StartKommentar«Zeit statt Zeug»

«Zeit statt Zeug»

Vor sieben Jahren, als meine Kinder zehn Monate und vier Jahre alt waren, erkrankte ich an einer schweren Erschöpfungsdepression. Zwei Monate Klinik, zwei Monate weg von meinen Kindern. Es war ein schwieriges, herausforderndes Jahr für unsere Familie, aber auch eines, das uns im Nach­hinein Chancen bot und neue Wege eröffnete. Was zählt und was ist wirklich wichtig? Diese Frage begleitet uns seither auch im Kleinen immer wieder, zum Beispiel zur Weihnachtszeit.

Damals, im Winter nach meinem Klinikaufenthalt, war mir in der Adventszeit klar: Meine Kinder brauchen weder Schokolade noch Geschenke in ihrem Kalender. Und auch die lieb gewordenen Vorlese-Adventskalender waren für einmal weniger wichtig. Zeit zusammen verbringen – das war mein grösstes Anliegen. Und so stiess ich auf die Zeit-statt-Zeug-Adventskalender. Seither hat dies bei uns Tradition. Jeden Tag haben meine Kinder im Säckli ein «Zeitgeschenk». Manchmal eine Kleinigkeit wie: Wir trinken zusammen einen Weihnachtspunsch und ich lese euch ein Märchen vor. Oder: Wir basteln gemeinsam eine Dekoration für den Weihnachtstisch, wir braten Marroni über dem Feuer, wir machen abends einen Laternenspaziergang usw. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Meine Kinder durften Weihnachtskakao selber machen und danach hab ich ihnen bei Kerzenschein ein Märchen vorgelesen. Dieses Zeitgeschenk war heuer am 2. Dezember im Adventskalender. Bild: Rachel Honegger

Natürlich drängelt mein achtjähriger Sohn manchmal noch, er hätte gerne einen Lego-Adventskalender. Aber den würde er sich zusätzlich wünschen. Niemals würden meine Kinder den Zeit-statt-Zeug-Kalender hergeben, er ist ihnen genauso heilig geworden wie mir. In einer Zeit, die so instabil ist und in der Hektik und Konsum im Überfluss vorkommen, so dünkt mich, wären solche Zeitgeschenke doch auch unter Erwachsenen besonders wertvoll.


Hier einige Ideen, die sich in meinen Augen als Zeit-statt-Zeug-Weihnachtsgeschenke eignen würden:

  • gemeinsamer Besuch einer Sternwarte
  • ein Buch schenken und der Partnerin oder dem Partner jeden Abend einige Seiten daraus vorlesen
  • schneeschuhwanderung mit Outdoor-Fondue
  • eine spezielle Stadtführung, beispielsweise «Unheimliches Thun – der Nachtwächter erzählt»
  • zusammen etwas Neues lernen und einen Kurs besuchen: Schnitzen, Malen, Tanzen, Yoga, Sprachen usw.
  • warum nicht noch einmal Kind sein und eine Schnitzeljagd oder Schatzsuche planen: Der Schatz könnte ein Glas voller Zettel sein mit Komplimenten, Liebesbotschaften oder Sprüchen.

Innehalten und bewusst einander Zeit schenken – so leicht gesagt, und doch tun wir uns oft so schwer daran. Aber Zeit schenken bedeutet für mich, Glück zu schenken. Oder in den Worten von Plinius: «Jede Zeit ist umso kürzer, je glücklicher sie ist.» Rachel Honegger

r.honegger@frutiglaender.ch

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