Die Katastrophe von Blatten führt uns vor Augen, wie verletzlich wir Menschen angesichts der gewaltigen Naturkräfte sind. Wir können die Natur überwachen, Voraussagen treffen und uns aufs Unabwendbare vorbereiten, verhindern lassen sich Felsstürze, bei denen mehrere Millionen Kubikmeter auf einmal abbrechen, nicht.
Das hinterlässt tiefe Betroffenheit und Mitgefühl für jene, die ihre Heimat verloren haben. Ohnmacht und Wut bei denen, die gerne eine Erklärung hätten, einen Schuldigen, eine Lösung, um den drohenden Gefahren Herr zu werden. Es wird hitzig über den Klimawandel diskutiert, über verpasste politische Chancen, bezüglich eines neuen Klimagesetztes im Wallis (NZZ 5.6.25). Städter stellen den alpinen Lebensraum in Frage. Weitaus zurückhaltender fallen die Reaktionen der Experten aus, die täglich die geologischen Prozesse in den Alpen beobachten. Die Alpen demonstiren es: Der Klimawandel findet statt. Die Frage, ob er tatsächlich menscheninduziert ist, ist längst zum Tabu geworden. Seit der Industrialisierung und dem damit verbundenenen Anstieg der Co2-Emissionen steigen auch die Temperaturen. Aber sind womöglich noch andere Faktoren für die klimatischen Veränderungen verantwortlich? Wir geben uns gerne mit plausiblen Antworten zufrieden. Antworten vermitteln uns Sicherheit, mögen sie wahr sein oder auch nicht. Nichts ist für unser Hirn lästiger als der Zustand der Unsicherheit. In einer Welt, in der jederzeit alles möglich sein kann, könnten wir nicht leben.
Das Streben nach Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Sobald unsere physischen Bedürfnisse gestillt sind, stellen wir sicher, dass wir uns auch in Zukunft keine Sorgen machen müssen. Erst dann kümmern wir uns gemäss dem Psychologen Abraham Maslow um unsere sozialen Bedürfnisse und schliesslich um die Selbstverwirklichung.
Wir bezahlen Co2-Steuern, um unser Gewissen zu beruhigen. Aufs Fliegen zu verzichten vermittelt uns das Gefühl, etwas fürs Klima und damit für unsere Zukunft getan zu haben. Von unserem Bedürfnis nach Sicherheit und unserem Willen, Gutes zu tun, profitieren die grossen Konzerne.
Ein Blick in die neuste Ausgabe der «Bilanz» zeigt, wohin die Reise geht. Nachdem WEF-Gründer Klaus Schwab vom Thron gestürzt wurde, übernimmt Peter Brabeck-Letmathe die intermistische Leitung. Bis 2017 war er Präsiden des Verwaltungsrates von Néstle. Seine Haltung dürfte wenig erstaunen: Er setzt sich für die Privatisierung von Wasser ein. Wenn also in den nächsten Monaten die Medien von Wasserknappheit als Folge des Klimawandels und der Besteuerung des Trinkwassers sprechen, werden sich einige Akteure im Hintergrund im Zeichen der Nachhaltigkeit die Taschen füllen. Die «Bilanz» schätzte Brabecks Vermögen im Jahr 2020 auf 425 Millionen Franken.
BETTINA GUGGERUTOR
B.GUGGER@FRUTIGLAENDER.CH



