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Kandersteg will die Lage erneut prüfen

Nach dem Bergsturz in Blatten werden Parallelen zu Kandersteg gezogen. Die Gemeinde informiert in einem Merkblatt über die Unterschiede zwischen «Spitze Stei» und Blatten und klärt über die Gefahren auf. Der «Frutigländer» hat mit dem Gemeinderatspräsidenten René-François Maeder und Nils Hählen, Abteilungsleiter Naturgefahren beim Amt für Wald und Naturgefahren, gesprochen.

BETTINA GUGGER
Gemeinderatspräsident René-François Maeder drückt nach dem Bergsturz im Lötschental sein tiefes Mitgefühl für die Blattner Bevölkerung aus. Nach der Katastrophe vom 28. Mai zeigt sich auch die Kandersteger Bevölkerung besorgt: «Vor allem ZweitwohnungsbesitzerInnen äussern ihre Ängste», sagt Maeder. «Die KanderstegerInnen leben seit Jahren mit der Gefahrensituation.» Maeder erinnert an die Flurbezeichnung «Vielfalle», an die Findlinge, die von jahrtausendealten Bergstürzen erzählen und an die Felsstürze der vergangenen Jahre erinnern.

Gewappnet für mittlere Ereignisse
Letzten Juni zerstörten Murgänge die Skibrücke und drangen bis in den Öschiwald vor. Der extra erstellte Geschiebeablagerungsplatz (GAP) konnte 80 000 Kubikmeter auffangen. Zwei Dämme oberhalb des Dorfes stoppen Lawinen aus Stein und Schlamm, solange sie eine gewisse Grösse nicht überschreiten. «Gegen kleinere und mittlere Ereignisse ist Kandersteg gewappnet», so Maeder. 200 000 Kubikmeter kann der GAP auffangen. Es bleibt das kleine Restrisiko. Um der Bevölkerung die Angst vor einem grossen Ereignis zu nehmen, hat die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern (AWN) und der Geotest AG ein Informationsblatt erstellt. «Die Gefahrenlage ist eine andere als in Blatten», erklärt Maeder:
• Im Gegensatz zu Blatten droht in Kandersteg kein Eis- sondern ein Bergsturz. Damit ein grosser Abbruch des «Spitze Stei» in die Nähe des Dorfes gelangen kann, müsste viel Wasser vorhanden sein. Da sich beim «Spitze Stei» kein Gletscher im Ablagerungsgebiet befindet, ist entsprechend weniger Wasser vorhanden.
• Die grösste Gefahr droht durch Murgänge, die auf kleine und mittlere Abbrüche folgen, und nicht durch einen grossen Abbruch.
• Die Gemeinde Kandersteg ist auf Abbrüche gut vorbereitet. Seit 2018 wird die Situation im Auftrag der Gemeinde überwacht. Gefährliche Entwicklungen werden vorgängig erkannt und die Bevölkerung kann gewarnt werden.

Wie die Überwachung funktioniert
Kandersteg verfügt über das beste geologische Überwachungssystem der Schweiz. Die Fachleute überwachen das Rutschgebiet mit Radar, Kameras und Laserdistanzmessgerät. Der Fels ist mit elf satellitengestützten Sensoren und 27 Reflektoren ausgestattet – so wird die Rutschgeschwindigkeit des Felsens täglich gemessen. Im Moment liegt die Bewegungsrate bei 0,4 bis 0,7 Zentimetern. «Das ist nicht so viel», erklärt Nils Hählen, Abteilungsleiter Naturgefahren beim AWN. Es gab auch schon Raten von 70 Zentimetern pro Tag. Eine Gefahrensituation melden die Fachleute unverzüglich an die Gemeinde, welche Massnahmen in die Wege leitet. Bei einem Stromausfall hilft ein Notstromaggregat, auf einen Ausfall der Telekommunikation ist das System allerdings nicht vorbereitet.

Wahrscheinlichkeit eher gering
«Das AWN geht von einer mittleren Wahrscheinlichkeit aus, dass im Laufe der nächsten zehn Jahre ein Abbruch von acht Millionen Kubikmetern erfolgt», so Hählen. Das Gesamtvolumen vom «Spitze Stei» beträgt 16 Millionen, 1,5 Mal so viel wie in Blatten. Die Wahrscheinlichkeit eines ähnlich grossen Abbruches wie bei Blatten, der das Dorf erreicht, ist laut Informationsblatt gering und gehört zum Restrisiko. «Auch bei einem grossen Abbruch käme die Geröllmasse sehr wahrscheinlich am Dorfrand beim Gemeindehaus zum Stehen», meint Maeder. Kandersteg liegt vier Kilometer vom Abbruchort entfernt, Blatten lag drei Kilometer von der Abbruchstelle entfernt. «Entscheidend sind das Volumen der Abbruchmasse und das vorhandene Wasser», sagt Hählen. «Durch den Aufprall der Geröllmasse nach einem Bergsturz kann das Wasser im Untergrund entlang des Öschibachs hinaus gepresst werden, was die Masse verflüssigt und beschleunigt. Das hat Einfluss darauf, wie weit die Murgänge vordringen.» Diese können sich Wochen und Monate nach dem Ereignis lösen und sind die eigentliche Gefahr.

Die Evakuaierung proben
Schlagen die Fachleute Alarm, hat die Gemeinde 48 Stunden Zeit, die Evakuierung durchzuführen. «Wir sind dabei, eine App zu installieren, welche die Bevölkerung neben der Feuerwehr und den Gemeindeführungsorganen warnt», erklärt Maeder. Ob die App auch auf Englisch verfügbar sein wird, ist im Moment noch offen. «In erster Linie wird die Kandersteger Bevölkerung informiert.» Die Hoteliers und Vermieter von Ferienwohnungen müssten dann ihrerseits ihre Gäste benachrichtigen. Wie die weitläufige Absperrung des Geländes funktionieren könnte, ist noch ungeklärt und damit auch die Frage, wie ausländische Tagesgäste im Gelände erreicht werden können. «Auch wenn der Worst Case unwahrscheinlich ist, wollen wir die Evakuaierung üben, um Schwachstellen zu eruieren», so Maeder. Eine kleine Übung findet dieses Jahr statt, gefolgt von einer Übung mit dem regionalen Führungsorgan nächstes Jahr. Im Ernstfall übernehmen die Einsatzgruppe ‹Spitze Stei› und die Feuerwehr das Kommando, weswegen Maeder über die Details keine Angaben machen kann.

Neue Beurteilung nach fünf Jahren
Sorgen macht ihm die drohende Einstufung des Dorfkerns als Rote Zone. 2027 wird die revidierte Gefahrenkarte in die fixe Gefahrenkarte überführt, welche Bindungswirkung hat. In der Roten Zone dürfen keine Erweiterungsbauten mehr vorgenommen werden, keine neuen Häuser gebaut und von Naturereignissen zerstörte Häuser nicht wieder aufgebaut werden. Ausserdem dürfen Renovationen den Wert einer Immobilie nicht steigern.

Initiiert von Hotelier Casimir Platzer kämpft die Interessengemeinschaft «Spitze Stei» gegen die drohenden Einschränkungen. Die Gemeinde hat eine Neubeurteilung in Auftrag gegeben (der «Frutigländer» berichtete) und eine eine Begleitgruppe eingesetzt.

Warum eine Sprengung unmöglich ist
Regelmässig taucht die Frage auf, warum der bröckelnde Fels oberhalb des Oeschinensees nicht gezielt gesprengt werden kann. «Die Masse ist mit 16 Millionen Kubikmetern schlicht zu gross», erklärt Hählen. Die grösste Sprengung, die in der Schweiz durchgeführt worden sei, habe ein Volumen von 100 000 Kubikmeter gehabt. Zudem sei der Fels stark zerrüttet, die Sicherheit der Sprengmeister wäre nicht gewährleistet. Und wenn für eine Sprengung beispielsweise 30 Löcher benötigt würden, dauerten allein die Bohrungen ca. 30 Tage. Bis zur Zündung wären die ersten Löcher aufgrund der Bewegung des Felsens bereits wieder verschlossen.

«Auch wenn sich während der letzten fünf Jahre jährlich ein grosser Bergsturz ereignet habe, wie 2024 in Val Roseg (GR) oder in Brienz (GR), lassen sich noch keine Aussagen über die Häufigkeit solcher Ereignisse machen», so Hählen. Dafür seien die beobachteten Zeiträume zu kurz. Er ist überzeugt, dass auch in 50 Jahren der alpine Raum weiter bewohnbar ist. «Grosse Schwierigkeiten werden nicht flächig, aber punktuell auftauchen.»

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