StartArchivThunerseespiele zeigen «Glöckner» – Esmeralda tanzt tragischem Ende zu

Thunerseespiele zeigen «Glöckner» – Esmeralda tanzt tragischem Ende zu

Diese Woche starten die Thunerseespiele mit dem Disneymusical «Der Glöckner von Notre Dame». Darin wehren sich die Tänzerin Esmeralda, der Glöckner Quasimodo und der Hauptmann Phoebus gegen die Machenschaften des Erzdiakon Frollo. Die Spiele haben als Kathedrale Notre Dame den höchsten Turm seit Beginn der Seespiele 2003 aufgebaut. Die Geschichte handelt im mittelalterichen Paris des Jahres 1482. 

Die 2025er Saison der Thunerseespiele begann de facto am 8. Juli mit der Vorpremiere des Disneymusicals «Der Glöckner von Notre Dame». Die 1999 als deutsche Fassung erstmals aufgeführte Version beruht auf der Romanvorlage von Victor Hugo (1831) und wurde schon vielfach verfilmt.

Das Stück spielt im Paris des Jahres 1482. Im Zentrum steht auch die Kathedrale Norte Dame selbst. Auf dem Thunersee wird ihr Brand 2019 und zwischenzeitlicher Wiederaufbau Teil der Geschichte des Glöckners.

Bemerkenswert an der Aufführung ist das glänzend spielende Orchester – in dem «gläsernen» Orchestergraben vor der Bühne spielt es hervorragend. So auch das tänzerisch überzeugende Ensemble sowie das farbenfrohe und in grossen Gesten aufgebaute Bühnenbild.

Rekord hoher Turm
Ein Backstage-Rundgang macht klar, welch ungeheurer Aufwand hinter der Aufführung auf der Seebühne in Thun. So wurden rund 700 Tonnen Stahlgerüst verbaut, etwa 41 Kilometer Kanäle und Kabel verlegt – das ist in etwa so weit wie der Fussweg vom Berner Zytglogge-Turm bis ins BEO-Center in Spiez. Der Notre-Dame-Turm misst ab Bühne 18 Meter und ist der Höchste seit Beginn der Seespiele 2003.

Die Eventorganisation FBM-Entertainment aus Zürich und die Thunerseespiele AG Thun eröffneten die Saison mit guter Organisation. Dies ist keine leichte Aufgabe: Nicht nur die Besucherführung von rund 2500 Besucherinnen pro Abend und die damit zusammenhängende Eingangskontrolle muss bewältigt sein, auch die Gastronomie muss die grosse Anzahl Gäste in sehr kurzer Zeit angenehm und zuverlässig versorgen können. All dies gelang an der Vorpremiere mit Leichtigkeit und spürbarem Entgegenkommen.

Erzählung
Das in der Disney Version aufgeführte Musical erzählt in deutscher Sprache die Geschichte um den spätmittelalterlichen Glöckner Quasimodo, der abgeschirmt von der restlichen Welt im Glockenturm der Pariser Kathedrale Notre Dame unter der strengen und ihn von allen äusseren Einflüssen abschirmenden Herrschaft seines «Meisters», des Erzdiakons Frollo aufwächst. Der Geistliche wurde in der, Vor-Premiere von Detlef Leistenschneider gespielt. Durch die Erzählung auf der Bühne führt der Dichter «Clopin», interpretiert von Frank Josef Winkels.

Quasimodo wurde gespielt von Denis Riffel. In der Geschichte fristet er ein einsames Dasein im Dom, sehnt sich aber nach dem Leben, das sich draussen in Paris abspielt. Als er eines Tages den Schritt nach draussen wagt, wird er wegen seiner merkwürdigen Gestalt vom Volk am sogenannten «Narrentag» als «Narrenkönig» vorgeführt und gedemütigt.

Nur Esmeralda, dargestellt von Sharon Rupa, eine schöne Tänzerin aus den Fahrensleuten, hat Mitleid mit dem Geschöpf und hilft Quasimodo. Dieser verliebt sich augenblicklich in die eigenständige Frau, welche ihr Herz jedoch an den Hauptmann Phoebus, interpretiert von Oliver Floris, verliert.

Doch auch Frollo, der Lehrmeister Quasimodos, verliebt sich in Esmeralda und wird rasend eifersüchtig, weil sie ihn nicht wunschgemäss erhört: Er nimmt Esmeralda und Phoebus unter dem Vorwand gefangen, sie hätten sich ihm und damit dem Staat widersetzt. Esmeralda soll als Hexe verbrannt werden.

Jetzt wird aber Quasimodo aktiv. Er legt die Rolle des Opfers ab und schafft es, sich aus den Mauern der Kathedrale Notre Dame zu befreien. Trotz enttäuschter Liebe befreit er Hauptmann Phoebus und Esmeralda. Er besiegt seinen Meister mit Hilfe seiner «Freunde», der Steinfiguren der Kathedrale. Dabei wird Frollo schliesslich vom Dach gestossen.

«Es braucht keine Moral»
Die Geschichte kreiert nicht an eine Zeit gebundene Bezüge. Einerseits wird als Teil der Dramaturgie quasi der Brand der Kathedrale von 2019 zitiert. Der Chor singt dann «Es regnet flüssiges Blei». Andererseits kommt es zu einer kontrastierenden Gegenüberstellung zwischen einem korrupten Tyrannen, der nur Abhängigkeiten erzeugen will, und mehrere sich heldenhaft wehrender Individuen. «Es braucht keine Moral», singt der Musicalchor kurz vor Schluss. Und doch hat das Stück gerade in dieser Hinsicht einen stark moralischen Impuls. In der Schlussszene wird die «erzählte Zeit» verlassen, und der sich selbst demaskierende Held Quasimodo erzählt «aktuell», dass «Jahre nach dem Ereignis» die Skelette von Quasimodo und Esmeralda «irgendwo» in einem Versteck gefunden werden: Tief umschlungen, und als man sie voneinander trennen wollte, zerfielen sie zu Staub.

Es ist wie im Märchen, nur poetisch verändert: Weil sie gestorben sind, leben sie bis heute fort. – Und es lohnt sich, unterhaltungstechnisch wie vom Gesamterlebnis her, diese Aufführung anzusehen.

MARTIN NATTERER


«Ohne Zwischenfälle»

Auf der Bühne lief die Vorpremiere vom «Glöckner von Notre Dame» der Thunerseespiele. Einen Stock tiefer war die gelernte Bekleidungsgestalterin EFZ, Syra Wittwer aus Reichenbach, hinter den Kulissen tätig.

Die Aufgabe der Reichenbacherin ist es, die Kleidung vor jeder Vorstellung zu kontrollieren und falls nötig noch zu flicken. Das kann darin bestehen, dass es einen Knopf anzunähen gilt oder ein Loch in einer Hose mit der Nähmaschine zu reparieren ist.
Seit vier Jahren ist Syra Wittwer bei den Thunerseespielen mit dabei. Zuerst arbeitete sie als Schneiderin und dann als Ankleiderin (Garderobiere.) Wittwers Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass während der Vorstellung die Schauspieler ordnungsgemäss gekleidet sind, und ihnen während der Aufführung beim Umziehen zu helfen.

An der Vorpremiere war Wittwer diese Saison ebenfalls im Einsatz – wie auch schon zuvor während der Endproben. «Es klappte alles perfekt ohne Zwischenfälle. Die schnellen Umzüge, nichts wurde kaputt gemacht. Die Stimmung war gut, alles war super», so das Fazit von Wittwer um 23 Uhr. «Und nun freuen sich die Schauspieler und ich auf die weiteren Vorstellungen», so Wittwer. Mehr zu den Seespielen unter: www.thunerseespiele.ch

MICHAEL SCHINNERLING

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