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Umarmen erlaubt (aber erst fragen!)

Heute ist der «Hugging Day» oder «Welttag des Kuschelns», wie er auf Deutsch heisst. Ins Leben gerufen hat ihn nicht die Achtsamkeitsindustrie und auch nicht die Erotikbranche, sondern ein Pfarrer aus Michigan, USA.

MARK POLLMEIER
Sich zu umarmen und zu liebkosen, ist ein urmenschliches Bedürfnis – und deshalb kommt es natürlich auch in der Bibel vor. Was macht zum Beispiel der Vater, als sein verlorener Sohn nach Hause zurückkommt, pleite und hungrig? Er umarmt ihn und drückt ihn an sich.

Vielleicht liess sich Kevin Zaborney, Pfarrer in Caro, Michigan, von dieser Geschichte aus dem Lukas-Evangelium inspirieren, als er 1986 den «International Hugging Day», also den internationalen Tag der Umarmung, erfand. Als jährliches Datum wählte er den 21. Januar. Der liegt nämlich, so die Erklärung, ziemlich genau in der Mitte zwischen zwei anderen «Umarmungsterminen», nämlich dem Weihnachtsfest und dem Valentinstag. Ausserdem fällt das Datum in die kalte, trübe Jahreszeit, in der man körperliche Nähe gut gebrauchen könne, so Zaborney. Überhaupt kämen sich die Menschen viel zu selten nahe.

Drücken wie ein Bär
Seit der erste «Umarmungstag» stattfand, rufen bei Pfarrer Zaborney alljährlich Journalisten an und wollen Interviews. Zaborney gibt geduldig Auskunft und erzählt bei solchen Gelegenheiten etwa, seine Lieblingsumarmung sei der «Gorilla Hug» (die Gorilla-Umarmung), auch «Bear Hug» genannt. Dabei legt man beide Arme um eine Person, zieht sie eng an sich und drückt sie fest. «Natürlich darf das nicht wehtun», mahnt Zaborney!– wie man überhaupt nicht einfach wildfremde Leute herzen sollte. Abgesehen von engen Verwandten müsse man vorher stets fragen – etwa die Kollegen im Büro. Für die empfiehlt der Erfinder des Umarmungstages den «Shoulder Hug»: Man legt einen Arm um die Schulter des Kollegen oder der Kollegin und drückt einmal kurz. Bei Kindern empfiehlt sich dagegen der «Pick-up Hug», bei dem die Kleinen in die Arme eines Erwachsenen springen und dann hochgehoben und umarmt werden.

Präsidenten und Fussballtrainer
Weil heute für alles Mögliche Studien durchgeführt werden, sind die Vorteile von Umarmungen mitterweile auch wissenschaftlich belegt. Sie sollen etwa das Immunsystem stärken, das Risiko für Herzkrankheiten und den Blutdruck senken und helfen, das Stresshormon Cortisol abzubauen.

Mit der Zeit hat sich um den «Hugging Day» eine regelrechte Folklore entwickelt. So wird auf der entsprechenden Website jeweils die am meisten zu umarmende Person des Jahres gewählt und gewürdigt. 2009 war es der damalige US-Präsident Barack Obama, 2011 die chilenischen Minenarbeiter des Grubenunglücks von San José und 2017 der Fussballtrainer Jürgen Klopp – wozu möglicherweise die Fans des FC Liverpool beitrugen. Dieses Jahr wurde Olesya Karpenko gewählt, eine Frau, die nach dem verheerenden Tropensturm Helene im September 2024 unermüdlich Freiwilligenarbeit für die Opfer der Katastrophe leistete. «Helene» hatte im Osten der USA gewütet und Hunderte Tote gefordert.

Warum eigentlich «kuscheln»?
Bleibt ein letztes Rätsel. Das englische Wort «hugging» heisst eigentlich «umarmen». Im deutschsprachigen Raum ist der «Hugging Day» aber als «Weltknuddeltag» oder «Weltkuscheltag» bekannt geworden. Warum, ist nicht mehr herauszufinden. Vielleicht war (wie so oft) die Presse schuld. Irgendeinem Redaktor war die gute alte Umarmung vielleicht nicht pfiffig genug, weswegen fortan eben von «knuddeln» die Rede war.

Ob kuscheln, knuddeln, umarmen, herzen oder liebkosen – Pfarrer Kevin Zaborney wäre es vermutlich egal, wie man «seinen» Tag nennt. Hauptsache, am 21. Januar passiert was.

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