Was soll es denn sein: Sonnenblumen oder Schneeflocken? Frühling, Sommer, Herbst oder Winter? Die Diskussion um die Lieblingsjahreszeit ist immer wieder Thema, besonders wenn es in Gesprächen ums Wetter geht. Die einen schwärmen vom Sommer, weil dessen Sonne das Leben so schön aufblühen lässt, die anderen sehnen sich nach dem Winter, wenn Stille über den Tälern liegt und die Berge im Schnee funkeln.
Es ist fast ein Ritual: Wir vergleichen, zählen Vorzüge und Nachteile, wägen Hitze gegen Kälte, Licht gegen Dunkelheit ab – und meistens ist es gerade die Jahreszeit, die man sich herbeisehnt, die eben nicht die aktuelle ist. Als könnten wir das Klima nach unserem Geschmack bestellen.
Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Trotzdem ist es beim Essen nicht viel anders: Wir möchten Erdbeeren im Januar und Kürbissuppe im Juni, Avocados aus Peru, Tomaten aus Spanien und Kaffee aus Übersee – natürlich alles «nachhaltig» und «gesund».
Da hatte ich doch einmal ganz «bewusst» ein paar gesunde Müesliriegel gekauft – mit leckeren Mandeln und Heidelbeeren, die sich damit anpriesen, sich um unseren Planeten besonders zu sorgen. Zufrieden, etwas Gutes zu tun, packte ich sie zu Hause aus und las auf der Packung: Hergestellt in Südafrika. Was nun?
Wir wählen Bio, aber selten saisonal. Wir kaufen regional, solange es praktisch bleibt. Und was sich als gesund verkauft, ist kaum frisch geerntet – geschweige denn vom Bauernhof nebenan.
Je länger solche Gespräche über die Jahreszeiten dauern, je mehr wir uns wünschen, was weder draussen auf die Ernte wartet noch eingemacht im Keller entdeckt werden will, desto deutlicher wird: Die Wahl wird uns bald abgenommen. Die Grenzen zwischen den Jahreszeiten verwischen. Schnee fällt später, schmilzt früher, der Sommer dehnt sich aus und vergisst, wann er zu enden hat. Der Frühling überspringt die Übergänge, der Herbst wird zur flüchtigen Erinnerung. Die Natur verliert ihren Rhythmus – und wir verlieren mit ihr das, was uns eigentlich vertraut und lieb war.
JACQUELINE RÜESCH
J.RUEESCH@FRUTIGLAENDER.CH



