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Lieber gemächlich, dafür ankommen

Mit neun Jahren lief sie ihren ersten Inferno-Halbmarathon, mit 18 brach sie den Rekord in der U20-Kategorie am Zürich Marathon. Und auch in diesem Jahr startet Nadin Wälti aus Spiez wieder am Inferno-Halbmarathon von Lauterbrunnen aufs Schilthorn und verbindet das intensive Training mit der Arbeit in einer Gelateria. Im Gespräch erzählt die Ausnahmeathletin über ihre Liebe zu den Bergen, den Umgang mit Erwartungen und warum für sie der Spass stets im Vordergrund steht. Du hast bereits mit neun Jahren zum ersten Mal beim Inferno-Halbmarathon teilgenommen. Hast du damit auch deine Liebe zum Berglauf entdeckt, oder gab es da vorher schon ein Ereignis?

Es war mein erster Berglauf-Wettkampf. Davor war ich auch schon öfters in den Bergen unterwegs. Bereits mit weniger als sieben Jahren lief ich auf den Niesen. Meine Faszination lag also schon immer in den Bergen. Wir gingen als Familie viel wandern und das gefiel mir sehr gut. Ich kann mich nicht mehr allzu gut an die Strecke erinnern, aber ich weiss noch, wie ich auf der Almendhubel auf meinen Vater wartete und die Alphörner «Happy Birthday» für mich spielten und sie mir nicht glauben wollten, dass ich gleich da hochlaufen werde. Ausserdem kann ich mich noch gut an das Gefühl erinnern, die Ziellinie zu überqueren. Allerdings war ich mit dem anschliessenden kurzen Interview sehr überfordert. An diesem Tag habe ich mir geschworen: Wenn der Inferno das nächste Mal an meinem Geburtstag ist, mache ich den Ganzen alleine. So lief ich mit 15 Jahren das erste Mal den ganzen Inferno-Halbmarathon alleine und auch das war ein unvergesslicher Tag.

Der Inferno-Halbmarathon gilt als einer der härtesten Bergläufe. Was ist es speziell an dieser Strecke – im Vergleich zu flachen Marathonläufen – das dich motiviert, genau hier dein Limit zu suchen?

Ich bevorzuge Läufe, bei denen man von A nach B läuft und im Ziel eine wunderschöne Aussicht hat. Das ist beim Inferno der Fall. Aber nicht nur auf dem Schilthorn selbst, sondern auch auf der ganzen Strecke hat man Aussicht auf die wunderschöne Landschaft. Bei Bergläufen fühle ich mich viel freier und weniger gestresst als bei flachen Läufen, bei denen man von Anfang bis Ende sein Lauftempo durchziehen muss. Es fühlt sich viel mehr nach einem Erlebnis an als nach einem Wettkampf und man kann gut mal gehen und sich mit anderen unterhalten. Ich liebe es auch, wenn man von unten sieht, wo man gleich hochlaufen wird, und noch mehr, wenn man von oben sieht, welche Strecke man bewältigt hat. Wenn ich Bergläufe mache, komme ich im Ziel an und bin wirklich erschöpft. Bei flachen Läufen komme ich im Ziel an und habe nach fünf Minuten das Gefühl, ich könnte wieder weiterlaufen. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich mich am Berg besser pushen kann und mich ans Limit bringe.

Wie sieht dein Trainingsplan aus?

Ich trainiere meistens nach keinem Trainingsplan. Ich hatte nur einen für den Jungfrau-Marathon 2025 und Zürich-Marathon 2026. Sonst laufe ich nach Gefühl und worauf ich gerade Lust habe. Dabei halte ich aber schon im Hinterkopf, welche Art von Training als nächstes anstehen sollte. Da ich im Sommer sowieso viel in den Bergen unterwegs bin, wird es mir an Höhenmetern nicht fehlen. Spezifisch habe ich mich aber nicht auf den Inferno vorbereitet.

Gibt es noch andere sportliche Aktivitäten, ausser dem Lauftraining, die du zu deinem Trainingsplan dazu nimmst und welche Rolle spielen diese speziell für die Stabilität und Kraft, die man am Inferno-Halbmarathon braucht?

Ich mache regelmässig Krafttraining. Meistens Rumpfstabilität, aber auch Arme und Beine. Ausserdem gehe ich zweibis dreimal pro Woche schwimmen. Wenn es passt, gehe ich auch gerne mal auf das Rennrad. Diese Dinge mache ich gerade so, wenn sie passen, aber ich schaue schon, dass ich mindestens dreimal pro Woche auch noch Krafttraining mache. Dann mache ich es auch mal am Abend spät, wenn es sonst nicht reicht.

Vom Zürich-Marathon auf der Strasse (wo du den Rekord in der U20-Kategorie hältst) zum extremen Berglauf: Wo musst du deine Lauftechnik und deine körperliche «Steuerung» am stärksten anpassen?

Bei einem flachen Wettkampf muss man von Anfang an sein Tempo durchziehen bis zum Schluss. Da zählt jede Sekunde. Es braucht aus meiner Sicht viel mehr mentale Ausdauer als ein Berglauf. Bei einem Berglauf hingegen kommt man viel mehr ans körperliche Limit. Bei Bergläufen ist es besonders wichtig, sein eigenes Tempo zu gehen und am Anfang nicht zu schnell loszulaufen. Man braucht wirklich Selbstbeherrschung, um sich nicht von den anderen zu sehr mitziehen zu lassen. Denn wenn einem oben die Energie fehlt, büsst man sehr viel Zeit ein. Hingegen kann man sehr viel Zeit gutmachen, wenn man oben noch in einem zügigen Tempo marschieren kann.

Bei einem Rennen wie dem Inferno-Halbmarathon, der so viel Kraft und Durchhaltevermögen fordert: Gibt es bestimmte Gedankenmuster, Mantras oder Visualisierungen, die dir helfen, in den kritischen Momenten am steilsten Stück nicht aufzugeben?

Da ich meistens nicht allzu schnell loslaufe und ich genau weiss, wie ich es einteilen muss, habe ich selten eine Krise unterwegs. Wenn es aber der Fall ist, versuche ich, ein bisschen Tempo rauszunehmen und mich nicht zu stressen. Aus Erfahrung weiss ich, dass keine Krise bis zum Ende bleibt. Deshalb versuche ich einfach, gut auf mich zu hören und mein eigenes Tempo weiterzuziehen, bis es wieder besser geht. Und: Es gibt nur einen Weg: hoch – Umkehren ist für mich keine Option. Lieber langsam, dafür ankommen. Und mein Lieblingsspruch, den ich mir bei Krisen in meinem Kopf abrufe, ist: «If it’s easy, everyone would do it.» Und ich erinnere mich immer daran, weshalb ich das alles tue: für den Spass.

Mit 19 Jahren hast du bereits Rekorde aufgestellt, die viele erst Jahre später anstreben. Wie gehst du persönlich mit Erwartungen um, die nun von aussen an dich herangetragen werden (oder die du dir vielleicht auch selber stellst), und wer oder was dient dir dabei als Vorbild oder Anker?

Ich versuche, mich nicht von anderen beeinflussen zu lassen. Am wichtigsten ist mir der Spass am Laufen und mich dabei gut zu fühlen. Die Siege und Rekorde, die ich bereits erzielt habe, sind für mich ein cooler «Side-Effect», der mir zeigt, dass sich mein Training auszahlt. Ich setze mir gerne Ziele, auch unrealistische, damit ich mich im Training mehr ans Limit pushe und ein Ziel habe. Aber wenn ich das Ziel mal nicht erreiche, ist das auch nicht so schlimm. Ein konkretes Vorbild habe ich nicht, aber ich habe Respekt vor allen, die im Leistungssport unterwegs sind und für ihre Ziele ans Limit gehen, egal auf welchem Niveau man läuft.

Abseits von Zeiten und Podestplätzen: Was muss passieren, damit du sagst: «Das war mein perfektes Rennen»?

Es beginnt bei mir schon in der Vorbereitung/im Training, wenn ich verletzungsfrei trainieren kann und mit einem guten Gefühl an den Start gehen kann. Am wichtigsten finde ich es, dass man es unterwegs geniessen kann, sich mit anderen Läufern unterhalten und sich gegenseitig pushen kann. Es ist mir sehr wichtig, unterwegs ein gutes Gefühl zu haben, aber trotzdem im Ziel anzukommen und festzustellen, dass man noch alles gegeben hat, egal ob jemand vornedran/hintendran war oder nicht. Meiner Meinung nach gibt es nichts Besseres, als mit Gänsehaut über die Ziellinie zu laufen, egal welche Zeit auf der Uhr steht und welchen Rang man erzielt hat.

Du arbeitest neben dem Hochleistungssport in einer Gelateria. Was gibt dir dieser Job, den dir das Laufen nicht geben kann? Und würdest du sagen, es ist dein persönlicher Ausgleich zur Strenge des Sports?

Ich liebe es, mich mit anderen Menschen auszutauschen und zu plaudern. Da ich aber meistens mit Läuferinnen und Läufern rede, sind die Gesprächsthemen sehr eintönig. Deshalb mag ich es, einen Job zu haben, bei dem es sich mal nicht um Sport handelt, um ein bisschen andere Perspektiven zu bekommen. Es gibt mir die Gelegenheit, den Kopf durchzulüften und die Gedanken weg vom Sport zu bringen. Du bist in Spiez aufgewachsen und lebst immer noch dort.

Wie prägt dich diese spezifische Umgebung am See und zwischen den Bergen als Mensch – abseits davon, dass sie dein Trainingsrevier ist? Gibt es einen Ort in Spiez, an dem du auftankst, wenn mal nichts läuft?

Ich liebe die Umgebung. Der schöne Blick auf den See und auf die Berge gibt den perfekten Kontrast zueinander. Ich liebe es, mit meiner Mutter und unserem Hund in den Wäldern spazieren zu gehen, das gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit. Am liebsten bin ich am See am Strandweg zum Spazieren oder sitze auf einer Bank zum Nachdenken und um die Sicht zu geniessen.

Was hat dich am Laufsport angezogen?

Ich bin schon, seit ich denken kann, sehr aktiv gewesen. Es gab mir ein Gefühl von Freiheit. Ich liebe es, mich zu bewegen und meine Grenzen auszutesten. Laufsport ist einfach, man braucht nur ein Paar Schuhe und kann loslaufen. Genau das mag ich am liebsten. Kein grosser Aufwand, bevor man losgehen kann. Und man kann bei jeder Kreuzung spontan entscheiden, welchen Weg man nehmen möchte. Auch von meinen Eltern habe ich abgeschaut. In der ersten Klasse ging ich mich bei meiner Nachbarin beschweren, dass meine Mutter immer nur mit ihrer Kollegin auf den Niesen geht und mich nie mitnimmt. Und weil mein Vater oft den Jungfrau-Marathon machte, ging ich bereits im Lauftreff für Kinder reklamieren, dass meine Eltern mir verbieten, den Jungfrau-Marathon vor 18 Jahren zu machen (ich war damals zehn Jahre alt). Somit lief ich mit knapp 18 Jahren den JungfrauMarathon.

Wie wichtig ist dir der Kreis von Freundinnen und Freunden, die nichts mit dem Laufsport zu tun haben, und was unternimmst du am liebsten, wenn du die Laufschuhe für ein Wochenende ganz in die Ecke stellst?

Tatsächlich gibt es bei mir kein Wochenende ohne Laufschuhe. Ich versuche jeweils, meine Freunde zu überzeugen, gemütlich eine Runde Laufen oder Radfahren zu gehen. Ich verbinde das allerdings gerne mit einem Besuch einer Eisdiele, damit man sich gut unterhalten kann. Ansonsten gehe ich gerne mit Freunden ins Kino oder an den See. Ich versuche allerdings, mehr Aktivitäten zu integrieren, welche nichts mit Sport zu tun haben, auch wenn ich da oftmals auf keine guten Ideen komme …

Jeder Mensch kennt Tage, an denen nichts gelingt – ob im Beruf oder privat. Wie gehst du mit Rückschlägen und mit Momenten um, in denen Zweifel hochkommen, ob der eingeschlagene Weg für dich der richtige ist?

Ich versuche, nach vorne zu schauen und das Positive zu sehen. Ausserdem visualisiere ich mir gerne die Rückschläge, die ich bereits hatte, und wie ich diese bewältigt habe. Das gibt mir Motivation, weiterzumachen. Nach jedem Tief kommt ein Hoch. Zweifel hatte ich noch nie wirklich, ich vertraue mir und meinem Weg. Den Sport möchte ich nicht als Berufung bezeichnen, sondern als Abwechslung zum Alltag, sonst gibt es zu viel Druck und so vergeht nur der Spass am Ganzen.

Wenn du der neunjährigen Nadin einen Rat mit auf den Weg geben könntest – welcher wäre das?

Schaue auf dich und mache das, was dir Spass macht. Mach dir selbst nicht zu viel Druck und glaub an die Ziele, die du dir setzt. Egal ob im Sport, in der Schule oder sonst. Ich würde ausserdem sagen, ich solle meinen eigenen Weg gehen, egal was die anderen sagen.

Gibt es eine Person – im Sport oder im privaten Umfeld – die dich in deiner Einstellung zum Sport oder auch generell zum Leben besonders geprägt hat? Was ist die wichtigste Lektion, die du von ihr gelernt hast?

Eine spezifische Person gibt es nicht. Sicherlich waren meine Eltern gute Vorbilder, die zeigten, wie Sport Freude machen kann. Von ihnen habe ich viele gute Tipps bekommen und sie halfen mir, den Start in die Laufwelt gut zu bewältigen. Im Herbst 2023 ging ich das erste Mal in den Lauftreff Spiez ins Intervalltraining. Dort lernte ich viele erfahrene Läufer kennen, von denen ich sehr viel lernen konnte. Ich bevorzuge es, von ganz vielen verschiedenen Läufern Meinungen und Tipps zu erhalten, da es nie nur «den einen richtigen Weg» gibt. So kann ich für mich selbst herausfinden, was für mich am besten passt.

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