StartFreizeitHelene Ogi und die rote Via Alpina: 55 Tage Freiheit

Helene Ogi und die rote Via Alpina: 55 Tage Freiheit

Am Samstag berichtete Helene Ogi in der Badi-Lounge in Frutigen über ihre Reise mit dem Titel «Heimkehr, meine Alpenüberquerung von Triest bis Monaco». Die Idee war Anfang 2025 aufgekommen, leise zuerst, dann immer drängender. Immer wieder hatte sie über die Via Alpina gelesen, sich die Strecke angesehen, und irgendwann war daraus eine Leidenschaft geworden.

Als über der Adria die ersten Sonnenstrahlen Triest erhellten, schnürte Helene Ogi aus Frutigen ihre Laufschuhe und machte sich bereit für ein Abenteuer, das alles andere als gewöhnlich war. «Vor mir lag einer der anspruchsvollsten Fernwanderwege Europas: die rote Via Alpina. 2100 Kilometer, 113 000 Höhen- und Tiefenmeter, acht Länder, unzählige Gipfel und Geschichten», erzählte die Referentin. Eine Route, ausgelegt auf 120 Tage – und doch brauchte Ogi nur 55, um von Triest bis nach Monaco zu laufen.

Mehr als sportliche Herausforderung

«Im März 2025 fiel der endgültige Entscheid. Niemand sonst konnte oder wollte zwei Monate frei nehmen, also würde ich alleine gehen. Zweifel verspürte ich keine.» Sie war offen für alles, bereit, alles anzunehmen, was kommen würde. Und hätte es nicht geklappt, hätte sie abgebrochen. «Diese Freiheit nahm ich mit auf den Weg. Doch ich brach nicht ab.» So ging es los, Schritt für Schritt, Tag für Tag, durch Hitze, Kälte, Regen, Schnee, Wind, Einsamkeit und überwältigende Naturschönheiten. Für Helene Ogi war die Via Alpina weit mehr als eine sportliche Her­ausforderung. «Es war ein Rückzug ins Wesentliche. Natürliches Leben, vereint sein mit der Natur, mit sich selbst. In der Natur ist alles einfach und doch hat man immer genug zu tun», sagte sie. «Wo finde ich Wasser? Wo kann ich essen? Wo schlafen? Wie gehe ich mit extremen Wetterbedingungen um? Es sind Fragen, die im Alltag kaum noch eine Rolle spielen und die doch das Leben selbst ausmachen», liess die reisefreudige Frutigerin das Publikum wissen. «Der Anfang war hart. Der Körper musste lernen, was es bedeutet, täglich stundenlang zu gehen. Am neunten Tag kam die einzige echte Krise: Meine Kräfte liessen nach, der Kopf wollte nicht mehr. In solchen Momenten sei Geduld entscheidend. Nichts erzwingen, sondern vertrauen, dass es wieder besser wird.» Und es wurde besser.

Wechselnde Landschaften

Die Landschaften wechselten mit jedem Land ihr Gesicht. Helene Ogi liebt die Berge, und die Berge schenkten ihr alles, was sie brauchte. «Besonders das Triglav-Gebirge in Slowenien berührte mich tief: die lieblichen Berge, die Lärchenwälder, die Bergseen, die Ruhe.» Aber auch die Menschen prägten ihre Reise. Da waren Rudi und Irena in Slowenien, die sie in ihrem Gästehaus empfingen, als wäre sie eine alte Freundin, und die sie trotz Sprachbarriere sofort in ihre Geburtstagsparty integrierten. «Oder Thomas, mit dem ich elf Tage unterwegs war und mit dem ich bis heute Kontakt habe.»

Manchmal stand sie vor Schildern, auf denen «Achtung, Staatsgrenze!» stand. «Ich fragte mich oft, was das eigentlich suggerieren soll. Wenn man läuft, ist es egal, ob man über eine Grenze geht oder nicht.» In Italien fühlte sie sich besonders willkommen. «Die Menschen waren freundlich und hilfsbereit, was ich von einem Teil in Frankreich leider nicht behaupten kann», erzählte die Frutigerin.

Eine Sportuhr, die den Weg zeigte

Ihre wichtigste Ausrüstung war die Sportuhr, damit sie sich nicht ständig verlief und keine Zeit verlor. «Zwei Paar Schuhe trugen mich durch die Alpen. Die ersten verabschiedete ich in Scuol, die zweiten liess ich in Monaco zurück, aufgebraucht», so Ogi. Als sie am 25. August wieder zu Hause war, wusste sie, dass diese Reise tiefe Spuren hinterlassen würde. Sie hatte Selbstvertrauen gewonnen, aber auch die Erkenntnis, wie wichtig ihr soziales Umfeld ist. Und besonders schätzte sie wieder, dass sie jeden Abend weiss, wohin sie gehen kann: nach Hause. «Was bleibt, sind unzählige Bilder und Erfahrungen, das Gefühl von Freiheit und das Wissen, etwas Wunderbares erlebt zu haben. Noch einmal würde ich es wohl nicht machen», sagte sie. Doch die Ideen gehen ihr nicht aus. Im Moment aber geniesst sie, was von der Reise geblieben ist, und freute sich auf den Vortrag, bei dem sie ihre Erlebnisse teilen konnte. «Ich habe rund 1500 Bilder gemacht, diese zu kurzen Videos mit Bild und Ton zusammengefasst und ein Buch über die Reise geschrieben, das man an den Vorträgen kaufen kann.»

Ogis Geschichte berührt die Leute

An diesem Abend in der Badi-Lounge zeigte sich, wie sehr ihre Geschichte die Menschen berührt. «Was ich da erlebt habe, war etwas Besonderes. Diese Bilder wirkten wie ein Tag in den Ferien – meditativ, leicht, fast entrückt. Für einen Moment hat man vergessen, dass draus­sen Winter ist und die Kälte an den Fenstern kratzt. Man konnte die Luft förmlich atmen, die man auf den Bildern gesehen hat», lobte Reto Grossen vom organisierenden Verein Kander Kultur den Anlass. Und fügte an: «Für mich war er schlicht grossartig. Bodenständig, keine überladene Multimedia-Show. Einfach ehrlich, authentisch – genau so, wie sie es macht. Man freut sich jedes Mal, wenn man Menschen aus der Region eine Bühne geben kann, damit sie ihre Geschichten erzählen und dank des treuen Publikums ist es immer wieder ein erfreulicher Anlass.»

Auch Helene Ogi selbst spürte die besondere Atmosphäre: «Es war das erste Mal, dass ich meine Erfahrungen vor Publikum ausführte. Schön, durfte ich meine Erlebnisse mit so vielen Besuchern teilen. Ich hatte das Gefühl, den Leuten hat es gefallen, denn sie gingen richtig mit. Und ich durfte noch einmal all die Emotionen meiner Reise durchleben.» Und wenn man sie fragt, was sie anderen mitgeben möchte, sagt sie nur: «Mach es. Aber mach es niemandem nach. Mach es auf deine Art und Weise.»

Nächster Vortrag: Sonntag, 1. Februar, Multimediashow über eine Reise durch den afrikanischen Kontinent von Nord nach Süd, entlang der abenteuerlichen Westroute. 14 Monate, 22 Länder und über 30 000 Kilometer.

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