Nach langem Warten und heissen Diskussionen erhielten 1971 auch die Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht. 55 Jahre später ist ihre politische Präsenz selbstverständlich geworden – zumindest auf den ersten Blick. Ein genaueres Hinschauen im Frutigland zeigt jedoch: Der Weg an die Spitze der Gemeinden ist hier noch nicht angekommen.
Der Kampf um das Frauenstimmrecht dauerte in der Schweiz über ein Jahrhundert. Erst am 7. Februar 1971 sagte eine Mehrheit der Männer Ja – und öffnete den Frauen den Zugang zur Politik. Auch im Kanton Bern erhielten die Frauen noch im selben Jahr, am 12. Dezember 1971, politische Rechte. Was folgte, war ein politischer Aufbruch.
Die ersten Jahre nach 1971 waren geprägt von mutigen Pionierinnen. Zu ihnen gehörten etwa Ruth Im Obersteg Geiser, eine der ersten Exekutivpolitikerinnen, Marie Boehlen als frühe Grossrätin, Leni Robert-Bächtold als erste Regierungsrätin des Kantons Bern sowie Elisabeth Kopp als erste Bundesrätin. Sie veränderten die politische Kultur nachhaltig.
Und heute? Viel erreicht – aber nicht überall gleich
Heute sind Frauen auf allen politischen Ebenen vertreten. Sie sitzen in Parlamenten, führen Departemente und prägen die nationale Politik. Doch die Entwicklung verlief regional unterschiedlich.

Die Recherche zu den Gemeinden Aeschi, Krattigen, Reichenbach, Frutigen, Kandergrund, Kandersteg und Adelboden zeigt: Seit 1971 gibt es lediglich drei Frauen, die als Gemeindepräsidentin respektive Gemeinderatspräsidentin gewirkt haben. Heute steht Jolanda Brunner als Gemeindepräsidentin von Spiez allein an der Spitze einer unserer Gemeinden. Im übrigen Frutigland sind keine Frauen in diesen Positionen aufzufinden. Gleichzeitig sind allerdings Frauen als Gemeinderätinnen, in Kommissionen und teilweise als Vizepräsidentinnen präsent. «Es gibt viele Gründe, die zu solchen Situationen führen», meint Jolanda Brunner. «Ich persönlich denke, dass die Frauen eine Tätigkeit suchen, die einen Zustupf in die Familienkasse bringt und zeitlich klar eingegrenzt ist. Hinzu kommt, dass nicht alle gerne in der Öffentlichkeit sein und Rede und Antwort stehen wollen.»
Allgemein spielen mehrere Faktoren zusammen: das genannte Milizsystem mit hoher zeitlicher Belastung und meist bescheidener finanzieller Entschädigung, dann aber auch gewachsene lokale Netzwerke, welche den Männern meist selbstverständlicher zur Verfügung stehen und bereits Bekanntes einfacher fördern als Neues, und schliesslich eine noch immer eher langsame gesellschaftliche Veränderung. Diese Elemente wirken subtil, aber nachhaltig.
Ein Blick über den Tellerrand
In anderen Regionen der Schweiz sind Frauen längst Gemeindepräsidentinnen – auch in ländlichen Gebieten. Der Unterschied liegt somit leider weniger im politischen System als an der betreffenden Bevölkerung und in der Wahrnehmung politischer Rechte oder dem Wunsch, diese wahrzunehmen.
Das Frauenstimmrecht hat die Schweiz verändert. Doch Gleichstellung endet nicht beim Zugang zur Politik – sie beginnt dort erst. Die entscheidende Frage bleibt, wer Verantwortung an der Spitze übernimmt oder übernehmen will.



