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Keine Minute zu schade für Nothilfe

Mit grosser Anspannung verfolgten die gebürtige Tschechin Markéta Allenbach und ihr Mann Matthias Mitte September die Wettervorhersagen fürs Dorf Brantice und die Region im Altvatergebirge. Angekündigt waren 400 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, gefallen sind 520 Liter in drei Tagen. Die dadurch entstandenen Schäden sind erheblich. Kurzentschlossen ist die vierköpfige Familie deshalb nach Tschechien gefahren – und zwar nicht mit leeren Händen.

RUTH STETTLER
«Eigentlich wollten wir eine Woche später sowieso nach Tschechien in die Ferien fahren, um meine Verwandten zu besuchen», erklärt Markéta Allenbach. Die Ereignisse, die Betroffenheit und die Ohnmacht, von der Schweiz aus nicht helfen zu können, empfand sie jedoch als unerträglich. Ausserdem wollte auch ihre in Frutigen lebende Mutter unbedingt in ihr Heimatland. Über Instagram und andere soziale Kanäle starteten Allenbachs schliesslich einen Spendenaufruf. Ihr Gedanke: «Wir finden sicher noch Platz für Hilfsgüter im Auto!» Die Reisevorbereitungen dauerten knappe 48 Stunden. Es galt, einen Dispens für die schulpflichtigen Kinder zu beantragen, eine Ablösung für Küchenchef Matthias in der Spitalküche Frutigen zu suchen, Sportlektionen abzusagen (Markéta ist Trainerin in verschiedenen Sportarten) und das Nötigste zu packen. Unterdessen füllte sich die Garage an der Kurhausstrasse mehr und mehr mit Hilfsgütern. Immer noch völlig überwältigt von der Solidarität aus ihrem Umfeld berichten Allenbachs: «Die Leute sind zeitweise Schlange gestanden, um uns etwas zu bringen! Wir sind so unendlich dankbar für diese Unterstützung.»

«Die Verwüstung war schrecklich»
Es sei eindrücklich, wie Adelbodner und Freunde aus der Region mitgedacht und sich in die Lage der Leute im Krisengebiet hineinversetzt hätten. «Wir wurden beispielsweise gefragt, ob wir noch Handschuhe brauchen würden oder ob auch ein Stück Käse diene», erzählt Markéta Allenbach. Es wurden Notstromaggregate, Werkzeug, Nahrungsmittel, Kleider, Hygieneartikel, Medikamente, Treibstoffkanister und vieles mehr abgegeben. Mit einem Anhänger voller Hilfsgüter (2 Tonnen!) fuhr die Familie am Freitag, 20. September, los. Ein Feuerwehrkollege von Matthias hatte einen EU-tauglichen Anhänger zur Verfügung gestellt. Die Aufschrift «Mit dr Chinderbühni uf Entdeckigsreis» entlockte allen trotz grosser Anspannung auf der 19-stündigen Reise ein Schmunzeln. In Egerkingen wurde Sohn Alexander direkt vom laufenden Klassenlager abgeholt, unterwegs gab es noch Zwischenstopps zum Laden weiterer Hilfsgüter von Freunden und Verwandten. Als Allenbachs dann im Krisengebiet eintrafen, verging ihnen jegliches Lachen. «Die Verwüstung durch die Überschwemmungen auf einem Gebiet etwa so gross wie jenes zwischen Solothurn und Adelboden war schrecklich: kaputte Strassen, Häuser und überall Schutt und Schlamm, wohin das Auge reichte.» Mit einem immer noch ungläubigen Kopfschütteln erklärt die Familie: «Es war wie im Krieg.»

Hilfe von Haus zu Haus
Als Allenbachs bei ihren Verwandten in Tschechien ankamen, waren alle am Aufräumen. Noch aus Kriegszeiten waren zirka alle 150 Meter stationäre Lautsprecher aufgestellt. Diese wurden zur Krisenbewältigung eingesetzt. So wurde beispielsweise mitgeteilt, wann der Strom wieder funktionieren würde oder wo Trinkwasserstationen zu finden seien. Schnell stellte sich heraus, dass die Hilfe von Haus zu Haus am sinnvollsten war. Allenbachs Kinder Céline und Alexander, die fliessend Tschechisch sprechen, übernahmen diesen Part. Nebst dem Schlammschaufeln (selbstverständlich lag bei dieser Gelegenheit auch mal eine Schlammschlacht mit den Kindern aus dem Dorf drin!) war dies eine willkommene Abwechslung für die beiden, die stets fleissig mithalfen. Nach ein paar Tagen erhärtete sich der Schlamm allerdings zu Beton, also musste gepickelt werden. Pickel gab es jedoch vorerst nur drei im Dorf. Spuren dieser Arbeit weist Markéta noch heute an ihrem grossen Zeh auf. Die schwarze Verfärbung hat sich durch das ständige Tragen der Gummistiefel ergeben. Weil es auch den betroffenen Einwohnern so erging, waren plötzlich Bergschuhe sehr gefragt. Auch dieser Notruf drang bis nach Adelboden vor – und bald darauf kam eine weitere Lieferung nach Tschechien zustande.

Jedes Stück Käse wurde zum grossen Geschenk
Auch die Solidarität vor Ort war enorm: Mehrmals erlebten Allenbachs, wie die Betroffenen Hilfsgüter oder finanzielle Unterstützung nur dann annehmen wollten, wenn sie niemanden kannten, der sie im Moment dringender gebraucht hätte. Es waren einschneidende drei Wochen in Tschechien: «In der Not lernt man Menschen kennen», betont Matthias rückblickend und ergänzt: «Wir haben gemerkt, dass die Frage ‹Wie geht’s?› durch ‹Was brauchst du?› ersetzt werden muss.» Allenbachs lernten Menschen kennen, die nichts mehr hatten. Unter Tränen erklärt Markéta: «Es war so schön und tat so gut, diesen Menschen etwas zu geben.» So wurde beispielsweise jedes Stück Bergkäse zu einem grossen Geschenk.

Über zwei Wochen lang war der Einsatz grosser Maschinen im Sumpf nicht möglich. Das Militär bot erst in den Städten Hilfe an. Mit Würde akzeptierten die Einwohner Brantices und der Umgebung diese Tatsache. Sie hätten auch nichts anderes erwartet. Nebst anderen Fähigkeiten kam Adelbodens Feuerwehreinsatzschef insbesondere die Ausbildung zum «First Responder» (Ersthelfer) zugute. Eigentlich hätte er Hilfe von den Behörden erwartet. Auf die Frage, was denn in der Schweiz bei einem ähnlichen Ereignis anders laufen würde, antwortet er denn auch klar: «Wir haben eine funktionierende Politik. Die Führungsorgane greifen ineinander, die Regeln und Aufgaben sind klar verteilt. Die längst geplante Staumauer wäre vielleicht gebaut.»

Erschöpft und voll von herzzerreissenden Eindrücken sind Allenbachs inzwischen nach Adelboden zurückgekehrt. Keine Minute war der Familie zu schade für ihre geleistete Hilfe.

Fortsetzung im März
«Dass wir persönlich die Hilfsgüter gebracht und verteilt haben, ist wahrscheinlich der Grund für das grosse Vertrauen und die zahlreichen Spenden, die wir erhielten», mutmassen Allenbachs. Die Hilfe ist mit ihrem Einsatz im Herbst aber noch längst nicht abgeschlossen, sie hat sich nur geändert: Was die Menschen jetzt brauchen, sind vor allem finanzielle Mittel. Gerade Maschinen und Haushaltgeräte müssen sie aufgrund der Ersatzteile und der Reparaturmöglichkeiten ortsnah beschaffen können. Allgemein soll das einheimische Gewerbe im Altvatergebirge wieder angekurbelt werden. Zudem gilt weiterhin: Jede Hand zählt. Für den Wiederaufbau des Dorfes sind viele Handwerker gefragt. Markétas Bruder Marek (ihn haben die Überschwemmungen weniger schwer getroffen als andere) übernimmt die Koordination in Brantice. In der Krisenregion hofft man auf warmes Herbstwetter. Vor dem Winter sollten die zum Teil ohnehin schon spröden Mauern trocken sein, damit nicht durch den winterlichen Frost noch mehr Risse und letztlich Einsturzgefahren drohen. Im März möchten sich Allenbachs in erster Linie um die Menschen ohne Versicherung kümmern. Sie schätzen, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung keine Versicherung hat. Die Hilfe soll auch weiterhin von Tür zu Tür erfolgen, denn damit sind Allenbachs gut gefahren.

Für weitere Spenden wurde ein Spendekonto eingerichtet: Inhaberin: Markéta Allenbach; IBAN: CH29 0878 4044 1540 1020 2; Bank: Spar- und Leihkasse Frutigen


Starkregen werden häufiger und intensiver
Gut einen Monat nach dem Unwetter in Tschechien wurde auch der Südosten Spaniens von desaströsen Überschwemmungen heimgesucht. Besonders betroffen war die Region Valencia; hier fielen letzte Woche am Dienstag binnen weniger Stunden über 300 Liter Regen pro Quadratmeter. Über 200 Menschen kamen ums Leben, 93 werden noch vermisst. Am vergangenen Montag hatte auch Katalonien mit Unwettern zu kämpfen, Teile des Flughafens El Prat standen unter Wasser.

Auch in der Schweiz und in Deutschland kam es in den letzten Jahren vermehrt zu schweren Ereignissen. Gemäss MeteoSchweiz ist die Häufigkeit von Starkniederschlägen um 24 Prozent angestiegen und sind diese Niederschläge durchschnittlich um 10 Prozent intensiver geworden. Aufgrund des Klimawandels wird es künftig wohl noch öfter zu solchen Extremwettern kommen. Denn: Je höher die Temperatur, desto mehr Wasser verdunstet und gelangt dadurch in die Atmosphäre.

REDAKTION

Auch die Kinder packten tatkräftig mit an.
Auch die Kinder packten tatkräftig mit an.
Allenbachs Garage in Adelboden platzte vor lauter Hilfsgütern aus allen Nähten. BILD: ZVG
Allenbachs Garage in Adelboden platzte vor lauter Hilfsgütern aus allen Nähten. BILD: ZVG
So sah Brantices Dorfzentrum zeitweise aus. BILD: ZVG
So sah Brantices Dorfzentrum zeitweise aus. BILD: ZVG
Mit gemischten Gefühlen schauen sich Markéta und Matthias Allenbach die vielen Bilder von der spontanen Hilfsaktion an. BILD: RUTH STETTLER
Mit gemischten Gefühlen schauen sich Markéta und Matthias Allenbach die vielen Bilder von der spontanen Hilfsaktion an. BILD: RUTH STETTLER

1 Kommentar

  1. Guten Tag liebe Nachbarn
    Ihre Geschichte habe ich soeben im Frutigländer gelesen. Wie nett von Ihnen, dass Sie Ihren geschädigten Verwandten so hilfreiche Unterstützung bringen und auch Ihre beiden Kinder so tatkräftig mithalfen. Wenn ich dies gewusst hätte, wären bestimmt auch in meinem Chalet noch einige nützliche Sachen für dieses geschädigte Dorf vorhanden gewesen. Vielleicht kann ich dies noch später für Sie tun auch von Erlenbach ZH wo ich wohne. Vorerst übermittle ich Ihnen gerne eine Spende auf Ihr Bankkonto.
    Alles Gute und vielen Dank für Ihre Bemühungen. Es freut mich, dass ich so hilfreiche Nachbarn habe.
    Freundliche Grüsse auch an Ihre Eltern Allenbach.
    Regula Huber-Rahm, Erlenbach ZH / Adelboden

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