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«Wir setzen auf Artenreichtum»

Im Vorfeld des heutigen Tages des Waldes luden die Geschäftsstelle Forst Frutigland und die Dorfbäuert Frutigen den «Frutigländer» zu einer Waldrandbegehung ein. Nebst der Schutzwaldpflege kümmert man sich in der Region verstärkt darum, Waldränder aufzuwerten.

KATHARINA WITTWER
«Hier war ein klassischer Waldsaum ohne Strauchgürtel, überaltert und von mehrheitlich grossen Fichten bewachsen», erklärt Martin Schenk beim Guferwald oberhalb des Dorfes Frutigen. Als an Weihnachten 1999 der Sturm Lothar übers Land fegte, blieb dieser Waldrand wohl standhaft. Ähnlich einer Walze richteten die Naturkräfte dagegen weiter innen Schaden an. «Mit einer gezielten Waldrandpflege können solche Schäden vermieden werden. Das ist eines unserer Ziele», so der Förster der Geschäftsstelle Forst Frutigland.

Der Guferwald umfasst ungefähr 67 Hektaren. Die insgesamt 164 Bäuertrechte gehören seit jeher der Dorfbäuert Frutigen. Mit den vielen Spazierwegen und einem Vita Parcours gilt er als Naherholungsgebiet. Entsprechendes Augenmerk wird von den Verantwortlichen auf die Sicherheit gelegt.

Wildzwetschgen und Wildbirnen
Waldränder sind ökologisch wichtige Zonen. Der Übergang von Wiese zu Wald bietet Raum für viele unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten. Sofern es genug Platz gibt – was hier nicht der Fall ist – kann diese Zone bis zu 30 Meter breit sein. Sie beginnt bereits auf der Wiese, genannt Krautzone. Auf einer Breite von drei Metern dürfen weder Mist noch Gülle ausgebracht werden. Der Wald beginnt mit einem 2 bis 10 Meter breiten Strauchgürtel. Wie der Name verrät, kommen hier idealerweise Haseln, Weiden oder Himbeeren vor. Der anschliessende Waldmantel ist für sogenannte Lichtbaumarten vorgesehen. Dazu gehören Wildobstgehölze und andere Laubbäume. «Wilde Kirschbäume sind erfreulicherweise bereits vorhanden. Diese lassen wir als Samenbäume stehen. Nun möchten wir auch noch Wildzwetschge und Wildbirne, Linde, Eiche, und Eberesche pflanzen oder aufkommen lassen», so Schenk.

Gezieltes Ausholzen schafft Raum für Neues
Vergangenen Herbst zeichnete der Förster gemeinsam mit Res Wäfler, Waldverantwortlicher der Dorfbäuert Frutigen, die zu fällenden Bäume an. An der anschliessenden Bäuertversammlung wurden Lose vergeben; die Arbeiten wurden dann im Winter ausgeführt. Einige führten die Fällarbeiten in ihren Losen selber aus, andere vergaben den Auftrag an Forstunternehmen. Das Stammholz ist inzwischen abtransportiert. Zahlreiche Asthaufen bieten Vögeln, Insekten und Kleinsäugern ideale Wohn- und Brutstätten. Da in dieser Zone nun viel Licht vorhanden ist, haben die natürlich gewachsenen Bäume und die Neupflanzungen bessere Überlebenschancen. Auch hofft man, dass von Vögeln hierher transportierte Baumnüsse oder Eicheln keimen werden. «Ende März organisieren wir unseren alljährlichen Waldpflegetag. Rund 35 Personen werden weitere Bäume pflanzen, Äste zusammentragen und gemeinsam Sinnvolles für die Natur tun», erklärt Wäfler. Um den Tieren Ruhe zu gewähren und um Vogelnester zu schützen, dürfen ab dem 1. April wegen der Vogelbrut und Setzzeit keine grossflächigen Waldarbeiten mehr ausgeführt werden.

Arbeiten für die nächsten Generationen
Es wurden zudem bereits einige Laubbäume gepflanzt und mit einem Wild-Einzelschutz lose umwickelt. Die noch hellen Holzgitter, Baumwollnetze und Schnüre fallen auf. Martin Schenk begründet den Wechsel von Plastik zu Naturmaterial so: «Wir probieren Verschiedenes aus und beobachten die Wirksamkeit und die Dauer bis zur Verrottung. Da man inzwischen das Mikroplastik-Problem kennt, nutzen wir dieses Material nicht mehr.» Das Holz für die Gitter kommt, wenn möglich, aus der Schweiz oder aus dem angrenzenden Ausland.

In den nächsten Jahren wird Forst Frutigland die Waldrandpflege fortsetzen. Aufgewertete Streifen dürfen jedoch nicht sich selbst überlassen werden. Alle fünf bis sechs Jahre ist eine Pflege notwendig, damit die konkurrenzstärkeren Waldbäume die lichtbedürftigen Strauch- und Baumarten nicht verdrängen. «Wir setzen auf Artenreichtum, wie es ihn im früheren Naturwald einmal gab», sagt Martin Schenk. «Die Fichte ist wegen ihrer flachen Wurzeln schlecht gegen Trockenheit gefeit und wird bei längeren Trockenphasen auf flachgründigen Böden möglicherweise langsam verschwinden.»


Lebensgrundlage unter Druck

31 Prozent der Schweiz sind bewaldet, 24 Prozent sind es im Alpenraum. Burger-, Bürger- oder Bäuertgemeinden besitzen insgesamt 41 Prozent der Waldfläche.
Der Wert des Waldes ist unschätzbar. Er bietet vielen Tieren eine Lebensgrundlage, weist eine grosse Biodiversität auf, ist Erholungsraum für Menschen, produziert Sauerstoff, bindet CO2 und ist auch ein Wirtschaftsfaktor, liefert er doch Energie- und Baumaterial.
Sein Gesundheitszustand jedoch steht unter Druck. Buchdrucker, Borkenkäfer, Asiatischer Laubholzbockkäfer und weitere tierische Schädlinge sind im Kommen. Pilze wie Eschen- und Föhrentriebsterben sowie die Russrindenkrankheit befallen immer mehr Baumarten. Unter anderem wegen der allgemeinen Erderwärmung und des weltweiten Handels verbreiten sich laufend neue Schadensverursacher. Folgen mehrere trockene Jahre aufeinander, häufen sich Waldbrände. Zudem nimmt die Stickstoffbelastung zu, was langfristig zu vermehrtem Wachstum von stickstoffliebenden Pflanzen wie Brombeeren oder Brennnesseln führt.

WI

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