LOKALHISTORIE Zeitungen verfolgen Geschehnisse über längere Zeiträume, so auch der «Frutigländer». Blättert man in alten Ausgaben, fällt auf, wie lange manche Themen die Region bewegen. Vieles, was vor zehn Jahren seinen Anfang nahm, ist bis heute aktuell.
In der Serie «Vor zehn Jahren» blicken wir regelmässig eine Dekade zurück und zeichnen nach, wie sich bestimmte Themen – oder Karrieren – entwickelt haben. Der heutige Teil umfasst den Zeitraum von Ende Juli bis Ende Oktober 2014.
Erfolgskoch mit Abstecher
Dass Karrieren nicht immer nach Plan laufen, sieht man an Andy Schranz. «Ich wollte nie ein eigenes Restaurant haben», verrät der Adelbodner dem «Frutigländer» im Herbst 2014 – als er sein «Hohliebestübli» bereits seit elf Jahren erfolgreich führt. Das «Beizli» habe es ihm einfach angetan. Schon während seiner regelmässigen Schlittelausflüge mit der Familie habe er sich ausgemalt, was man daraus machen könne. Kaum war das Lokal zum Verkauf ausgeschrieben, schlug Schranz zu – und machte tatsächlich etwas daraus. Er verwandelte das alte Bauernhaus in ein Gourmetrestaurant, das trotz seiner abgeschiedenen Lage von überall her angesteuert wird – und strafte damit alle Skeptiker Lügen, die ihm einen baldigen Konkurs prophezeit hatten. Dabei hatte Andy Schranz zuvor sogar mal völlig andere Karrierewege eingeschlagen: Nach seinen Koch- und Konditorlehren versuchte er sich eine Weile im Gipshandwerk und begann dann eine Ausbildung zum Militärinstruktor. Schon bald ergriff ihn aber wieder die Sehnsucht nach der Küche. Er kehrte ins Restaurant «Alpenblick» zurück, bevor er 2003 das «Hohliebestübli» übernahm.
Obwohl er dort gut und gerne mal 18 Stunden auf den Beinen steht, verleidet es ihm die Arbeit nicht. Im Gegenteil: Im September 2014 eröffnet er mit der «Trinkbar» sogar noch einen zweiten Betrieb – zusammen mit seiner Partnerin Sandra Burn und mit Jürg Gyger.
Viele Kinder, wenig Platz
Rekordzahlen bei Reichenbachs Nachwuchs: Im Schuljahr 2014 / 2015 leben in der Gemeinde 90 Kindergartenkinder. Weil die bisherigen vier Einrichtungen nicht genug Platz bieten, muss eine fünfte her. Im September wird im obersten Stock des Schulhauses Müli ein neuer Kindergarten für die Bäuerten Scharnachtal und Kien / Schwandi eröffnet. Zu dieser ungewöhnlichen «Wohngemeinschaft» zwischen OberstufenschülerInnen und Kindergärtler-Innen kam es, weil im Müli aufgrund sinkender Schülerzahlen Klassenzimmer frei wurden. Auch wenn manche Eltern ihre Kinder lieber in der eigenen Bäuert untergebracht hätten, herrscht am Einweihungstag gute Stimmung.
Auch in Kanderbrück braucht es Platz für eine zusätzliche Kindergartenklasse. Hier muss man jedoch vorerst mit einem Container Vorlieb nehmen, weil gegen den geplanten Um- und Ausbau des Schulhauses Einsprache erhoben und der Fall bis vors Bundesgericht gezogen wurde. Im Oktober 2014 wird die Beschwerde höchstinstanzlich abgewiesen, das Bauvorhaben erhält somit grünes Licht. Zum Zeitpunkt des Urteils besuchen die Kanderbrücker Kinder bereits seit mehreren Wochen das Container-Provisorium.
Kollektive Kündigung
Für ältere Kinder bricht unterdessen ein Angebot weg. Im September 2014 werden nach und nach alle Events abgesagt, die Jugendräume «Second Room» in Frutigen, «maLibu» in Reichenbach und «Underground» in Kandersteg schliessen fürs Erste ihre Türen. Grund: Das dreiköpfige Team der Regionalen Jugendarbeit (RJA) hört zum Ende des Monats auf. Auch wenn die Kollektivkündigung plötzlich daherkommt – abgezeichnet hat sie sich schon länger. Nachdem Wimmis sich Ende 2013 aus dem gemeindeübergreifenden Projekt zurückgezogen hatte, wurden die Mittel für die verbliebenen drei Gemeinden Reichenbach, Frutigen und Kandersteg knapp. Angekündigte Stellenkürzungen sowie Meinungsverschiedenheiten mit der zuständigen Kommission veranlassten die JugendarbeiterInnen schliesslich dazu, sich etwas Neues zu suchen.
Reichenbach, Frutigen und Kandersteg sind jedoch nach wie vor davon überzeugt, dass es eine regionale Jugendarbeit braucht. In den kommenden Jahren werden sie versuchen, weitere Gemeinden ins Boot zu holen und neue Strukturen zu erarbeiten. 2016 wird dann die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) Niesen aus der Taufe gehoben, zu ihren Anschlussgemeinden gehören auch Kandergrund und Diemtigen.
Der beste Strassenbauer
Auch wenn es immer wieder mal regnet und der Himmel grau ist – für einen jungen Mann aus Reichenbach bricht im September 2014 ein goldener Herbst an. Bei den SwissSkills in Bern holt Pascal Studer den Schweizermeistertitel im Strassenbau. Gemeinsam mit seinem Aargauer Teamkollegen Sandro Leuenberger muss er einen Gehweg erstellen. Ein Spaziergang wird das nicht: Die beiden werden durch einen kleinen Materialfehler um Stunden zurückgeworfen, lassen sich davon aber zu keiner Zeit aus der Ruhe bringen. Am Ende gehen sie mit knappem Vorsprung als Sieger aus dem Berufswettkampf hervor.
Eine bekämpfte Unterkunft
Die Stiftung Ferienzentrum Aeschiried steckt in finanziellen Schwierigkeiten; seit Längerem schon schreibt das von ihr betriebene Blaukreuzheim rote Zahlen. Um weitere Verluste abzuwenden und die Zukunft des Betriebs zu planen, legt die Stiftung einen Marschhalt ein. In der Zwischenzeit vermietet sie einen Teil ihrer Liegenschaft an den Kanton – und der will darin Asylsuchende unterbringen. Erst wenige Wochen vor deren geplantem Einzug wird die Gemeinde Aeschi ins Bild gesetzt, entsprechend pikiert reagieren LokalpolitikerInnen und Teile der Bevölkerung. «Wir sind vor vollendete Tatsachen gestellt worden», beklagt die damalige Gemeinderätin Brigitte Berger. Im Oktober bemüht man sich dann umso mehr, Transparenz herzustellen. An einer Infoveranstaltung stehen etliche Involvierte Red und Antwort, darunter der Regierungsstatthalter Christian Rubin, VertreterInnen des kantonalen Migrationsdiestes und der Stiftung Blaukreuzheim, die künftigen Betreiber sowie der gesamte Gemeinderat. Selbst Polizeivertreter sind vor Ort und erklären, wie sie mit allfälligen Straftaten umgehen würden. Der Andrang im Aeschiner Gemeindesaal ist gross, die Debatte verläuft friedlich – wenn auch durchaus polarisiert. Gegner und Befürworter des Durchgangszentrums applaudieren im Wechsel.
Einige AnwohnerInnen wehren sich mit einer Einsprache gegen die Umfunktionierung des Blaukreuzheims – ohne Erfolg. Mitte Dezember, gut einen Monat später als geplant, werden die ersten AsylbewerberInnen einziehen. Wie angekündigt und vom Gemeinderat gewünscht, wird es sich dabei um Familien mit Kindern handeln.
Adieu, «National»!
Während das Ferienzentrum Aeschiried anderweitig verwendet wird, verschwindet eine Kandersteger Unterkunft gleich ganz: das ehemalige Hotel National. Ein Frutiger Unternehmer hat es gekauft mit dem Ziel, das Gebäude abzureissen und das Grundstück hinterher weiterzuverkaufen. Dereinst, so der Plan, sollen dort Wohnhäuser entstehen. Im Herbst 2014 liegt eine dafür erforderliche Zonenplanänderung auf. Weil keine Einsprachen erhoben werden, geht das Projekt zur Vorprüfung an den Kanton. Im Januar 2015 wird das Gebäude tatsächlich abgebrochen, doch etwas Neues ist auch zehn Jahre später nicht in Sicht.
Augenschein im Auengebiet
Ein Bauverbot herrscht derweil im Gastereholz – und nicht nur das: Weil die Auenlandschaft unzähligen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet und der Kander gewissermassen freien Lauf lässt, steht sie seit 2012 unter Naturschutz. Dem Menschen sind damit klare Grenzen gesetzt: Motorfahrzeuge sind tabu und höchstens auf den vorgesehenen Parkplätzen abzustellen, Bräteln ist nur an fixen Grillstellen erlaubt und Hunde gehören an die Leine. Nicht einmal Pilze oder Beeren darf man hier sammeln, was einigen Einheimischen gar nicht schmeckt. An einem Infotag Ende Juli 2014 können sie sich vor Ort über den Wert des Naturschutzgebiets sowie über die geltenden Regeln informieren lassen. Trotz Dauerregens machen immerhin ein paar Wetterfeste von diesem Angebot Gebrauch.
Fuhrenweidli sucht Anschluss
Die öV-Erschliessung des grössten Adelbodner Skigebiets lässt zu wünschen übrig. Für autolose WintersportlerInnen endet die Reise bei der Mineralquellen AG, von wo aus sie einen beschwerlichen Fussweg zur Talstation der Sillerenbahn überwinden müssen. Seit 24 Jahren arbeitet die Gemeinde bereits an einer Lösung, im Herbst 2014 liegt sie schliesslich vor: eine Haltestelle im Fuhrenweidli, die mithilfe einer neuen Brücke über den Allenbach erschlossen werden soll. Das Projekt soll 3,2 Millionen Franken kosten, von denen die Bergbahnen Adelboden AG (Baag) als Profiteurin 1,2 Millionen übernehmen will. Gemeinderat Marcel Zimmermann gibt sich alle Mühe, die Bevölkerung von diesem Projekt zu überzeugen. Doch der Souverän will die Brücke nicht: Ende September lehnen 57 Prozent der UrnengängerInnen sie ab. Wie sich bereits an den drei Infoveranstaltung im Vorfeld zeigte, stellen die KritikerInnen das Verkehrskonzept insgesamt infrage. Manche fürchten etwa einen Verkehrsknotenpunkt unterhalb des Friedhofs.
Zimmermann macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung und kündigt an, das Projekt weiterzuverfolgen. Tatsächlich bleibt die Fuhrendweidli-Erschliessung auch zehn Jahre später noch Thema – umso mehr, nachdem die Baag ihre Pläne für die «Direttissima» und die neue Talstation vorgestellt haben wird.
Stark an der Armbrust
Gute Nachrichten gibt es wie immer in der Rubrik «Sport». Frutigen verfügt über eine aussergewöhnlich starke Armbrustszene und stellt an der Weltmeisterschaft 2014 in Frankfurt (D) das grösste Aufgebot. Mit dabei ist die Erfolgsschützin Monika Zahnd. Die mehrfache Europa- und Weltmeisterin will den Anlass nutzen, um ihre internationale Karriere nach 30 Jahren mit einer weiteren Medaille zu beenden. Tatsächlich schiesst die Kandergrunderin dort das Höchstresultat in der Team-Kategorie und lässt sich zusammen mit Christof Arnold (Baar) und Jürg Ebnöther (Gibswil) die Silbermedaille umhängen. Zwei weitere Mitglieder der Frutiger Armbrustschützengesellschaft sind ebenfalls erfolgreich: WM-Neuling Joelle Baumgartner erzielt mit ihrem Team Bronze, Ramona Bieris Gruppe landet auf Platz 5.
Illegale Wohnungen
Im Jahr 2014 beschäftigt sich die Gemeinde Frutigen mit illegalen Bautätigkeiten. Wie Anfang des Jahres bekannt wurde, waren an der Parallel- und Schwandistrasse mehrere Büros in Wohnungen umgewandelt worden – ohne Baugenehmigung und zonenfremd. Die Gemeinde hätte den Rückbau fordern können, entschied sich aber für eine nachträgliche Legalisierung der Wohnungen. Der Weg führt nun über eine Umzonung des betroffenen Gebiets. Diese scheint auch grundsätzlich möglich zu sein, wie der «Frutigländer» im Herbst 2014 vermeldet. Das kantonale Amt für Gemeinden und Raumordnung hege keine grundsätzlichen Bedenken, fordere aber unter anderem ein Lärmgutachten. Zudem muss die Gemeinde das Einverständnis der HausbesitzerInnen einholen, bevor sie den Zonenplanänderungsprozess in Gang setzen kann. Die Kosten dafür sollen den Bausündern in Rechnung gestellt werden, wie der damalige Obmann Ruedi Egger erklärt.
9100 km östlich von Frutigen
Seit 2005 verfügt die Wandfluh AG über eine Niederlassung in Shanghai mit knapp 20 Mitarbeitern. Weil das Hydraulikteile-Geschäfte so gut läuft, baut die Frutiger Firma 2014 einen neuen Produktionsstandort mit Platz für 200 Leute. Der Spatenstich läuft etwas pompöser ab als hierzulande: Kanonengeballer und Feuerwerk begleiten den symbolischen Akt. Anders sind auch die Verbindlichkeiten 9100 km östlich von Frutigen. «Erst nach dem Spatenstich wurden wir darüber informiert, dass eine öffentliche Strasse direkt durch unser Bürogebäude führt», erzählt der CEO. Also musste man kurzerhand umplanen.
HÜS












