimat. Die Exotik, dass vier nicht mehr ganz junge Durchschnitts-Binnenländer sich in den Kopf gesetzt haben, über den grössten und tiefsten Ozeanen der Welt zu rudern, ist eine grossartige Sache und zeigt, dass sehr viel möglich ist, wenn man es wirklich will», erzählte Schmid. Sie war mit der Idee gekommen und hatte alles daran gesetzt, sie umzusetzen. «Die Vorbereitung umfasst 97 Prozent des gesamten Projektes. Da ist es wichtig, dass man Freude daran hat.» Eine besondere Herausforderung sei die Zusammenstellung des Teams. «Nur ganz wenige Menschen haben diesen Traum und die Möglichkeit, neben Beruf und Familie einem so zeitraubenden Hobby zu frönen.» Über zwei Jahre haben sie sich auf das Abenteuer vorbereitet. «Es war anspruchsvoll, über diesen langen Zeitraum eine so hohe Pace aufrechtzuerhalten, die Teilnahmequalifikationen zu erreichen, sich auf das Ungewisse vorzubereiten und die Finanzierung zu schaffen – in unserem Fall alles neben einem 100-Prozent-Job», so die Kapitänin.
«Wir haben sehr viele Stunden auf dem Thunersee trainiert, sind in einem 36-Stunden-Training bei Minustemperaturen von Biel durch die drei Seen bis ans Ende des Murtensees gerudert». Auch an der Nordsee und in der Adria hätten sie geübt. Zudem stellten sie sich einer besondere Challenge: 24 Stunden Ergometer-Training im Panoramacenter in Thun, bei dem sie an einem Freitag von 16 bis am Folgetag 16 Uhr ihren Ruderrhythmus (2 Stunden rudern, 2 Stunden ausruhen) durchspielten. Daneben gab es viel Teamcoaching und Selbsthypnose, um mit Angst besser umgehen zu können.
Skurrile Situationen und fürsorgliche Gesten
Während einer so langen gemeinsamen Reise auf einem kleinen Boot kommt man sich natürlich auch näher. «Man ist sich vertraut wie in einer Familie. Durch die Nähe auf dem Boot enstanden viele lustige und skurrile Situationen – beispielsweise, wenn man zwischen den zwei Rudernden auf die Toilette geht (ein handelsüblicher Eimer) und sich dabei unterhält», so Schmid. Zu Beginn sei das schon sehr ungewohnt gewesen, dann aber bald zum Alltag geworden. Familiär war auch die gegenseitige Fürsorge: «Wir hatten vor dem Start etwa 50 Orangen eingekauft und mit aufs Boot genommen. Denise hat jeden Tag eine geschält und sie uns schnitzweise handverfüttert – ein echtes Highlight und eine wundervolle Geste», schwärmte Philipp Kessler. Dass ein Schweizer Team den Pazifik rudernd überquerte, war übrigens eine Premiere.
Pepe Lienhard war Boots-Taufpate
Im Publikum im Bad Heustrich sass auch Pepe Lienhard mit seiner Frau Christine. Die beiden waren extra aus dem Thurgau angereist und von dem Multimedia-Vortrag begeistert. «Es war wunderbar, was hier gezeigt wurde. Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, welche Leistung hier vollbracht wurde», meinte der Musiker, der die vier RuderInnen schon bei der Vorbereitung begleitet hatte. «Ich finde es unfassbar, was die vier erlebten und durchzogen. Einfach sehr eindrücklich die Bilder und die Videos.»
Wer den Auftritt verpasst hat findet weitere Termine unter: www.oceans4.ch





