Vom 9. Juli bis 23. August kommt «Der Glöckner von Notre Dame» auf die Bühne der Seespiele. Seit vier Jahren wirkt die Reichenbacherin Syra Wittwer hinter den Kulissen mit und sorgt für die richtigen Kostüme.
Syra Wittwer aus Reichenbach ist gelernte Bekleidungsgestalterin. Zuerst arbeitete sie als Schneiderin und dann als Ankleiderin, auch Garderobiere. Ihr e Aufgabe: Während der Vorstellung sicherstellen, dass die Schauspieler ordnungsgemäss gekleidet sind. Dabei hilft sie auch beim Umziehen. Wenn nötig greift Wittwer zu Nadel und Faden und flickt kurzerhand kaputtgegangene Kleidung.
Es sind noch gut drei Stunden, bis die Probe zum Musical «Der Glöckner von Notre Dame» beginnt, als die Ankleiderin Syra Wittwer eintrifft. Ihr Arbeitsort befindet sich unterhalb der Bühne im Backstagebereich. Hier sind auch die Garderoben der vielen Musicaldarsteller Innen. Im Moment ist alles noch sehr ruhig.
Wittwer betreut im Schnitt zwei bis vier MusicalkünstlerInnen. «Ich muss die Kleidung vorbereiten und auf einem Stuhl bereitlegen», erklärt die Garderobiere. Dabei kontrolliere sie, ob alles komplett ist, es etwas zu flicken oder noch zu bügeln gibt.
Wittwer wirkt ruhig und gelassen. Nach einem gemeinsamen Essen mit Kollegen wird mit dem Team der Ablauf des Abends besprochen. Manche DarstellerInnen haben direkt hinter der Bühne eine Kabine für den Kleiderwechsel. Die meisten jedoch kommen zum Ankleiderinnen-Team.
In ihrem ersten Jahr, in dem sie als Schneiderin von April bis Juli im Einsatz war, sagte sich die Reichenbacherin beim Anblick des Backstagebereichs der Thunerseespiele: «Einmal möchte ich hier bei der Bühne helfen.» Nur ein Jahr später ging ihr Wunsch in Erfüllung.
Zur Person: Die Bekleidungsgestalterin EFZ Syra Wittwer ist 22-jährig und arbeitet bei der Schneiderei zum Mutz in Grosshöchstetten. Das Kerngeschäft der Schneiderei ist das Herstellen von Berner Herrentrachten. Wenn Syra nicht dienstlich näht, näht sie gerne ihre private Kleidung selbst oder trifft sich mit Freunden.
Innert 90 Sekunden
Die Kleider liegen nun auf den Stühlen bereit. Die Musicalstars sind da und ziehen sich um. Die Proben beginnen und es geht hin und her wie in einem Ameisenhaufen. Manche Wechsel müssen innert 90 Sekunden erledigt sein. Das sind «Quick Changes». Für andere bleibt etwas mehr Zeit.
Wenn gewünscht, hilft Wittwer beim Anziehen des neuen Kostüms und schaut, dass alles perfekt sitzt. «Am Anfang braucht es etwas Zeit, bis man weiss, wie die KünsterInnen es haben möchten», so die Ankleiderin. Der eine möchte etwas mehr Hilfe, andere weniger. Das könne stressig sein. «Je länger die Spielzeit geht, umso besser kennt man sich gegenseitig und der Kleiderwechsel geht entspannter», erzählt die Reichenbacherin.
Die letzten Szenen auf der Bühne laufen. Syra Wittwer sammelt die Kleider ein und bereitet sie für den nächsten Tag vor. Wenn nötig wandern die Kleidungsstücke in die Reinigung. Grössere Reparaturen gibt man vor der Premiere noch an die Schneiderei. Während der Spielzeit müssen diese dann gleich hier unter der Bühne erledigt werden.
Für ihre Aufgabe braucht die Reichenbacherin Flexibilität, ein gutes Auge und viel Fingerspitzengefühl. «Ich mache das sehr gerne. Wir sind wie eine grosse Familie und viele sind seit über 10 Jahren dabei», erzählt Wittwer. Die Schauspieler und Darstellerinnen sind bereits auf dem Weg nach Hause, als Wittwer gegen 23.00 Uhr ebenfalls Feierabend macht.
Richtig los gehen die Vorstellungen ab dem 9. Juli und dauern bis am 23. August. Die Vorstellungen finden von Mittwoch bis Samstag statt. Montag und Dienstag sind Reservetage für verschobene Vorstellungen.
Wie kommt man zu den Seespielen?
Der Umstand, dass Syra Wittwer gelernte Schneiderin ist, brachte sie zu den Thunerseespielen. Wittwer hatte sich gemeinsam mit einer Kollegin beworben. Beide wollten einmal dabei sein. Sie wollten sich aber aufgrund ihrer regulären Jobs die zusätzliche Saisonarbeit aufteilen. Beide wurden angestellt. Zu Beginn bestand ihre Arbeit im Anfertigen von Kleidern. Bei «Io senza te» durfte sie ein sehr schönes rotes Kleid nähen. «Das sind Momente, welche in Erinnerung bleiben». Die Thunerseespiele beschäftigen viele Bekleidungsgestalterinnen. Derzeit sind es sieben Personen, die im Kostümatelier wirken. Hier werden die Kleidungsstücke, die dann auf der Bühne zu sehen sind, gezeichnet, gemessen, geschnitten und genäht. Im nächsten Schritt werden die verschiedenen Kostüme an die Schauspieler angepasst. Die Saison der Schneiderin beginnt im April und endet im Juli mit der Premiere.
MICHAEL SHINNERLING
Ausbildung zur Ankleiderin
Einen speziellen Ausbildungsweg gibt es nicht. Als beste Voraussetzung für den Beruf gilt eine Ausbildung im Bereich Schneiderhandwerk oder allgemein ein Beruf aus der textilen Branche. Da der Beruf Massschneider immer seltener wird, haben sich die Voraussetzungen für den Einstieg in den Beruf Garderobiere in den letzten Jahren etwas gewandelt.
Bei gutem handwerklichem Geschick und allgemeiner Eignung werden auch berufsfremde Interessierte als AnkleiderInnen genommen. Wer sich als Helfer einbringen will, findet auf der Webseite der Thunerseespiele weitere Infos.



