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«Lebenslinien»: Alles für die Familie

 

«Und dann hat meine Mutter gesagt: Du musst gehen. Und ich habe gesagt: Ich mache das. Ich gehe. Ich muss jetzt mit dem Leben kämpfen. Mein Vater ist nicht mehr da – ich muss helfen.»

Es gab kein offizielles Abschiedsfest, keinen sicheren Plan. Kein Ziel, nur eine Richtung. Mohammad erinnert sich gut an den Tag, an dem er in Afghanistan aufbrach. An den Augenblick, in dem seine Mutter trotz Tränen in den Augen mit fester Stimme sagte, dass er jetzt gehen müsse. Alle seine Schwestern waren da. Die Reise werde schwierig, meinte sie: zu Fuss, mit dem Bus, mit fremden Menschen, vielleicht mit dem Auto, über Umwege. Sie hatte Angst. Er nicht. Mohammad spürte eine neue Verantwortung, die auf ihm lag – er musste jetzt stark sein für die Familie. «Du kannst jetzt für mich beten und dann werde ich gehen», sagte er.

Damals war er etwa 14 oder 15 Jahre alt – so genau weiss er das nicht. In Afghanistan haben viele Kinder kein offizielles Geburtsdatum, die Geburtsurkunden fehlen. Die Entscheidung, Abschied zu nehmen, fiel nicht von einem Tag auf den anderen. Dem ging eine längere Geschichte voraus.

Ein Zuhause voller Menschen: Mohammad wurde in Baghlan geboren, einer Stadt im Norden Afghanistans, umgeben von Bergen. Dort wuchs er in einer Grossfamilie auf – mit vier älteren Schwestern, dann er selbst als ältester Sohn, danach weitere jüngere Geschwister. «Wir sind eine sehr grosse Familie», erzählt er. Er erinnert sich an enge Gassen, das Stimmengewirr draussen und an die Schule, an der er manchmal teilnahm. «Ich ging nicht immer hin. Manchmal bin ich schwimmen gegangen oder habe mit Kollegen gespielt. Die Schule in Afghanistan ist nicht so streng wie in der Schweiz», meint der mittlerweile 19-Jährige.

Geprägt wurde seine Kindheit vor allem von seinem Vater. In den 1980er-Jahren kämpfte dieser im Krieg gegen die sowjetischen Truppen. Später lebte er mit einem Teil der Familie im Iran, wo er einen gut laufenden Papierladen führte. Mohammad wurde dann in Afghanistan geboren, der Vater blieb zunächst im Iran, um das Geschäft weiterzuführen. Er kam zeitweise nach Hause – für Mohammad waren diese Besuche sehr wertvoll. «Bevor mein Vater gestorben ist, war mein Leben perfekt», sagt er. Als bei seinem Vater Krebs diagnostiziert wurde, kam dieser zurück nach Afghanistan. Es war Mohammad, der ihn ins Spital begleitete. Drei Monate lang wich er nicht von seiner Seite. «Ich habe jede Nacht auf dem Boden geschlafen. Mein Vater konnte nicht mehr aufstehen, und der Arzt sagte, jemand müsse bleiben. Ich war immer da bis zum Schluss. Ich habe alles miterlebt. Das war eine sehr schwere Zeit für mich».

Allein unterwegs: In der folgenden Zeit änderte sich die Lage, sowohl in der Familie wie auch ausserhalb. «Ich war jetzt der Mann im Haus», erzählt Mohammad. In seiner Region gewann die Taliban zunehmend an Einfluss. Die Zwangsrekrutierung von jungen Männern war alltäglich. Auch er hätte bald betroffen sein können. Also entschied er sich zu gehen. Die Flucht führte ihn zunächst nach Pakistan, dann weiter in den Iran und schliesslich in die Türkei. «Ich bin über die Berge gekommen. Dort musst du nachts laufen – wegen der Polizei. Ohne Licht. Wir waren vielleicht 500 Leute. Unterwegs haben wir miteinander geredet. Wir haben gesagt: Wir gehen weiter. Wir schaffen das.

Auch wenn wir nur wenig zu essen und zu trinken hatten.» Am Tag machten sie jeweils Pause, nachts zogen sie weiter. Besonders vorsichtig musste man gegenüber den Bauern im Iran oder der Türkei sein. Sie würden der Polizei oft als Informanten dienen. «Sie haben mich nie gesehen. Ich hatte sehr viel Glück», so Mohammad.

In der Türkei angekommen, blieb er ein Jahr. Zu den Sprachen, die er schon sprach, Farsi und Paschtu, kamen unterwegs Brocken von Kurdisch und Arabisch hinzu. Nun auch noch Türkisch. Er lernte einen sehr guten Freund kennen und fand Arbeit in einer Bäckerei. Schliesslich nahm er sich seiner letzten Etappe an: der Reise in die Schweiz.

Boden unter den Füssen: Über Umwege kam Mohammad nach Rohrbach und Huttwil im Kanton Bern – und schliesslich nach Frutigen, wo er heute lebt. Hier fühlt er sich wohl und beschäftigt sich mit dem Erlernen der deutschen Sprache. «Ich kenne hier viele Leute», sagt er. Auch in Spiez und Thun ist er oft unterwegs, etwa zum Schwimmen in der Aare – mit Freunden, von denen einer heute sein Arbeitskollege ist. Die beiden haben sich beim Blausee kennengelernt, wo Mohammad zurzeit in einem 100-Prozent-Pensum arbeitet.

Mohammad hat Pläne. Am liebsten würde er mit dem Boxen anfangen. «Es ist leider sehr teuer», meint er. Für ihn ist deshalb klar: fleissig bleiben, damit sich solche Wünsche bald erfüllen.

Er unterstützt seine Familie in Afghanistan finanziell, indem er regelmässig Geld nach Hause schickt – der Kontakt zur Familie ist ihm sehr wichtig. Er telefoniert oft mit seiner Mutter und mit seinen Schwestern, von denen einige inzwischen verheiratet sind. «Meine Mutter ist mein Herz», sagt Mohammad. Am Telefon bleibt sie streng, will wissen, was er macht, wofür er Geld ausgibt – sie versucht, ihn auch auf Distanz zu erziehen. Mit der Familie spricht er nur über das Positive. «Man weiss nie, wer zuhört», erklärt er. Trotzdem bedeuten ihm die Gespräche viel.

Bald wird er in eine eigene Wohnung ziehen – ein weiterer Schritt Richtung Selbstständigkeit. Momentan hat er den Status F, welcher ihm die vorläufige Aufnahme in der Schweiz ermöglicht. Er wartet auf den bevorstehenden Wechsel zum B-Ausweis. Sein grösster Wunsch, sobald er ihn erhält: eine Reise durch Europa. «Ich möchte meinen Freund in der Türkei besuchen und meine Verwandten in Frankreich.» Sie fragen schon lange, wann er endlich komme. Ein Stück Heimat hat Mohammad in Frutigen bereits gefunden – nun träumt er davon, ein Stück Welt zu entdecken.

SARAH WNUK


Hintergrund
Der B-Ausweis ist eine Aufenthaltsbewilligung für Ausländerinnen und Ausländer, die längerfristig in der Schweiz leben und arbeiten möchten. Vom Wählen und Abstimmen sind sie jedoch ausgeschlossen und für viele Auslandsreisen ist ein zusätzliches Visum nötig.
Personen mit Status F können einen B-Ausweis beantragen, wenn sie gut integriert sind, etwa durch Sprachkenntnisse, Arbeit und Engagement.

Die Taliban ist eine radikal-islamistische Gruppe, die in den 1990er-Jahren entstand und seit 2021 in Afghanistan wieder an der Macht ist. Für viele junge Männer bedeutet das Lebensgefahr – sie werden oft unter Druck gesetzt, sich der Miliz anzuschliessen oder für sie zu kämpfen.

SARAH WNUK


Über die Reihe «Lebenslinien»

Im Rahmen meiner Maturaarbeit schreibe ich die Porträt-Reihe «Lebenslinien». Damit will ich jungen Menschen eine Stimme geben, die ihre Heimat verlassen mussten und deren Erfahrungen im Alltag manchmal vergessen gehen. Ich möchte ihre Lebenswege und Fluchtgeschichten nahbarer machen – Geschichten, die mitten im Frutigland weitergehen.

SARAH WNUK

Sarah Wnuk
Sarah Wnuk
Bei einem Schnuppertag beim Frutigländer im Jahr 2021, damals noch in der achten Klasse, entfachte sich in Sarah Wnuk das Interesse am journalistischen Schreiben. Seitdem schrieb sie regelmässiger und wurde 2022 zur freien Redakteurin, ein Jahr später schliesslich auch zur Kolumnistin. Mit dem Frutigländer als Sprungbrett in den Journalismus möchte sie auch nach dem Gymnasium der Medienwelt treu bleiben. Möglicherweise sieht man sie in ein paar Jahren als Redaktorin beim Frutigländer, als Auslandskorrespondentin oder auch als medienorientierte Psychologin.

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