DER LIEB GEWORDENE STAU
Zum Glück sind Ostern, Auffahrt und Pfingsten vorbei. Nicht nur bringen die zusätzlichen Freitage meine innere und die geschäftliche Agenda durcheinander, sie fördern auch den Volkssport namens Stau – kilometerlange Autoschlangen am Gotthard und auch im Kandertal. Das muss aber nicht nur nervig sein, man könnte mehr draus machen.
Stau als Familienfest: Aus dem Auto wird ein Wohnzimmer auf Rädern. Die Kinder spielen «Stau-Bingo»: Wer als Erster ein Auto mit Tessiner Kennzeichen, einen pinken Wohnwagen oder einen Hund mit Brille entdeckt, gewinnt.
Stau als soziales Netzwerk: Im Stau lernst du Leute kennen, die du sonst nie getroffen hättest – wenn’s denn gar nicht mehr vorwärts geht. Man tauscht sich aus, lacht über die Situation und teilt ein kaltes Getränk. Wer weiss, vielleicht findest du hier deinen neuen besten Freund – zumindest für die nächsten Kilometer.
Stau als Geduldsübung: Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes – und im Stau lernst du, den Geist der Gelassenheit zu finden. Du atmest tief durch, schaust aus dem Fenster und geniesst die Aussicht. Irgendwann merkst du: Es geht gar nicht darum, schnell ans Ziel zu kommen …
Stau als Erzählstoff: «Weisst du noch, als das Grosi sein Lieblingslied gesungen hat – in der Endlosschleife?» oder «Weisst du noch, als wir im Stau einen Hund adoptiert haben?» (Okay, das war vielleicht ein bisschen übertrieben.) Aber genau diese Erinnerungen machen den Stau zu etwas Besonderem.
Stau als Tradition: Wenn du jedes Jahr im Stau stehst, wird daraus irgendwann eine lieb gewonnene Gewohnheit. Du weisst, was dich erwartet, und freust dich fast schon darauf. Der Stau ist dann nicht mehr ein Ärgernis, sondern ein fester Bestandteil deiner Pfingsttradition – so wie der Zopf am Sonntagmorgen.
Fazit: Der Stau ist mehr als nur schleichende oder stehende Autos. Er ist ein Ort der Begegnung, der Geduld und der gemeinsamen Erinnerungen. Wenn du das akzeptierst, wird er zu einem unvergesslichen Erlebnis – und wer weiss, vielleicht vermisst du ihn sogar, wenn er mal ausbleibt.
HANS RUDOLF SCHNEIDER
H.SCHNEIDER@FRUTIGLAENDER.CH



