Recherchieren, in der (Militär-) Historie des Zweiten Weltkrieges graben, sich auf MystischKriminelles einlassen, aber auch der Fantasie ihren Raum geben. Und dann: Schreiben. Et voilà: Etwa in dieser Reihenfolge lässt sich skizzieren, was Hans Herrmann antreibt und seinen neuen Kriminalroman «Seefeld» ausmacht, der so gar kein gewöhnlicher oder herkömmlicher Krimi ist. Der 63-Jährige, der in Burgdorf lebt, Redaktionsleiter der Monatszeitschrift «Reformiert» für den Kanton Bern ist und schon mehrere Bücher und Theaterstücke geschrieben hat, siedelt seinen Fall in der Réduitzeit der Schweiz, 1941, an.
General Henri Guisan höchstpersönlich beauftragt in geheimer Mission den Basler Hauptmann Felix Weidlin, den geeigneten Standort für den Bau eines Generalbunkers zu eruieren – dorthin, wo sich die Armeespitze in höchster Bedrohungslage für letzte Strategien zurückziehen könnte. Über Sagenstoffe aus seines Vaters Bibliothek, die Befragung eines Bergbauern und ein Tagebuch, das er in einer Alphütte aufspürt, findet er den Standort heraus: Auf dem Seefeld, einer karstartigen Landschaft oberhalb von Habkern, befindet sich ein unterirdisches Höhlensystem, das sich für einen Bunkerbau eignen könnte. Und da die Sage von einer versunkenen Stadt berichtet, die nach wie vor spukhaft zu leben scheint, verfolgen Weidlin und seine Begleiterin Lena, die unter anderem Geologin ist, diese Spur weiter. Sie steigen in die Höhle ein und werden in ihren Grundfesten erschüttert. Nichtsdestotrotz kehren sie mit Fotoaufnahmen, Proben von sogenannt schwerem Wasser, Skizzen und Dokumenten zurück. Sie sollen den Bauingenieuren und Physikern rund um General Guisan als Basis für weitere Abklärungen dienen.
Nur spielt Hans Herrmann mit lauter doppelten Böden – und dem Rätselhaften. Am gesammelten Material haben auch Verräter und Nazi-Kollaborateure der Schweizer Armee Interesse. Und so werden Weidlin und Lena in eine Falle gelockt und ihre Auswertungen beschlagnahmt. Nach dem lange Zeit ruhig voranschreitenden Plot manövriert uns der Autor in die Abgründe eines
Spionagethrillers – mit Gestalten in Uniform, die keine Skrupel mehr kennen. Mitten hinein verwebt Herrmann auch ein erotisches Spannungsfeld. Das brodelnde Höhlensystem – es wird zum Abbild des sich lange im Gärprozess befindenden Handlungsverlaufs, der nun regelrecht Explosivkraft entfaltet.
Die eine oder andere Irrung und Wirrung im Knäuel klärt sich auf. Aber lange nicht alle. Wer die grosse Liebe von Weidlin namens Clothilde gewesen sein soll, weiss nur er selber. Und warum sogar General Gui san eine falsche Fährte auslegt, sei hier nicht verraten.
Hans Herrmann ölt seinen Plot immer wieder mit Überraschungen – auch ein Exkurs in Physik oder eine Spekulation zu ausserirdischem Leben fehlen nicht. Als ausgebildeter Theologe lässt er bewusst viel Raum für das Unerklärliche. Zum gros sen Gewinn von uns Lesenden.
Lesetipp: Je länger die auf angenehmer Länge angerichtete Story dauert, umso spannender und dichter wird sie. Der Mix von Fakten, Fiktion und Fantasie packt.



