Wenn im Kanton die Grossratswahlen näherrücken, verwandelt sich Politik in ein spürbares Ereignis. In der Schweiz ist sie nie ganz fern vom Alltag – sie liegt im Briefkasten, säumt die Strassen, wird am Stammtisch diskutiert. In der Bundesstadt Bern erscheint sie oft als klug kalkulierte Mehrheitsbildung, als Zahlenwerk und Kommissionsarbeit. Im Frutigland klingt sie persönlicher, unmittelbarer. Hier wählt man nicht nur Listen, sondern Menschen, die man kennt. Politik ist Beziehung – und Erinnerung daran, dass Gemeinschaft mehr ist als Verwaltung.
Das Wort «Politik» stammt vom griechischen ‹polis›, der Stadtgemeinschaft. In seinem Werk «Politik» beschreibt Aristoteles den Menschen als ‹zoon politikon›, als «Wesen, das auf Gemeinschaft angelegt ist». Für ihn entsteht Politik nicht erst im Regieren, sondern im Sprechen über Gerechtigkeit und Nutzen.
Die Polis war keine anonyme Struktur. Sie war Marktplatz, Gericht, Tempel, Versammlung – ein Raum, in dem Bürger gemeinsam über das Gute berieten. Politik war dort keine Nebensache, sondern Lebensform. Sie zielte auf ‹eudaimonia›, «das gelingende Leben». Allerdings: Zur aktiven politischen Teilhabe gehörten ausschliesslich männliche Bürger. Frauen, Sklaven und Fremde waren ausgeschlossen – ein Umstand, der zeigt, dass politische Rechte und die Idee von Gemeinschaft im Laufe der Zeit ausgeweitet werden mussten.
In diesem Sinn, dem des gelingenden Lebens, trägt jede Wahl, selbst die Wahl eines kantonalen Parlaments, noch den Nachhall jener antiken Idee: dass wir gemeinsam bestimmen, was als gutes Zusammenleben gelten soll. Denn für Aristoteles ist Politik genau das, was den Menschen ausmacht: «Der Mensch ist von Natur aus ein staatenbildendes Wesen, und wer von Natur aus und nicht durch Zufall ohne Staat lebt, ist entweder ein minderwertiges Wesen oder höher als der Mensch. […] Deshalb ist der Staat von Natur aus und früher als das Haus und jeder Einzelne.»
Doch Aristoteles war kein Träumer. Er analysierte Verfassungen, unterschied zwischen Monarchie, Aristokratie und Politie, einer Mehrheitsherrschaft – und warnte vor deren Entartungen. Politik war für ihn immer auch Ordnungskunst. Sie musste Institutionen schaffen, die das Gemeinwohl sichern.



