StartArchivTagesgäste belasten Bergdörfer: René Maeder verlangt klare Grundlagen

Tagesgäste belasten Bergdörfer: René Maeder verlangt klare Grundlagen

Immer mehr Tagesgäste und Handy-Touristen bringen Gemeinden wie Kandersteg an Grenzen. Gemeinderatspräsident René Maeder will, dass der Kanton gesetzliche Grundlagen schafft, damit Orte eigenständig über mögliche Tagesgebühren entscheiden können.

RACHEL HONEGGER
Touristische Hotspots, die sich medial verbreiten und einen Ansturm auslösen, Selfie- oder Handy-Tourismus und Overtourism: Phänomene der heutigen Zeit, die verschiedene Gemeinden ganz neu herausfordern. Lauterbrunnen hat im April letzten Jahres schweizweit für Aufsehen gesorgt, als die Gemeinde laut über eine Gebühr für Tagesgäste nachdachte – ähnlich wie in Venedig, wo man bereits an einigen Tagen Eintritt bezahlen muss.

Ungleichgewicht zwischen Übernachtungs- und Tagesgästen
Dass Übernachtungsgäste für ihren Aufenthalt eine Gebühr, sogenannte Kuroder Ortstaxen, bezahlen, hat Tradition. Eine Tageskarte für 50 Pfennig – das mussten Tagesgäste im Jahr 1875 lösen, wenn sie den deutschen Kurort Baden-Baden besuchen wollten. Baden-Baden kannte Kurtaxen wohl schon seit dem Jahr 1507. In der Schweiz wurden solche Taxen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Fremdenverkehrs eingeführt.

Kurtaxen fliessen in die Finanzierung der touristischen Infrastruktur. Übernachtungsgäste bezahlen aber nicht nur Kurtaxen, sie bringen auch Wertschöpfung in die Region – investieren also gleich zweifach in den lokalen Tourismus. Tagesgäste hingegen profitieren, überspitzt formuliert, von den touristischen Attraktionen und Infrastrukturen, bringen aber weniger oder – im Falle der Selfie-Touristen – kaum Wertschöpfung ins Tal. Es herrscht je länger, je mehr ein Ungleichgewicht. Die Steuerzahler, also die Einheimischen, und die Übernachtungsgäste sind die Leidtragenden und kommen allein für die Kosten auf, welche auch durch die Tagesgäste verursacht werden.

Forderung nach neuen Grundlagen
Der Kandersteger Grossrat, Gemeinderatspräsident und Hotelier René Maeder (Die Mitte) möchte hier ansetzen und fordert, dass Berner Gemeinden in touristischen Gebieten die Möglichkeit bekommen, Kurtaxen auch für Tagesgäste zu erheben. Deswegen hat er – mitunterschrieben von René Müller (EVP) aus Adelboden und Kurt Zimmermann (SVP) aus Frutigen – einen parlamentarischen Vorstoss eingereicht, in dem er den Regierungsrat beauftragt, rechtliche Grundlagen zu schaffen. Stand heute fehlt den Gemeinden nämlich jegliche juristische Handhabe, um solche Taxen einzuführen.

Maeder betont: «Grundsätzlich geht es mir darum, dass der Kanton die gesetzlichen Grundlagen schafft, damit die Gemeinden solche Lösungen autonom einführen können. Das heisst noch nicht, dass zum Beispiel Kandersteg so etwas umsetzen wird – ob oder wie man das überhaupt will.» Die Motion werde, so Maeder, erst in der Frühlingssession behandelt. Und falls sie angenommen würde, dann sei dies immer noch ein langer Weg bis zur Umsetzung. Deswegen sei es wichtig, dass man dieses Thema bereits jetzt angehe.

Mehr Autonomie für Gemeinden
«Mir geht es darum, dass die Gemeinden selbst beraten und entscheiden können, wie sie eine mögliche Lösung handhaben wollen. Ich bin jemand, der den einzelnen Gemeinden so viel Autonomie wie möglich zurückgeben will. Schliesslich müssen wir das ganze Jahr hindurch mit diesen Herausforderungen leben und wir sollten auch bestimmen können, wie das geht.»

Schaue man nach Kandersteg, würden die Tagesgäste in verschiedenster Art und Weise von der touristischen Infrastruktur profitieren und diese auch beanspruchen. Man müsse beispielsweise Toiletten zur Verfügung stellen, erklärt Maeder und verweist auf die neue Toilettenanlage beim Gemeindehaus. Auch beim Parkplatz, wo bisher nur mobile Toi-Tois im Einsatz waren, werde es in Zukunft dauerhafte Toiletten geben. Hinzu komme die Abfallentsorgung oder die Pflege der Wanderwege.

«Für die haben wir jemanden den ganzen Sommer hindurch angestellt – und dies nebst all den freiwilligen Wanderhelfern. Zusätzlich haben wir als Probelauf einen Ranger eingestellt, das wollen wir weiterführen, es hat sich bewährt. Der Ranger erklärt zum Beispiel den Touristen, dass sie nicht in die Weiden trampeln dürfen, weil die Bauern noch mähen müssen.»

Wer soll bezahlen?
Es könne nicht sein, so Maeder, dass diejenigen Gäste, welche über Nacht bleiben und Kurtaxen bezahlen und erst noch die grösste Wertschöpfung ins Dorf bringen, die Tagesgäste mitfinanzieren. Und dass im Gegenzug diejenigen, die am wenigsten Wertschöpfung bringen, nichts bezahlen müssten. «Das ist in meinen Augen nicht richtig», erklärt René Maeder.

Auch Jürg Stettler, Tourismusprofessor an der Hochschule Luzern, kennt diese Problematik. Die Idee von Tagesgebühren sei auch neu, betont Stettler und verweist auf Venedig. Und er prophezeit, dass die Fälle, in denen Gemeinden oder Regionen mit Herausforderungen wie Handy-Tourismus oder gar Overtourism zu kämpfen haben, nicht weniger würden – im Gegenteil:
«Wenn ich das globale Wachstum betrachte, wird die Zahl internationaler Reisender, welche das erste Mal in die Schweiz kommen, zunehmen. Und diese Gäste haben alle ein ähnliches Reisemuster. Gewisse Orte werden also zunehmend unter Druck geraten. Was René Maeder vorschlägt, finde ich deswegen grundsätzlich prüfenswert. Das heisst noch nicht, dass es funktionieren wird. Aber dass man dieses Thema jetzt angeht und die juristischen Voraussetzungen wie auch konkrete technische Lösungen prüft, das macht Sinn.»

Faire Verteilung der Kosten
René Maeder geht es im Moment aber noch gar nicht um konkrete Lösungen. Erst sollten die Voraussetzungen und die Möglichkeiten dafür geschaffen werden, ist er überzeugt. Es gehe um eine faire Verteilung der Kosten und darum, dass sich Tagesgäste solidarisch an der Finanzierung der genutzten Infrastruktur beteiligten.

«Über das Wie und Wann kann ich noch nichts sagen. Ich bin eher der Typ mit dem Ansatz: Wir arbeiten diese Sachen erst dann aus, wenn wir wissen, dass wir es überhaupt können. Sonst haben wir ein super Konzept und dürfen es gar nicht umsetzen.»

Dennoch hat Maeder schon einige Ideen, wie eine konkrete Umsetzung aussehen könnte. Auch wenn er betont, dass hier jede Gemeinde andere Bedürfnisse habe und somit auch eigene Lösungen finden müsse. Dabei könne man sich im Ausland umschauen und sich von Orten inspirieren lassen, die im Umgang mit Tagesgästen bereits Wege gefunden haben.

«Ich war schon mehrmals an der Ostsee. Wenn man dort an den Strand beziehungsweise nur schon auf die Promenade möchte, dann muss man Eintritt bezahlen – sie haben dafür einen Ticketautomaten.»

Auch Tourismusexperte Stettler geht davon aus, dass man auf die Selbstverantwortung der Gäste setzen könnte, wie es zum Beispiel die SBB mit den Ticket-Apps und der Selbstkontrolle handhaben. Da sei es auch so, dass die Fahrgäste ihre Pflicht, ein Ticket zu lösen, in Eigenverantwortung wahrnehmen müssten und dass sie im Falle einer Kontrolle gebüsst würden. «Man erhebt beispielsweise über ein digitales Buchungssystem eine Gebühr für Besucher – nach klar definierten Kriterien – und dann gibt es ein Bussensystem.» Ein solches Konzept sei durchaus auf den Tagestourismus übertragbar und grundsätzlich prüfenswert und sinnvoll, ist Stettler überzeugt.

Information und Akzeptanz
Sowohl Stettler wie Maeder betonen, dass man die Touristen nicht vergraulen möchte. «Wir leben vom Tourismus, wir wollen die Gäste nicht verärgern, wir haben sie gerne hier», betont Maeder. Deswegen seien die Gemeinden in der Pflicht, ihre Gäste zu informieren, warum es so etwas wie Tagesgebühren überhaupt brauche. Dies fordere sicher eine gründliche Aufklärungsarbeit vonseiten der Gemeinden. Eine Idee, wie man die Tagesgäste wohlwollend stimmen könnte, hat Maeder auch schon:

«Es könnte ein System sein, bei dem die Tageskurtaxe verbunden wird mit einem Wertgutschein. Der Gast bezahlt zum Beispiel einen Fünfliber und kann diesen Wertgutschein dann bei jeder Bahn, in jedem Restaurant oder Geschäft einlösen. Das ist mein Grundgedanke. Da kommen mir die WC-Stationen auf den Autobahnen in den Sinn. Dieses Fränkli löst jeder am Kiosk ein. Und dann kauft er vielleicht Gummibärchen für 1.80 Franken – und bezahlt sogar noch 80 Rappen obendrauf.»

Eine gangbare Lösung für alle
Falls der Kanton Grundlagen zur Erhebung von Tagestaxen schaffe und es in ferner Zukunft um das Erarbeiten von Lösungen gehe, dann sei im Fall Kandersteg eines zu betonen, so Maeder: «Eine solche Lösung muss breit abgestützt sein und zusammen mit Touristikern, Einheimischen und sogar mit Gästen, die Kandersteg besuchen, erarbeitet werden. Sodass wir sagen können: Das wäre eine gangbare Lösung für alle.»


Nachgefragt bei Schweiz Tourismus

Was versteht man unter Overtourism?
Der Begriff Übertourismus (englisch Overtourism) beschreibt die Situation, wenn so viele Touristinnen und Touristen ein beliebtes Reiseziel besuchen, dass die wahrgenommene Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung und der Gäste übermässig beeinflusst wird – mit negativen Auswirkungen auf deren Wohlbefinden, die Infrastrukturen sowie die Umwelt.

Wie sehr ist die Schweiz von Übertourismus betroffen?
Es gibt in der Schweiz keinen flächendeckenden Overtourism. Es gibt fünf bis sieben touristische Zentren, bei denen es zu Spitzenzeiten, also bei schönem Wetter oder an Wochenenden, zu Engpässen kommen kann. Diese können sich aber auch im Laufe der Jahre ändern – wie das Beispiel Berggasthaus Aescher (AI) zeigt. Trotz der zeitlichen und örtlichen Engpässe hat es im Schweizer Tourismus insgesamt noch genügend Platz für neue Gäste. Im Durchschnitt liegt die Hotelauslastung in der ganzen Schweiz übers Jahr bei weniger als fünfzig Prozent.

Was unternimmt Schweiz Tourismus, um Übertourismus zu vermeiden?
Die Schweizer Tourismusbranche und Schweiz Tourismus nehmen das Thema Overtourism ernst, und die Branche verfügt über verschiedene Massnahmen, um solche Situationen zu vermeiden beziehungsweise gezielt zu steuern. So wirbt Schweiz Tourismus beispielsweise verstärkt für die Nebensaison Frühling und Herbst sowie für weniger bekannte Orte – sogenannte «versteckte Perlen» –, um eine bessere zeitliche und geografische Verteilung der Gäste zu erreichen.
Lenkungsmassnahmen können nur von den lokalen Behörden vor Ort getroffen werden, beispielsweise durch Zugangskontrollen, Drehkreuze oder Onlinebuchungen. Diese werden dort eingeführt, wo sie sinnvoll und auch umsetzbar sind.

Wie werden die Touristen in der Schweizer Bevölkerung wahrgenommen?
Eine aktuelle, repräsentative Bevölkerungsumfrage in der Schweiz zeigt Folgendes:
• Nur fünf Prozent der Bevölkerung bereitet der Tourismus Sorge. Auf der anderen Seite sind 78 Prozent der Bevölkerung stolz auf ihr Land als gefragte Tourismusdestination.
• Der Tourismus wird für die Schweiz mehrheitlich als positiv bewertet – vor allem wegen seines Einflusses auf Wirtschaft, Gesellschaft und Infrastruktur.

RACHEL HONEGGER

1 Kommentar

  1. Bravo René, danke Prof.Stettler!
    Die Reaktion von SchweizTourismus zeugt jedoch entweder von Arroganz oder davon, dass man dort Grundsätzliches nicht zu verstehen scheint:
    1. Der Tourismus als Industrie schafft zwar Profit. Dieser muss jedoch im sinnvollen Verhältnis zum Aufwand stehen. Aufwand ist im Tourismus neben dem Materiellen (wie im Artikel beschrieben) auch die Lebensqualität für die Einheimischen. Wenn dieses Verhältnis an einigen wenigen Tagen (ich schlage vor max 10 p.a.) nicht stimmt, dann muss man anfangen abzuwägen. Für Kandersteg (und viele andere Orte) reden wir aber von ganz anderen Dimensionen. Und ja, die Messungen sind und bleiben hier immer subjektiv. Aber der Tourismus selbst ist genau dieses – subjektiv. Man misst also NICHT mit zweierlei Mass.
    2. Die Touristen selber würden von der Beschränkung profitieren. Die tollen Instagram-Bilder unberührter Natur widersprechen doch ganz klar den Menschenmassen, die die Aussicht verstellen, die Züge/Bergbahnen und Wege verstopfen, zum Littering verleiten usw usf
    Das sei ungerecht, weil es sich dann nicht mehr alle leisten könnten? Ist es! Genau wie in der Stadt die teuren Theaterbesuche, Ausstellungen etc.. (oder auch nicht). Das Problem arm-reich ist auch Teil des Tourismus, ergo durch diesen nicht zu lösen, er muss sich selbst schützen.

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