StartArchivAbstimmung Biodiversität: Extrem nötig ... oder einfach nur (links-)extrem?

Abstimmung Biodiversität: Extrem nötig … oder einfach nur (links-)extrem?

MEINUNG Der Abstimmungskampf zur Biodiversität läuft nach den inzwischen bekannten Mustern ab. Doch ganz gleich, wie diese Abstimmung ausgehen wird: Grund zum Jubeln hat eigentlich niemand.

MARK POLLMEIER

Wer derzeit mit offenen Augen durch Schweizer Städte geht, entdeckt immer wieder kleine runde Kleber: «Ja zur Biodiversität». Zu finden sind solche Aufrufe auf Briefkästen, an Laternenmasten, auf den Heckklappen von Autos. Das gegenteilige Votum findet man auf dem Land: Dort hängen fast ausschliesslich Blachen mit Nein-Parolen.

Neu ist diese Verteilung nicht. Auch die letzten Umwelt- und Agrarinitiativen stiessen vor allem in den Städten auf Sympathien. In den ländlichen Regionen, also dort, wo man die Natur vor der Haustür hat und von der Landwirtschaft lebt, sah man solche Vorlagen meist deutlich kritischer.

Die üblichen Argumente
Auch sonst gibt es manche Parallelen zu früheren Agrar-Abstimmungen. Erneut finden die Bauernverbände das Anliegen «extrem» – ein Label, das man zuletzt schon der Trinkwasserund der Pestizidinitiative verpasst hatte. Manche SVP-Vertreter behaupten gar, die Vorlage sei «links-extrem».

Wohlbekannt ist auch der Hinweis auf die Ernährungssicherheit. Das Argument, die Schweiz habe schon jetzt einen viel zu tiefen Selbstversorgungsgrad, fehlt in keiner agrarpolitischen Debatte. Und wo die Initianten mit Blick auf die heimische Natur Pessimismus verbreiten, sehen die Gegner keinen Handlungsbedarf. Die Biodiversität habe sich in den vergangenen Jahren doch gut erholt, findet das Nein-Lager. Und überhaupt tue die Schweiz schon viel mehr für Umwelt- und Naturschutz als die meisten anderen Länder.

Es ist also wie immer: Stadt gegen Land, Mitte-links gegen Bürgerliche, Selbstversorgung gegen Umweltanliegen, die Schweiz als angeblicher Musterknabe in Sachen Umweltschutz. Sogar der übliche «Geschlechtergraben» lässt sich statistisch wieder nachweisen: Frauen stehen der Biodiversitätsinitiative deutlich positiver gegenüber als Männer.

Ein Lager gegen das andere: Auch bei dieser Abstimmung wird es am Gewinner und Verlierer geben. Man kann sich allerdings fragen, ob Sieg oder Niederlage in diesem Fall die passenden Kategorien sind. Denn was immer das Volk am 22. September entscheiden wird: Eigentlich gibt es ausschliesslich Verlierer.
Eine Verliererin ist, so oder so, die Biodiversität. Man kann darüber streiten, wie schlimm die Situation in der Schweiz wirklich ist. Man kann diskutieren, ob jene 600 Millionen Franken, die der Bund jährlich für die Förderung der Artenvielfalt ausgibt, genug sind – oder ob es weitere 400 Millionen braucht, wie es die Initiative vorsieht. Man kann (und sollte) auch genau abklären, welche Folgen eine Annahme hätte – für die Landwirtschaft, für den Tourismus, für die Energiewende. Aber dass die Natur unter Druck ist, dass die Biodiversität weltweit und auch in der Schweiz dramatisch abnimmt – daran kann es keinen Zweifel geben. An diesem Umstand würde auch die Initiative auf die Schnelle wenig ändern.

Die Natur als Kapital
In den Debatten um die Biodiversität werden Geld und Natur häufig als Gegensätze begriffen. Doch es geht nicht um den überteuerten Schutz einiger Kröten. Ganz gleich, wo und in welcher Branche: Der Mensch ist auf ein vielfältiges «Naturkapital» zwingend angewiesen. Ist es erst einmal verschwunden, und diese Gefahr ist real, sind wir langfristig alle Verlierer.

Referat und Diskussion zum Thema:
Mittwoch, 28. September, 20 Uhr, Kanderarena (Mülenen). Mit Bundesrat Albert Rösti (SVP) und den NationalrätInnen Jürg Grossen (GLP), Ernst Wandfluh (SVP), Andrea Zryd (SP) und Irène Kälin (Grüne). Moderation: Sandro Brotz (SRF «Arena»). Einlass ab 19 Uhr, Verpflegungsangebote vor Ort.

Weitere Texte dazu:

 

 

... Zustimmung in der Stadt (hier in Bern) – wie schon bei den letzten Agrar-Abstimmungen scheinen die Sympathien auch diesmal klar verteilt zu sein. BILDER: MARK POLLMEIER
… Zustimmung in der Stadt (hier in Bern) – wie schon bei den letzten Agrar-Abstimmungen scheinen die Sympathien auch diesmal klar verteilt zu sein. BILDER: MARK POLLMEIER

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