GESCHICHTE Geht es um die Bewältigung von Katastrophen, ist das Gasterntal als Beispiel prädestiniert, wie Geschichte und Gegenwart zeigen. Mensch und Tier wachsen oftmals enger zusammen nach schweren Naturereignissen. Und manchmal ist auch der Mensch zumindest eine «kleine» Katastrophe.
Das Gasterntal wird seit jeher landund forstwirtschaftlich genutzt. Das im gesamten Alpenraum nahezu einmalige Tal liegt in der politischen Gemeinde Kandersteg. Das war nicht immer so, und hier gehört ein Teil der Geschichte des Tals zu den von Menschen gemachten Katastrophen. Das Gasterntal wurde im Mittelalter zunächst über den Lötschenpass von Wallisern besiedelt. Dies hing damit zusammen, dass ab den 1190er Jahren zunächst das Lötschental dem Adelsgeschlecht der Herren vom Turn, mit Stammburg in Niedergesteln, östlich des Lötscher Talausgangs, unterstellt war. Es war eine Walliser Herrscherfamilie mit italienischen Beziehungen.
Verbindungen nach Oberitalien
Die Herren vom Turn siedelten gezielt Einwohner des Lötschentals als Kolonisten in ihren Besitzungen im Berner Oberland an, weil sie sich zwischen den aufstrebenden Mächten der Savoyer und der Berner positionieren wollten. Lange gelang ihnen das auch. Der Bruch kam, wie es scheint, durch ständigen Ausdehnungswillen: Johann vom Turn brachte 1323 durch Heirat mit Elisabeth von Wädenswil die Herrschaften Frutigen und Mülenen an sich. Dabei war er seit 1311 kaiserlicher Vikar des weit entfernten Como, aber von 1315 bis 1317 auch Landvogt, das heisst Stellvertreter in weltlichen Angelegenheiten des Bischofs von Sitten und schliesslich seit 1322 kaiserlicher Statthalter von Mailand. Man muss davon ausgehen, dass dadurch besonders die Verbindungen des Gasterntals, aber auch der Herren von Kien, mit Oberitalien sehr eng waren. Auch der Geldverkehr wurde vom Wallis und von Italien her bestimmt. Mit Peter dem Fünften vom Turn kam die Abkehr von den frühbernischen Beziehungen: Er verkaufte den vom Vater geerbten Pfandbesitz Laupen bereits 1324 der Stadt Bern, seine Rechte auf Mülenen verkaufte er 1341 den Herren von Weissenburg im Simmental und seine Eigenleute im Lauterbrunnental, genannt die Lötscher, 1346 dem Kloster Interlaken. Mit dem kurz danach folgenden Untergang der Familie vom Turn wurde die Kastlanei Niedergesteln und damit auch das Lötschental Untertanengebiet der fünf oberen Walliser Zenden (also der Herrschaftsgebiete von Goms, Brig, Visp, Raron und Leuk). Die oberländischen Besitzungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits an Bern gegangen.
Palisaden gegen die Walliser
1352 erstreckte sich die ursprüngliche Freiherrschaft Frutigen gemäss einer Grenzbeschreibung aus demselben Jahr über das Gebiet der mittelalterlichen Pfarrei Frutigen hin. Das umfasste das obere Kandertal bis an den Fuss des Gemmipasses, das Gasternund Engstligental. Dies war das Jahr, in dem die Berner faktisch die Herrschaft über das Frutigland übernahmen. Eine an der Klus ausgangs des Gasterntals errichtete Palisade, eine Wehreinrichtung, die 1367 erwähnt ist, sollte Einfälle der immer noch um die mittlerweile bernischen Täler ringenden Walliser ins Frutigtal verhindern. Es gab daraufhin beständig Grenzstreitigkeiten: Besonders der Grenzfindung zwischen den Bernern und den Wallisern auf dem Lötschenpass gingen 1384 und 1419 sogar Kriegszüge voraus. Dass sich in den Jahren zuvor die Welt im Gebirge geändert hatte, verhinderte nicht, dass man fast 40 Jahre lang in einem Vor dem Murgang im Oktober 2011 war das Haus im Vordergrund noch in voller Höhe zu sehen. Immer wieder gelingt den Bergbauernfamilien ein Neuanfang. Und sei es ein neuer Brunnentrog. dauernden und wohl als katastrophal empfundenen Spannungszustand mit vermutlich vielen Opfern unter der lokalen Bevölkerung lebte. Am 23. Juni 1374 kann man jedoch einen Erblehensvertrag nach bernischem Recht für das Gasterntal nachweisen: Der Kirchherr von Frutigen gibt darin die Güter seiner Kirche im Gasterntal einigen Bauern zu Lehen. Ab dann gab es für lange Zeit Rechtsfrieden.
Katastrophen bringen Heimatverlust
Erst in den Tagen der ausgehenden «kleinen Eiszeit» am Ende der Barockzeit, also erst in den 1770er-Jahren kommt es vor, dass aus dem Gasterntal von Naturkatastrophen berichtet wird. Im Wallis hatte alles mit einer fast zehn Jahre dauernden Erdbebenperiode begonnen. Doch dann traf es auch das Gasterntal. Vom 14. Jahrhundert bis um 1820 war es ganzjährig bewohnt gewesen: Von 1374 bis 1464 lebten dort knapp zehn Familien. Noch 1812 waren es zwölf Familien, und Einheimische berichten sogar noch von einer kleinen, lokalen Schule am Ortseingang von Selden, die man bis zum Ende der damaligen Besiedlung betrieben hatte. In der Tat: Das Haus steht noch und ist gut sichtbar. Noch 1845 notierte der damalige Pfarrer, der leider seinen Namen nicht hinterlassen hatte: «Nach der Predigt prüfte ich die hier domicilirenden Schulkinder, fünf Knaben und drei Mädchen.»
Was die Chronik erzählt
In diesen Jahren, vor allem aber später, kam es aber zu erheblichen und gut dokumentierten Naturereignissen: Lawinen und Felsstürze bedrohten die Siedlungen, so dass das Tal im Winter nicht mehr zu halten war. 1833 konnte die berühmte «Gasternpredigt» wegen Unwetters nicht gehalten werden. In der Chronik steht der Vermerk des Pfarrers Gyger: «Wegen schreklichen Ueberschwemmungen und daheriger Zustände des Weges ward vorigen Jahrs das wilde Gasternthal von dem Unterzeichneten nicht besucht.» Aufschlussreich für diese Zeit und die Ruhe davor ist ein Eintrag in der Gasternchronik. Dort ist für den 11. August 1834 vermerkt, dass ein Gletscherabbruch beim Silleren-Gletscher stattgefunden habe. Im Originaltext: «Am nemlichen obbenannten Tage riss am Abend, was seit 100 oder mehr Jahren nicht mehr geschehen ist, der Siller-Gletscher los, verwästete eine grosse Strecke Ackerland, wovon noch lange Spuren zu sehen seyn werden.» Die Bevölkerung des Tals zog in der Mitte des 19. Jahrhundert Familie für Familie weg: Grösstenteils nach Kandersteg und in den Kandergrund. Das Gasterntal wird seither nur noch im Sommer bewirtschaftet. Heute besteht ein genossenschaftlicher Alpbetrieb der Bäuert Gastern. Nach 1890 kam das Tal zusätzlich in den Einflussbereich des Tourismus, den schon vor Jahrzehnten ein Historiker einmal als «Sog» beschrieben hat. Kurz danach wurden die heute noch bestehenden Hotels gebaut. Doch es rumort auch in unseren Tagen in der Natur, weitere Felsstürze und Murgänge kamen hinzu, und noch im vergangenen Winter 2025/26 kam es zu so starken Lawinenabgängen, dass Einheimische behaupteten, seit 50 Jahren hätte es so etwas nicht mehr gegeben (der «Frutigländer» berichtete).
Halt und Hilfe im Heimritz
Eines der grossen Ereignisse der letzten Jahrzehnte war der Murgang gegenüber des Berghauses Heimritz 2011: Am Wochenende vom 8. auf den 9. Oktober hatte es viel Schnee gegeben, auf den innert Stunden warmes Wetter und viel Regen folgte. Am 10. Oktober kam es dann zu einem gewaltigen Murgang, der die Verbindungsstrasse von Selden ins Heimritz zerstört. Auch der Wanderweg auf der anderen Talseite wurde in Mitleidenschaft gezogen. Der Stall war am stärksten betroffen, gefüllt mit Schlamm und Schutt. Vom alten Ziegenstall war nur noch das Dach zu sehen, der Rest unter Sand verschüttet. Durch grosses Glück wurde niemand verletzt und – wie die Betreiberfamilie Rauber schreibt – konnten «auch die meisten Tiere gerettet werden». Erst 2010, so erfährt man auf der Website des Heimritz, hatte die Familie Rauber das Haus von den Eltern übernommen. Und nun begann alles mit einer verheerenden Zerstörung. Auch die Natur, Weiden und Wälder, waren betroffen, und über viele Hundert Meter ist bis heute ein Teil des oberen Gasterntals unter einer meterhohen Geröllschicht begraben. Zusammenhalt und Hoffnung gab dann aber offensichtlich die Familie und die Bäuert. Zusätzlich gab es Hilfe von aussen. Tiere und Menschen, die solch eine Erschütterung überleben, wachsen in der Folge noch weit enger zusammen, als es schon im Normalfall auf einem Bauernhof üblich ist. Hier trifft das Wort von der Schicksalsgemeinschaft gerade deshalb zu, weil man es gemeinsam überlebt hat. Auch verändert die Katastrophe den Blick auf das Leben überhaupt: Nicht nur, dass es ein «Davor» und ein «Danach» gibt. Es gibt jetzt auch in oft tieferer Form ein «Für wen» und ein «Warum». Der ungeduldige Verkehr Fünzehn Jahre sind seit diesem gewaltigen Einschnitt in die Gasterngeschichte vergangen, und nun ist es wieder der Mensch, der hin und wieder eine Gefährdung für sich selbst und für andere Menschen darstellt. Fast alle Busfahrer können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, wegen der teilweisen Disziplinlosigkeit von Gasterntalbesuchern den Busbetrieb aufrecht zu erhalten: Die den Einheimischen bekannten Zeitfenster für das Befahren des Gasterntals sind keine «freundlichen Empfehlungen». Es sind Sicherheitsgebote, dies vor allem, weil ein Passieren der Kleinbusse auch für Fussgänger und Velofahrer besonders an der Klus schlicht unmöglich ist. «Jeden Tag und bei jeder Fahrt», beklagt sich ein Fahrer, «muss ich irgendwann einmal rückwärtsfahren, damit es überhaupt weitergeht und ich niemanden schwer gefährde.» Ein zweiter Chauffeur bestätigt diese Aussage. Dass es dabei nicht zu einer kleinen menschengemachten Katastrophe kommt, ist das reine Wunder. Fazit mit Blick auf die Geschichte und Gegenwart: Die Berge sind ein Geschenk, aber kein Spielplatz. Die Natur fordert allen eine in schlimmen Zeiten übermenschliche Widerstandskraft ab. Und vermehrt kommen auch Menschen als Gefährdungsfaktor hinzu.



