61 Stimmberechtigte der Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren vor Grossraubtieren im Kanton liessen sich in Thun von ihrem Präsidenten über das vergangene intensive Jahr und laufende Aktionen informieren. Nicht jede politische Aktion zur Regulierung des Wolfsbestandes hat dabei den gewünschten Erfolg. Katrin Schneeberger vom Bundesamt für Umwelt betonte in ihrem Gastreferat die Wichtigkeit der gegenseitigen Rücksichtnahme.
Die Formation «Zämägwürflet» mit Alex Zurbuchen, Melanie Hirschi und Joel Hostettler eröffnete den Abend mit «Hesch Hasch Hösch.» Musikalisch aufgewärmt eröffnete Präsident Thomas Knutti in Thun mit seinem Jahresrückblick die Hauptversammlung der Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren vor Grossraubtieren im Kanton Bern. «Letzten Frühling wurden in der Region Guggisberg–Rüeggisberg– Rüschegg–Oberbalm–Riggisberg insgesamt zehn Wolfsrisse verzeichnet. Der SMS-Dienst sowie die Zusammenarbeit mit dem Herdenschutzbeauftragten laufen nur unzureichend und müssen dringend verbessert werden», kritisierte Knutti.
Petition statt Initiative
Die Initiative «Zum Schutz von Mensch, Haus- und Nutztier vor dem Wolf» von Miriam Grab konnte die erforderlichen 100 000 Unterschriften nicht erreichen. Knutti schlug ihr deshalb vor, die Unterschriften als Petition einzureichen. «Am 28. November übergaben wir der Bundeskanzlei 42 000 Unterschriften mit der Forderung, dass der Wolf ganzjährig jagdbar sein soll. Die Petition wird nun an den Bundesrat und die zuständige Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie weitergeleitet», führte Knutti aus. «Wir spüren, dass unsere Arbeit nicht umsonst ist. Die Bevölkerung ist immer mehr auf unserer Seite, dass der Wolf weg muss. Der Wind hat zu unseren Gunsten gedreht», freute er sich.
Im statutarischen Teil der Versammlung wurden Kathrin Allenbach (Frutigen) und Beatrice Böhny (Hasliberg) für zwei Jahre in den Vorstand wiedergewählt. Die Mitgliederbeiträge bleiben unverändert.
Neue Volksinitiative im Kanton Bern
Nicht glücklich ist man im Vorstand mit der aktuellen Regulierung bei den Grossraubtieren. Mit der neuen Volksinitiative «Für einen Kanton Bern ohne Grossraubtiere» möchte man den Kanton in Bezug auf die Regulierung des Wolfbestandes zum Handeln bringen. «Die Finanzkommission hatte vorgeschlagen, die Wölfe zu sterilisieren, was enorme Kosten nach sich ziehen würde und vor allem unmöglich ist», erklärte der Präsident. Mit der Initiative soll der Kanton Bern zu einer effektiven Regulierung von Wolf, Luchs, Bär und Goldschakal gezwungen werden.
«Chäs u Brot»
«Es gibt im Bundeshaus Parlamentarier, die mich – mit einem Augenzwinkern – mit ‹Hallo Wolfs-Direktorin› begrüssen. Damit will ich zu jenem Thema kommen, das Sie vermutlich am meisten interessiert, dem Wolf», eröffnete Katrin Schneeberger, die Direktorin des Bundesamts für Umwelt (BAFU), ihr Referat. Sie zeigte Verständnis für die Sichtweise der Wolfsgegner und verwies dabei auf die vielen geführten Gespräche. «Diese Belastung kann ich nachvollziehen. Darum haben die Politik und das BAFU auch schon gehandelt. Das Zusammenleben von Wolf, Nutztieren und Mensch bleibt aber anspruchsvoll», führte sie aus. «Für die Ende Januar zu Ende gegangene Regulierung 2024/2025 hatte das BAFU zugestimmt, dass die Kantone insgesamt neun Wolfsrudel abschiessen können – fünf im Kanton Wallis, drei im Kanton Graubünden und eines in der Waadt. Zudem bewilligten wir in 15 Fällen, dass die Hälfte bis zwei Drittel der Jungtiere aus den Rudeln geschossen werden können», so die Direktorin. Im letzten Jahr haben die Kantone zudem mehrere Einzelwölfe erlegt, unter anderem einen im Simmental. Insgesamt wurden von 2024 bis Ende Januar 2025 über 100 Wölfe geschossen. «Die präventive Regulierung hat das Ziel, den Wolfsbestand zu stabilisieren. Um Schäden zu verhindern, braucht es aber Herdenschutz. Regulierung und Herdenschutz gehören zusammen wie ‹Chäs u Brot›», erläuterte Katrin Schneeberger.
Appell an alle zur Zusammenarbeit
«Ich habe nun viel über die Natur, Tiere, aber auch über Konflikte, die unweigerlich entstehen, gesprochen. Viele hier sind als Bäuerinnen und Bauern mittendrin. Die Landwirtschaft leistet einen wichtigen Beitrag in der Schweiz. Sie produziert nicht nur unsere Lebensmittel, sondern bewirtschaftet auch unsere Alpen und sorgt so dafür, dass diese Gebiete nicht zuwachsen. Sie tut damit auch viel für die Biodiversität», so die BAFU-Direktorin. «Es gibt also diverse Themen, die für Sie und für das BAFU wichtig sind.» Dies seien Themen, die Stadt und Land, Tal- und Berggebiet gleichermassen angehen würden. Die kulturelle und landschaftliche Vielfalt mache die Schweiz aus. Bereits die Gründerväter hoben in der Präambel der Bundesverfassung die gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung der Vielfalt hervor. «Wir brauchen einander und können voneinander lernen. Gute Lösungen finden wir nur im Gespräch miteinander. Das BAFU übernimmt hier eine aktive Rolle. Man kann voneinander profitieren», beendete sie ihren Auftritt. Zum Schluss standen Thomas Gerner von der Sektion Wildtiere und Artenförderung des BAFU und die Direktorin für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.
MICHAEL SCHINNERLING
Was macht das BAFU sonst noch?
Das Bundesamt für Umwelt kümmert sich zum Beispiel um die Quagga-Muschel oder die asiatische Hornisse. Diese invasiven Arten machen auch im Kanton Bern Probleme. Der Schutz von Kindern vor Quecksilber im Boden von Spielplätzen gehört ebenso zu den BAFU-Themen wie Hochwasserschutzbauten, Steinschlagschutznetze und die Begleitung der Munitionsräumung in Mitholz oder die Mitarbeit bei internationalen Konferenzen im Umweltschutzbereich.
MS



