Bis nächsten Mittwoch veranstalten Paul Feldmann und Reto Grossen in der Badi Lounge Frutigen ein «Vinyl-Pop-up». Der «Frutigländer» sprach mit dem Plattenhändler und Musikexperten Feldmann über Blues, die moderne Musikindustrie und das Ritual des Plattenauflegens.
BETTINA GUGGER
Paul Feldmanns erste grosse musikalische Liebe war der Blues der Südstaaten. «Bei Muddy Waters hat’s mir während der Lehre den Ärmel reingenommen», so der passionierte Plattensammler. Inzwischen ist der gelernte Maschinenmechaniker, der zuletzt Abteilungsleiter Hydraulik bei Wandfluh war, längst pensioniert. Hört er Blues, läuft es ihm aber immer noch kalt den Rücken runter – und ausgehend vom Blues entdeckte er die Welt der Musik für sich und wurde zu einem gefragten Plattenhändler.
Ein Hobby geblieben
Etwa 8500 Stück zählt seine Sammlung, mit der er regelmässig auf Märkten vertreten ist. Er kauft und verkauft «schlaue» Platten, das heisst Südstaaten-Blues, britische Popmusik, Jazz und Rock. Nicht interessiert ist er hingegen an Dixieland, Schlager und Marsch. Daneben unterhält er eine private Sammlung, die er allerdings nicht verkauft. «Ich will Kultur vermitteln», meint er. Geld komme erst etwa an vierter Stelle. Der Handel mit Platten sei immer ein Hobby geblieben. Zusammen mit Reto Grossen von Kander Kultur betreibt er ab diesem Mittwoch bis am 18. Juni einen Vinyl-Pop-up-Store in der Badi Lounge Frutigen. Grossen bringt seinerseits seine private Sammlung mit in den temporären Shop, etwa 2500 Platten. Die beiden kennen sich schon seit Jahren und sind durch die Musik miteinander ins Gespräch gekommen.
Plattenwaschen im Pop-up
Die Idee, ein Vinyl-Pop-up zu veranstalten, gärte schon lange. Zwei Plattenspieler mit Kopfhörern stehen im Nebenraum bereit, um sich Platten anzuhören. Eine Waschmaschine wäscht verstaubte oder nikotingeschädigte Platten. Diese Waschmaschinen funktionieren mit Ultraschall oder einer Mischung aus destilliertem Wasser und Propylen. Auf einem Plattenspieler spielt Feldmann jeweils eine Platte ab und eine Bar, die unter anderem Crêpes anbietet, lädt zum Verweilen ein.
Vinyl wieder im Kommen
Vinyl erfreut sich gerade auch bei den Jungen wieder grosser Beliebtheit. Für Bands bietet Vinyl die Möglichkeit, neben Liveauftritten ein kleines Einkommen zu generieren. «Mit einer Platte hält man etwas Physisches in der Hand», so Feldmann, «eine Platte aufzulegen gleicht einem Ritual.» Man höre bewusster Musik. «Vinyl schafft ein besonderes Ambiente» – eine Wohltat in einer Zeit, in der die Musikindustrie auswechselbare Musik produziert –, «Songs, die am besten nur zehn Sekunden dauern», wie es Feldmann überspitzt formuliert.
Ein Trend, der den Wunsch nach Authentizität weckt: «Heute fragen auch 20-Jährige wieder nach Led Zeppelin, Bob Seger und Bob Dylan.» Heute sei die Musik viel zu perfekt, da bleibe kein Raum mehr für Improvisation. «Die grossen Bands covern sich mittlerweile nach 20, 30 Jahren selbst.» Daher besucht Feldmann auch keine grossen Konzerte mehr. Er bevorzugt kleine Konzerte in der Mühle Hunziken und ist nach wie vor offen für neue Musik, auch wenn er privat nicht mehr viele Platten kaufe.
Das grosse Geschäft
Plattensammeln ist nicht nur ein Hobby für NostalgikerInnen und dem Zeitgeist trotzende RebellInnen. Es ist ein Riesenbusiness. An der grössten Vinyl-Messe in Europa, in Utrecht (Holland), werden auch schon mal Platten verkauft, die mehr als 100 000 Euro kosten. Die Nummer 1 des Albums «The Beatles» oder wegen des schlichten weissen Covers «The White Album» (Das weisse Album) genannt, ist eine solche Platte. Vier Millionen erzielte die teuerste Platte der Welt: Das Album «Once Upon a Time in Shaolin» von The Wu-Tang Clan, das die Band 2015 als Unikat verkaufte. Der Pharma-Unternehmer Martin Shkreli kaufte es für zwei Millionen. Als er wegen Wertpapierbetrugs verurteilt wurde, verkauften die US-Behörden das Album als Teil der Pfandmasse weiter.
Gefragtes Expertenwissen
Auf der Online-Plattform Discogs werden regelmässig die vier teuersten Platten gelistet. Feldmann kennt sich genau aus mit Matrixnummern und Ländercodes und hat ein sicheres Bauchgefühl, wie viel Wert eine Platte hat. Seine Platten verkauft er meist zu 60 oder 70 Prozent dieser offiziellen Preise.
Viele Sammler profitieren von seiner Beratung, «denn nicht alle Angaben aus dem Internet stimmen», so Feldmann. So gebe es beispielsweise vom Album «Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band» der Beatles viele verschiedene Ausgaben.
Wer jetzt nostalgisch geworden ist, aber noch keinen Plattenspieler zu Hause hat, wird Feldmann während des Vinyl-Pop-up sicherlich auch den einen oder anderen Tipp entlocken können, worauf es beim Kauf zu achten gilt.



