Der FC Frutigen unternimmt viel für die Frauenförderung. Der «Frutigländer» sprach mit der Frauenverantwortlichen Christine Anderegg über die positiven Effekte des Fussballs und die Gleichberechtigung im Fussball, welche noch lange nicht erreicht ist.
BETTINA GUGGER
Obwohl der Europäische Fussballverband UEFA bereits 1984 eine Fussballeuropameisterschaft der Frauen ausrichtete, dauerte es noch Jahrzehnte, bis die Kickerinnen endlich die Beachtung erhielten, die sie verdienen. Alisha Lehmann, die Stürmerin von Juventus Turin, erreicht auf Instragram 16,7 Millionen Follower, mehr als Roger Federer. Dass Frauenfussball populär geworden ist, hängt aber nicht nur mit Social Media und der medialen Berichterstattung zusammen. Dahinter steckt die Arbeit der Vereine. Beim FC Frutigen setzt sich Christine Anderegg im Vorstand für die Frauenförderung ein. «Je mehr Vereine den Frauenfussball fördern, desto breiter wird auch die Spitze», so Anderegg. Vor 20 Jahren stellte der Verein nach langer Pause aufgrund von Nachwuchsproblemen in den 90er-Jahren wieder eine Frauenmannschaft – Anderegg war vom ersten Training an dabei. Dabei gründete der FC Frutigen bereits 1986 eine Damenmannschaft. Zwei Spielerinnen gelang damals sogar der Wechsel in zwei NLA-Mannschaften.
Vier Frauenteams
Mittlerweile hat der FC Frutigen vier Frauenteams: das Damenteam 4. Liga, die Seniorinnen 30+ und die Juniorinnen ff-17 und ff-14. Im Mai durfte der FC Frutigen für das grosse Engagement im Frauenfussball den Trudi-Schlatter-Förderpreis entgegennehmen. Im vergangenen September war Frutigen der Austragsort vom UBS Football Festival, das unter dem Namen «Girls Only»-Turnier stattfand. Dabei konnten sich Mädchenmannschaften aus Vereinen aus der ganzen Schweiz anmelden. Das inspirierte Anderegg dazu, in Frutigen in Zusammenarbeit mit den Schulen ein weiteres «Girls Only»-Turnier auszurichten. 300 Mädchen nahmen im Mai an diesem Turnier teil, drei Mal so viel wie erwartet. Im Februar organisierte Anderegg zudem ein Fussball-Frauenforum mit Gastrednerinnen vom Fussballverband Bern-Jura, Spielerinnen der Women’s Super League und Vertreterinnen aus der Politik. «Das Forum hat gezeigt, dass es allen gleich geht», so Anderegg. «Man muss selbst fürs Glück einstehen und auch wieder etwas zurückgeben.» Trotz medialer Aufmerksamkeit ist es noch ein langer Weg zur Gleichberechtigung. «Die wenigsten Frauen können vom Profifussball leben, während bei den Herren in städtischen Gebieten in der 2. und 3. Liga bereits über Vergütungen und Spesen gesprochen wird.»
«Sport ist eine Lebensschule»
Nach den Sommerferien trainiert Anderegg das Team ff-14. Sie ist selbst Mutter eines Mädchens (10 Jahre) und eines Buben (12 Jahre), die sie im Moment noch im Homeschooling unterrichtet. Zudem bietet sie mit ihrem Mann als Pflegefamilie Notfallplätze an.
«Beim Fussball lernen die Mädchen Respekt, Akzeptanz und Teamzusammenhalt», so Anderegg, «auch wenn man abseits vom Fussballplatz vielleicht nicht die besten Freundinnen ist.» Sport sei eine gute Lebensschule. Im Team hätten auch die Schwächeren ihren Platz, die vielleicht sportlich nicht die beste Leistung erbringen, dafür aber viel fürs Team machen. Anderegg betont die Wichtigkeit von reinen Mädchenteams. «Die Stimmung in einer reinen Mädchenmannschaft ist einfach eine andere als in gemischten Teams, wo ein rauerer Umgangston herrscht.»
Konstante Arbeit
In der Saison 2010 / 2011 stiegen die B-Juniorinnen des FC Frutigen gar in die höchste Stufe auf und feierten den Sieg des Berner Cups. Auch in der Saison 2015 / 2016 entschieden sie den Berner Cup für sich. In der 2. Liga konnten die Damen des FC Frutigen konstante Resultate feiern, ehe der langsame Abstieg folgte. Anderegg ist davon überzeugt, dass die WEURO 2025 auch den Frauenteams beim FC Frutigen Schub verleihen wird. Die Mädchen tragen die Leibchen von Spielerinnen wie Lia Wälti, die mit Arsenal in der Champions League spielt. «Durch solche Spitzenspielerinnen, die mit ihrer Persönlichkeit für den Frauenfussball einstehen, wird der Sport attraktiver.»
Beim FC Frutigen blickt Anderegg auf solide Strukturen. Hier hat die Gleichberechtigung Tradition. Herren- und Damentrainer verdienen gleich viel, von zuunterst bis zuoberst. Alle bekommen die gleiche Wertschätzung. Während bei den Buben die Junioren-Teams Selbstläufer sind, seien die Juniorinnen-Teams jedoch noch keine Selbstverständlichkeit. Weiblichen Talenten kann die Karriere jedoch durchaus über den Einstieg beim FC Frutigen gelingen. Die Spielerinnen können an Sichtungstrainings des FC Thun teilnehmen.
In den unteren Stufen erhalten die Mädchen auch eine Doppellizenz. «Der Wechsel in den Leistungssport ist immer ein Abwägen», so Anderegg. «Jeder Abgang schmerzt uns. Wir stehen jedoch keiner im Wege, die eine Profikarriere anstreben will.»
Fussballspielen in den Sommerferien
Jeden Mittwoch im Juli bietet der FC Frutigen für Mädchen von der 1. bis zur 9. Klasse kostenloses Fussballspielen beim Oberstufenschulhaus Frutigen an. Und im Herbst ist ein Frauenworkshop geplant, der die Spielerinnen miteinbezieht. Anderegg will von den Frauen und Mädchen wissen, was ihnen wichtig ist, um diese Erkenntnisse in die Teams hineinzutragen.
Zuerst aber freut sie sich auf die WEURO: «Das ist nicht nur eine riesige Chance für die Schweiz, sondern allgemein eine Plattform für die Frauen.» Und wer sind ihre Favoritinnen, abgesehen von der Schweizer Nati? Natürlich die deutsche Mannschaft – mit insgesamt acht EM-Siegen die Rekordhalterin. Und Titelverteidiger England.
In England spielten laut der Luzerner Zeitung im Jahr 1920 die «Dick, Kerr Ladies» vor über 50 000 Zuschauern, bis der Frauenfussball in England bis 1971 verboten wurde.
Auch in der Schweiz war Mädchen und Frauen das Fussballspielen in den 60er-Jahren untersagt. Der englische Fussballverband investiert übrigens mittlerweile in Akademien für die Topteams, um den Mädchenfussball zu fördern.



