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Käser im Zarenreich

LOKALHISTORIE Samuel Berger wanderte vor 150 Jahren von Reichenbach nach Russland aus. Er schickte oft Post in seine Heimat, um von den Strapazen des Alltags zu berichten – und seine Sorgen um die beeinträchtigte Nichte zu teilen.

HANS HEIMANN
Bereits 1869, also fünf Jahre vor Samuel Berger, war dessen Bruder Johann ins Zarenreich emigriert. Der Käser hatte nach dem Tod seiner ersten Frau Anna Marianna deren Schwester Elise Klossner geheiratet. Die Tochter Flora stammte noch aus der ersten Ehe und war somit Elises Nichte und Stieftochter zugleich. Johann starb bereits im Jahre 1886, sein Bruder Samuel sorgte sich oft um Flora, die mit einer geistigen Beeinträchtigung zur Welt gekommen war. Davon zeugt ein reger Briefwechsel, den Samuel mit seinem Verwandten, dem Zimmermeister Jakob Berger, führte. Jakob Berger bekleidete in der Schweiz zahlreiche öffentliche Ämter. In den Briefen gab Samuel nicht nur Einblicke in das Leben fern der Heimat. Er beauftragte Jakob von Zeit zu Zeit auch, während seiner Abwesenheit vermögensrechtliche Angelegenheiten zu regeln. Auch bat er darum, ihm unterschiedliche Güter zu senden, so zum Beispiel im Januar 1889: «Ich muss dich bitten, nochmals zwei Nidelkellen zu schicken. Ich muss zwei Stück dem Germann abtreten als Gegendienst, er gibt mir für nächsten Sommer ein grosses Milchkessi gegen ein kleineres.»

Armut, Frost und ein «schwachsinniges Mädchen»
Es waren nicht nur rosige Zeiten, wie der Brief im Januar 1889 aus dem Zarenreich verrät: «Schon seit Wochen haben wir hier eine anhaltende sibirische Kälte, jeden Tag minus 25 bis 30 Grad Celsius. Überall werden erfrorene Menschen gefunden, besonders über die Feiertage, wo dem Schnaps gehörig zugesprochen wurde.» Erwähnt werden auch die Getreidepreise, diese seien so tief wie noch nie. «Während früher für das Malter Roggen 14 Rubel bezahlt wurden, bekommt man nun nur noch 5 Rubel. Deshalb liegt das Getreide bei den reichen Herrschaften schon seit zwei bis drei Jahren unverkauft.»

Aus den gegenseitigen Briefwechseln ist auch ersichtlich, dass Johanns Tochter Flora oft krank und geistig beeinträchtigt war, wie ihre Tante in einem Brief an Verwandte erwähnte: «…ich denke, Flora wird nicht alt werden, sie hat so eine Nervenschwäche, wahrscheinlich von ihrer Mutter selig, etwas Angeborenes.» Ab Johanns freiwilligem Tod im Jahr 1886 hatte Elise Berger-Klossner nun für ihre eigenen vier Kleinkinder sowie für die beeinträchtigte Flora zu sorgen. Sie führte den Käsereibetrieb ihres Mannes weiter und lebte dauernd in prekären finanziellen Verhältnissen.

Ihr Schwager Samuel Berger schrieb aus Russland an Jakob Berger, Floras Vormund: «…dass das arme Mädchen aus meines Bruders selig erster Ehe ein bisschen Vermögen hat, ist ein grosses Glück. Es ist ein armes, kränkliches, schwachsinniges Mädchen, das leider nie im Stande sein wird, sein Brot zu verdienen.»

Flora selbst schrieb kurze Briefe an ihren Vormund. Meistens ging es dabei um Geschäftssachen, wobei sie sich in diesen Angelegenheiten dem Willen ihrer Stiefmutter, die sie Mutter nannte, anschloss.

Ein Tod, der Fragen hinterliess
Aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage bat Flora ihren Vormund mehrmals um eine Geldüberweisung von ihrem Kapital in der Schweiz nach Russland, letztmals 1896, als sie 28 Jahre alt war. Es war die letzte Nachricht von Flora Berger und es ist ungewiss, was mit ihr geschah. Möglicherweise wurde ihr Vormund von seinen Pflichten entbunden und die Verwaltung ihres Vermögens erübrigte sich. Unklar bleibt, wann und wo Flora gestorben ist, darüber sind in den Zivilstandsbüchern keine Angaben zu finden, auch nicht über den Tod ihrer Stiefmutter Elise.

Mit dem bolschewistischen Umsturz und der Enteignung der Grundbesitzer setzte zwischen 1919 und 1935 eine starke Rückwanderung ein. Auch wurde 1938 die Doppelbürgerschaft in Russland abgeschafft. Die Schweizer mussten entweder die russische Staatsbürgerschaft annehmen oder wieder auswandern, was viele von ihnen taten.

Oft zogen Schweizer Auswanderer ihre Familien ins Zarenreich nach. Die Arbeit war hart und entbehrungsreich: Das Mädchen rechts steht ohne Schuhe da.
Oft zogen Schweizer Auswanderer ihre Familien ins Zarenreich nach. Die Arbeit war hart und entbehrungsreich: Das Mädchen rechts steht ohne Schuhe da.
Jakob Berger (l.) ist auf der Pletschen in Faltschen aufgewachsen. Der Zimmermeister war auch Amtsrichter und kümmerte sich um die Belange seiner Verwandten in Russland. Durch Heirat entstand unter anderem die Verwandtschaft der Familie Berger mit David Dubach (1827-1902, r.), einem bedeutenden Käsehändler in Moskau.
Jakob Berger (l.) ist auf der Pletschen in Faltschen aufgewachsen. Der Zimmermeister war auch Amtsrichter und kümmerte sich um die Belange seiner Verwandten in Russland. Durch Heirat entstand unter anderem die Verwandtschaft der Familie Berger mit David Dubach (1827-1902, r.), einem bedeutenden Käsehändler in Moskau.
Hans Heimann
Hans Heimann
Für seinen ersten Zeitungsartikel über einen Sportanlass wurde Hans Heimann vom Lehrer getadelt. Dieser gab ihm nachdrücklich zu verstehen, dass dies ausschliesslich Sache der Lehrerschaft sei. Seinen zweiten Artikel schrieb er rund dreissig Jahre später. Der gefiel dem Chefredaktor des "Berner Oberländer" so gut, dass er nebenberuflich als Freier Mitarbeiter startete. 2018 klopfte auch der "Frutigländer" an und seitdem schreibt er auch für diese Zeitung und weitere Zeitungstitel mehrheitlich über Geschichte und Persönlichkeiten. Für Recherchezwecke stöbert der gebürtige Simmentaler nicht nur in Archiven, sondern geht mit offenen Augen durch die Welt und findet auch oft auf Reisen interessante Themen.

1 Kommentar

  1. Guten Tag
    Ich bin auf den Spuren meiner Familiengeschichte. Sehr gerne möchte ich den oben erwähnten Artikel lesen. Jedoch kein Abo bestellen.
    Es betrifft die Auswanderung meines Grossvaters nach Russland.
    Wären Sie so freundlich mir den Artikel zu schicken?
    Ich würde mich sehr freuen.
    Beste Grüsse, Heidi Zimmermann

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