Als im April 1986 der Reaktor in Tschernobyl explodierte, lief in der Schweiz die Notfallorganisation an. Mittendrin: der Vater unserer Autorin. Peter Honegger ist Kernphysiker, lebt heute in Reichenbach im Kandertal und schildert, wie er den Ausnahmezustand hautnah miterlebt hat.
Vor 40 Jahren ist mein Vater eingerückt. Nicht ins Krankenhaus, nicht im eigentlichen Sinne in den Militärdienst, sondern für sechs Wochen in einen unterirdischen, geheimen Bunker – die Nationale Alarmzentrale (NAZ). Mein Vater war Kernphysiker bei der Sektion Überwachungszentrale Radioaktivität. Dort hatte man sich schon seit Jahren auf einen Atomkraftwerksunfall vorbereitet. Dennoch sprengte der Reaktorunfall in Tschernobyl jeglichen Rahmen und alles, was man für möglich gehalten hätte.
Ich war acht Jahre alt. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem, dass bei uns zu Hause dauernd das Telefon klingelte: Besorgte Mütter hatten unsere Nummer im Telefonbuch gefunden und wollten wissen, ob man den Salat noch essen, ob ihre Kinder noch Milch trinken und ob sie überhaupt noch raus zum Spielen dürfen. Meine Mutter konnte ihnen nicht weiterhelfen; sie wusste genau gleich viel wie alle anderen, wusste nicht einmal, wo genau mein Vater im Einsatz war. Ich hingegen fand es in meiner kindlichen Unbekümmertheit unglaublich spannend und aufregend, dass wir mitten im Zentrum des Hurrikans waren und mein Vater plötzlich eine so wichtige Person zu sein schien, dass er sogar im Fernsehen der Nation erklärte, wie sich diese Atomwolke verhält und was man jetzt tun und lassen soll.

Gemeinsam mit meinem Vater Peter Honegger – heute ist er 81 und lebt in Reichenbach im Ruhestand – blicken wir zurück auf eine Zeit, die seinen Lebenslauf geprägt hat und an die er sich erinnert, als ob es erst gestern gewesen wäre.
Der Unfall wird vertuscht
Der Kernreaktor im Block 4 in Tschernobyl (damals UdSSR, heutige Ukraine) explodierte am Samstag, 26. April 1986, um 1.23 Uhr Ortszeit. Die Sowjets versuchten, den Umfang des Unglücks zu vertuschen, sodass das gravierende Ereignis von den europäischen Staaten einige Zeit unbemerkt blieb.
Peter Honegger: Am Sonntag, 27. April, hat die russische Presse nur eine dürftige Mitteilung herausgegeben, die aber noch niemanden in Alarmbereitschaft versetzt hat. Gleichentags haben die Überwachungsmonitore des Kernkraftwerks Forsmark in Schweden Radioaktivitätsalarm ausgelöst.
Der Grund: Eine erste radioaktive Wolke ist wegen der Wetterverhältnisse von Tschernobyl Richtung Schweden gezogen. In Zeiten ohne Internet haben sich solche Meldungen per Ticker der Fernseh- und Radiostationen verbreitet. So kam es, dass das Schweizer Fernsehen noch vor den Fachexperten über die aktuelle Situation informiert war.
P.H.: Ich erinnere mich noch gut: Am Montagabend, am 28. April um 17.30 Uhr, hat das Schweizer Fernsehen bei mir angerufen und wollte wissen, ob diese Wolke auch über die Schweiz ziehen könnte. Ich musste das erst mit einem Meteorologen abklären. Gemeinsam haben wir die Höhen- und die Bodenwetterkarte analysiert. Aufgrund der Wettersituation folgerte der Meteorologe, dieses Unglück betreffe die Schweiz nicht.
Mein Vater hat also Entwarnung gegeben und ist nach Hause gegangen wie an jedem normalen Tag.
Heute erklärt er mir, die Beurteilung habe damals auf falschen Annahmen beruht. Westliche Kernkraftwerke sind nämlich so ausgestattet, dass man bei einem schweren Unfall nur mit einer kurzzeitigen Freisetzung von radioaktiven Gasen rechnen muss. Man nennt dies «Puff Release». Die Experten seien von einer solchen einmaligen Wolke ausgegangen, die sich genügend rasch verdünnen werde, um keine Gefahr für die Schweiz darzustellen. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Tschernobyl war nicht vergleichbar mit den europäischen Kraftwerken.
Noch schlagen die Schweizer Messgeräte nicht aus
Drei Frühwarnmessgeräte – in Stein, in Romanshorn und auf dem Weissfluh-
joch – überwachen damals stetig die Luft, ausserdem sind elf automatische Umgebungs-Messstationen im Einsatz, vier davon in der Deutschschweiz, in Zürich, Luzern, Engelberg und Altdorf. Am Dienstagmorgen, also drei Tage nach dem Unglück, so mein Vater, haben diese Geräte noch nichts angezeigt. Deswegen ging ein Pressebulletin raus, dass für die Schweiz keine Gefahr bestehe. Erst am Dienstagabend ist die Information bei der Sektion Überwachung Radioaktivität eingetroffen, dass amerikanische Satelliten einen Brand in Tschernobyl festgestellt hätten.
P.H.: Wir konnten uns aber noch immer kein Bild machen, was genau in Tschernobyl geschehen ist, und folglich nicht ahnen, wie schlimm es wirklich ist.



