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Vierbeinige Gäste aus dem Mittelland

ALPWIRTSCHAFT Die Schafzuchtgenossenschaft Wohlen-Meikirch-Kirchlindach (WMK) besitzt eine Alp im Suldtal. Alljährlich werden knapp 200 «Woll-Lieferantinnen» unterhalb des Dreispitzes gesömmert. Um dort nach dem Rechten zu schauen, fährt Fritz Streit zweimal wöchentlich ins Oberland. Der «Frutigländer» hat ihn an einem neblig-regnerischen Sonntag begleitet.

KATHARINA WITTWER
Weshalb und von wem die Schafzuchtgenossenschaft Wohlen-Meikirch-Kirchlindach im Jahr 1939 eine steile, nur für Schafe geeignete Alp erwarb, daran erinnert sich niemand mehr. Im schneereichen Winter 1939 / 40 fegte eine Lawine das dazugehörende, auf 1430 m ü. M. gelegene Höchsthüttli weg. Um einen Ersatzbau zu finanzieren, verkaufte die Genossenschaft Aktien und erhielt zusätzlich Geld vom Bund. «1942, Schafzuchtgenossenschaft Wohlen-Meikirch-Kirchlindach / Glücklich ist, wer im Frieden seiner Schafe Zeit und Welt vergisst», so ist es neben den Namen von Vorstandsmitgliedern und des Zimmermeisters in die Fassade geschnitzt.

In den ersten Jahren nach dem Kauf der Alp stellte die Genossenschaft einen Hirten an, der im Sommer auch dort wohnte. Er kümmerte sich um die Sömmerungsschafe, hatte seine vier Kühe und einige Ziegen dabei und stellte sogar Käse her.

Den Besitz verkleinert
«Ursprünglich war unsere Alp fast doppelt so gross», erzählt Fritz Streit. «Sie erstreckte sich fast übers ganze Obersuld – vom Dreispitz bis zur Witliflue. Da der Schafbestand unserer Mitglieder stetig abnahm, hatten wir Schwierigkeiten, ausreichend Tiere zusammenzubringen. Auch fanden wir kaum mehr genügend Helfer fürs Zäunen und für die Weidepflege. Deshalb verkauften wir vor etwa 20 Jahren die Vorweide». Fritz Streit ist Zuchtbuchführer der WMK und Bergvogt in Personalunion, das «Schäfeler»- Gen wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon als kleiner Bub verbrachte er mit seinem Vater viel Zeit im Suld und kennt das Gelände fast wie seine Hosentasche. Zweimal wöchentlich schaut er auf der Alp nach dem Rechten. Am Samstag oder Sonntag fährt er ins Suldtal und ist dann mehrere Stunden zu Fuss unterwegs. Dank seiner flexiblen Arbeitszeit macht Streit mittwochs öfter früher Feierabend und fährt via Kiental auf die Rengg. Von dort sind die Schafe schneller zu erreichen oder zumindest mit dem Feldstecher zu finden und zu beobachten. Doch heute geht es zu Fuss auf die Alp. Es ist es kühl und wolkenverhangen, zwischendurch nieselt es. Die Sicht ist schlecht, der Pfad nass und glitschig. Wer das Gelände nicht kennt, könnte sich problemlos verlaufen oder in unwegsames Gelände gelangen.
Nach einem 20-minütigen Aufstieg auf einem neu erstellten Weg erreichen wir das Höchsthüttli. Nahe des Gebäudes zeigt Streit auf einen Riss im Boden. Weil es in letzter Zeit viel geregnet hat, könnte es ein Anriss einer ‹Rüfe› sein, mutmasse ich. «Nein!», widerspricht der Unterländer. «Ein Stein hat sich weiter oben gelöst und donnerte sprunghaft zu Tal. An dieser Stelle schlug er auf dem Boden auf, drehte sich, um anschliessend erneut in die Luft katapultiert zu werden. Wäre er auf dem Dach gelandet, hätte wir eine aufwendige und vor allem teure Reparatur vornehmen müssen.»

Vor allem Braunköpfiges Fleischschaf
Neben dem Höchsthüttli weiden fünf Schafe. Diese lebhaften Tiere gehören demselben Besitzer. Weil sie gerne ausbüxen, können sie schlecht auf den höher gelegenen Weiden gehalten werden.
Ursprünglich durfte innerhalb der Genossenschaft ausschliesslich das Braunköpfige Fleischschaf (BFS) gezüchtet werden. Inzwischen sind mehrere Rassen erlaubt. Auf der Alp werden mittlerweile auch Weisse Alpenschafe und verschiedene Kreuzungen gesömmert. «Dieses Jahr sind es insgesamt 185 Tiere von 14 Besitzern. Die kleinste ‹Herde› besteht aus 2, die grösste aus 45 Tieren.» Anders als Kühe bleiben Schafe von denselben Haltern stets unter sich. Zur Vermeidung von Inzucht weilt meistens ein Widder eines fremden Züchters in der «Sommerfrische».

Herdenschutz ist unmöglich
Bereits Anfang Juli musste Fritz Streit einen Verlust verzeichnen: eine Aue (Mutterschaf) wurde von einem Stein erschlagen. Selbstverständlich beschäftigt auch der Wolf die Schafzuchtgenossenschaft WMK. «Zum Glück hatten wir noch keine Wolfsrisse zu beklagen», zeigt sich Streit erleichtert. «Hören wir von Rissen in der Nähe, bereitet mir das schon schlaflose Nächte und ich komme mit einem mulmigen Gefühl hierher», gesteht der Schäfeler.

Vor einigen Jahren inspizierte der kantonale Herdenschutzbeauftragte die unwegsame Alp. Er sah sofort, dass dieses steinige, steile, mit Runsen und Felsbändern durchzogene Gelände unmöglich wolfssicher umzäunt werden kann. Da die Schafe keine homogene Herde bilden, würden auch Herdenschutzhunde wenig nützen, und die Kosten für einen oder mehrere Hirten wären zu hoch.

Von Herdenschutzhunden ist Fritz Streit sowieso nur mässig begeistert. Die Zuverlässigkeit der in der Schweiz zugelassenen Rassen Montagne des Pyrénées und Pastore Abruzzese sei nicht vollständig gewährleistet. Einzig der aus der Türkei stammende Kangal-Hirtenhund könne Wölfe abschrecken, doch diese aggressive Rasse ist hierzulande nicht erlaubt. Im Übrigen: «Wo und bei wem sollten denn solche Hunde die restliche Zeit des Jahres sein?», fragt Streit rhetorisch.

Gelegentlich holt sich ein Luchs ein Lamm. Anders als Wölfe verstecken Luchse ihre Beute und holen sich dann regelmässig Stücke davon, bis der Kadaver aufgefressen ist. Es sei schon Zufall, wenn man eine frische Schleifspur am Rand eines Gebüsches entdecke, die auf ein Versteck hinweise.

Ab und zu stürzt auch ein Schaf ab. Sind Fuchs, Bart- oder Gänsegeier in der Gegend, sind von solchen Unfällen selten Kadaverreste zu finden.

Bis unter die Höchstböde
Inzwischen sind wir auf 1665 m ü. M. beim Schatthaus angelangt. Geschützt vor Lawinen und Nässe werden im dortigen Unterstand Zaunmaterial und -werkzeug, Säcke mit altem Brot, «Gläckschalen» und weiteres Material gelagert, das im Frühjahr mit dem Helikopter hochgeflogen wurde. Fritz Streit ruft nach den Schafen. Einige kommen rasch heran, denn sie wissen, dass es hier «Leckerli» gibt.

Ende Juli engagiert der Bergvogt jeweils einige Züchter, um die Schafe auf die höher gelegene Weide zu treiben. «Das ist eine Gelegenheit, jedes einzelne Tier anzuschauen. Dazu treiben wir die Schafe zuerst in den ‹Färrich›, und von dort muss eins nach dem andern durch den schmalen Durchgang gehen. Dabei kontrollieren wir die Klauen und den allgemeinen Gesundheitszustand.»

Der letzte Aufstieg führt uns auf die Höchstböde. Mein «Führer» wundert sich, weil der zwischen einem Felsblock und einer Tanne eingeklemmte und mit Spanngurten befestigte Materialcontainer verschoben ist. «Das muss kürzlich durch eine Windböe verursacht worden sein», mutmasst er.

Nun nieselt es leicht und die Sicht ist gleich Null. Ich warte an Ort und Stelle, bis Streit von seinem Kontrollgang zurückkommt. Wegen der schlechten Sicht suche er heute nicht alle 184 Tiere, verrät er, bevor wir uns auf den Rückweg machen.

Auf- und Abfahren – ein logistischer Kraftakt
Viele Genossenschaftsmitglieder sind mittlerweile Hobby-Schafhalter und gehen montags bis freitags ihrem Beruf nach. Deshalb wird immer an einem Samstag auf- und abgefahren. Im Frühling nimmt der Zuchtbuchführer die Sömmerungs-Anmeldungen entgegen. Einige Tage vor dem Termin fährt an seinem Wohnort in Münchenbuchsee ein Anhänger mit integrierter Dusche vor. Bevor die Schafe aus der Umgebung in den Camion zur Abfahrt ins Oberland verladen werden, geniessen sie eine Dusche und werden einem Gesundheitscheck unterzogen. Ist ein Tier von Klauenfäule, Moderhinke, Lungen- oder Bandwürmern, Leberegeln, Räude oder einer anderen, übertragbaren Krankheit befallen, darf es nicht auf die Alp mitgenommen werden oder erst nach erfolgreicher Behandlung später dazustossen. In der linken Ohrmarke der Tiere befindet sich ein Chip mit sämtlichen Daten und den erfolgten Impfungen. Nun kann der Zuchtbuchführer mit einem entsprechenden Gerät das Hinterlegte auslesen, auf den Computer übertragen und die Transportpapiere ausdrucken.

Im Suld angekommen, durchschreiten die Schafe ein Klauenbad und werden geimpft. Anschliessend geht’s in schafgerechtem Tempo weiter bis zum Ziel.

Der Termin für den Abtrieb wird gemeinsam mit Aeschi-Tourismus festgelegt. «Am Vortag treiben wir die Schafe zusammen und steigen mit ihnen auf die unterste Weide ab, wo sie eine Nacht bleiben. Am festgelegten Samstag marschieren wir dann bis Aeschiried. Dort werden sie in die Transportanhänger verladen.

Es komme vor, dass einige Tiere nicht gefunden werden oder dass sie sich oberhalb eines Felsbandes oder im tiefen Schnee befinden. «In solchen Fällen sind wir auf die Beobachtung von Jägern angewiesen, was bestens klappt», berichtet Streit. «Schon mehrmals erhielt ich später einen Anruf, jemand habe die vermissten Schafe gesichtet. Dann nehme ich den Weg einmal mehr unter die Räder und hole sie.» Vor Jahren sei er bei einer solche Aktion sogar durch tiefen Schnee gestapft. «Das war nicht ungefährlich – weder für mich noch für die Schafe», schliesst Fritz Streit.

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