REISEN Im Peak District offenbart England seine ländliche Seele. Wege führen über sanfte Höhen, durch Täler und alte Orte, vorbei an Steinmauern, Schafweiden und Pubs, in denen nach einer Tour ein Pint fast so selbstverständlich dazugehört wie der nächste Wetterwechsel.
Britische Herzen schlagen für alles, was blüht. Selbst Häusereingänge werden gerne mit bunter Blumenpracht geschmückt. Historischer Ort und kreative Inspirationsquelle: Chatsworth House diente in der Verfilmung von Jane Austens «Stolz und Vorurteil» (2005) als Pemberley, das Schloss von Mr. Darcy.
Der Regen hat aufgehört. Das Grün wirkt so frisch, als hätte ein Impressio nist gerade die Landschaft neu gemalt. Genau hier im Herzen Grossbritanniens beginnt der Peak District – seit 1951 ist er Nationalpark und damit auch der erste des Landes. Rund 1400 Quadrat kilometer umfasst diese reizvolle Re gion in Derbyshire, die den Übergang von den sanften Midlands zum nord englischen Bergland markiert. Die Höhen gehören zu den Pennines, jener langen Gebirgskette, die auch liebevoll als «Backbone of England» bezeichnet wird. Für Wanderer, Velofahrer und all jene, die englische Landschaften lieben, ist das ein wunderbares Versprechen.
Landliebe auf britische Art
Der kühle Kopf des Engländers mag aus beruflichen Gründen oft in der Stadt zu Hause sein, doch Herz und Seele gehö ren nicht selten der ländlichen Weite. Grünes, Blühendes und gepflegte Gär ten sind hier weit mehr als hübsche De koration. Sie gehören zum Lebensge fühl. Da wundert es kaum, dass eine Gartenveranstaltung mitunter mehr Be geisterung auslöst als so manches grosse Sportereignis. Im Peak District versteht man schnell, warum das so ist – und das auf eine äusserst angenehm verführerische Art. Uralte Steinmauern ziehen sich über Wiesen, alte Gehöfte
schmiegen sich in die Hänge, Schafe grasen mit stoischer Gelassenheit, und über allem wechselt das Licht beinahe im Minutentakt. Wer hier die Wander schuhe schnürt, geht nicht einfach von Punkt zu Punkt. Man taucht in eine Landschaft ein, die nach Regen duftet, nach Gras, Erde und Kaminrauch riecht. Rund um Edale, Castleton und das Hope Valley führen gut ausgeschil derte Wege hinauf zu offenen Höhen mit grandiosen Weitblicken. Dann wieder durch stille Täler, bei denen man sofort versteht, warum diese Region seit Ge nerationen Menschen nach draussen zieht.
Zwischen Backstube und Landsitz
Kultur begegnet einem hier nicht nur in Museen, sondern oft ganz nebenbei. In Bakewell zum Beispiel, wo sich vor dem berühmten Pudding Shop die Besucher drängen und der süsse Klassiker längst mehr ist als eine lokale Spezialität. Der Legende nach entstand der Bakewell Pudding im 19. Jahrhundert durch ein Küchenmissgeschick im White Horse Inn. Statt die Eier-Mandel-Masse wie geplant zu verarbeiten, landete sie auf der Marmelade. Zum Glück, möchte man sagen. Warm serviert, leicht butt rig und süss, versteht man schnell, warum dieser Zufall zu solcher Beliebt heit gefunden hat.
Von Bakewell ist es nicht weit zu jenen Orten, an denen sich Landschaft, Reich tum und englisches Selbstbewusstsein eindrucksvoll verbinden. In den Höhlen rund um Castleton wurde über Jahrhun derte der seltene, blau schimmernde Halbedelstein Blue John gewonnen. Aus besonders schönen Stücken entstanden kostbare Schmuck- und Kunstobjekte,
Im 19. Jahrhundert entstanden, erfreut sich der Bakewell Pudding heute noch grosser Beliebtheit.
die ihren Weg in grosse Häuser fanden. Auch Chatsworth House erzählt von die ser Welt. Landhäuser nennt der Adel sol che Anwesen mit vornehmer Zurückhal tung. Tatsächlich aber stehen dort Architektur, Gärten, Parklandschaft und Kunstsammlungen in einer Grösse zu sammen, die tief beeindruckt.
Pubs, Pedale und ein Pint
Wer die Region nicht nur zu Fuss erle ben möchte, steigt aufs Velo. Besonders angenehm ist dabei der empfehlens werte Monsal Trail, der auf einer frühe ren Bahntrasse verläuft und ohne grosse Steigungen durch Tunnel, über
Viadukte und vorbei an alten Bahnwär terhäusern führt. So bekommt man noch einmal eine andere Perspektive auf diesen Teil Mittelenglands – ent spannt und doch mitten im Geschehen. Auch Kletterer und Boulderer finden an den berühmten Gritstone-Felsen ihre Spielplätze, während Golfer auf gepfleg ten Plätzen mit Aussicht abschlagen.
Wie auch immer, am Ende eines er lebnisreichen Tages landet man dann auch fast zwangsläufig in einem Pub oder Landgasthof. Dort schmeckt die Küche nach ehrlicher Sattmacherei: Fish and Chips, Pie und dazu ein loka les Bier. Apropos Bier: Wer sich für
Braukunst interessiert, ist bei der Thornbridge Brewery gut aufgehoben, deren Biere weit über die Region hin aus bekannt sind. Genau so bleibt der Peak District in Erinnerung: nicht als lautes Reiseziel, sondern als ein Stück Grossbritannien, das mit jedem Schritt, jedem Schluck und jedem Wetterwech sel ein bisschen vertrauter wird.
ZUR PERSON
Kommen Sie mit? Seit Jahrzehnten reise ich durch die Welt – davon seit 24 Jahren als Reisejournalist und Fotograf. Rund 100 Länder auf fünf Kontinenten durfte ich bislang ent decken, zunächst allein, später ge meinsam mit meiner Familie. Un terwegs war ich mal mit dem Kanu, mal auf dem Velo, zu Fuss, mit dem Rucksack oder dem Expeditionsmo bil. Dabei ging es mir nie nur um be kannte Sehenswürdigkeiten, son dern um das Zusammenspiel von Landschaft, Natur und Menschen – und um jene besonderen Momente, die eine Reise unvergesslich ma chen. In den kommenden Wochen nehme ich Sie gerne mit zu meinen schönsten Reisezielen in Europa und verrate, warum sich ein Besuch dort wirklich lohnt.
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