Auf dem Rütli schworen Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal einander Beistand. Es ist der legendäre Bund, der den Aufstand gegen die habsburgischen Vögte und den Burgenbruch auslöste.
KULTUR Die Tellspiele 2026 leben von ihren grossen Bildern und von den Menschen, die diese Welt mit Leben füllen. Zwei von ihnen stammen aus Aeschi: Bernhard Keller und Arno Kratzer, Manuela Spack ist aus Reichenbach und Patrick Suter aus Frutigen. Vier Persönlichkeiten in völlig unterschiedlichen Rollen. Und doch verbindet sie dieselbe Leidenschaft für das Spiel, die Gemeinschaft und die Kraft dieser traditionsreichen Bühne. Rund 70 Personen und 15 Pferde stehen dieses Jahr im Rampenlicht. Die Premiere war am 25. Juli, die Dernière ist am 5. September.
Der Morgen über Uri ist kalt, die Frauen arbeiten hart. In dieser ersten Szene tritt Mechthild auf, gespielt von Manuela Spack. Ihre ruhige Präsenz verändert den Raum. Sie spricht leise, aber mit einer Wärme, die trägt. Für Spack ist es der erste Auftritt bei den Tellspielen, doch sie wirkt, als wäre sie schon lange Teil dieser grossen Theaterfamilie. Mechthild, eine Figur, die im Hintergrund wirkt, den Landadel vertritt und versucht, Rudenz wieder zu erden. Still, aber wichtig, wie Manuela Spack sagt. Ihr Weg zu den Tellspielen begann mit einem Besuch der Produktion Robin Hood, einem Geschenk ihres Sohnes Jan. Die Atmosphäre packte sie sofort. Sie bewarb sich, lernte Text, stellte sich dem Casting und erhielt die Zusage. Seit Januar steht sie regelmässig im Areal, zu Arno Kratzer spielt Ulrich Rudenz und Hermann Gessler. Bernhard Keller spielt Friesshard und Fronvogt. erst im Schnee, später in der Hitze. Besonders spannend findet sie die Doppelrollen. Mal steht sie als Mechthild im Fokus, mal unterstützt sie als Teil des Volkes das Geschehen. Im echten Leben arbeitet sie als Bauinspektorin, auf der Bühne findet sie einen Ort, an dem sie einfach sein darf, wie sie ist.
Bernhard Keller und die starke Präsenz
Bernhard Keller ist ein bekanntes Gesicht auf der Tellbühne. Auch dieses Jahr verkörpert er Friesshard und den Fronvogt. Zwei Figuren, die das Publikum als streng und furchteinflössend erlebt. «Beide sind eigentlich böse», sagt er schmunzelnd. Im richtigen Leben sei er das nicht. Keller spielte bereits 2022 und 2023 mit, kehrte nun mit Freude zum klassischen Tell zurück. Besonders fasziniert ihn die Szene mit dem Hut, den niemand grüssen will. Frauen lachen die Obrigkeit aus, das Volk widersetzt sich, und Keller muss ernst bleiben. Er kennt das Areal, die Abläufe und die Wege hinter der Bühne. Für neue Spielerinnen und Spieler ist er ein ruhiger Orientierungspunkt. Seine Einsätze sind zahlreich. Friesshard, Fronvogt, danach umziehen, dann im Reisigen wieder auf der Bühne. Flexibilität gehört dazu. Vom neuen Regisseur Urs Häberli spricht er mit Respekt. Er sei ein Profi, der es perfekt haben wolle. Die Nervosität vor dem ersten Satz kenne er bis heute, doch sobald er spreche, laufe alles wie von selbst. Abseits der Bühne ist Keller viel unterwegs, auf dem Rennrad, in der Loipe oder auf Wanderwegen.
Arno Kratzer und die Kunst des Wandels
Arno Kratzer verkörpert in diesem Jahr zwei zentrale Figuren: den tyrannischen Gessler und den innerlich zerrissenen Rudenz. Zwei Gegensätze, die er mit beeindruckender Klarheit trennt. Er assoziiere die Figuren stark über das Kostüm, sagt er. Sobald er Gessler trage, sei er Gessler. Sobald er Rudenz trage, sei er Rudenz. Gessler spielt er mit voller Wucht. Sadismus, Machtgier, psychotische Züge – alles, was das Publikum gegen ihn aufbringt. Niemand solle am Schluss für den Gessler sein. Inspiration holt er sich unter anderem bei den Filmen von Christoph Waltz. Rudenz hingegen ist für ihn ein junger Mann, der gefallen will, der sich verirrt hat und erst durch Berta erkennt, was wirklich zählt. Die Waldszene ist für Kratzer der Wendepunkt. Dort merkt Rudenz, dass sein Ziel nicht Macht ist, sondern Liebe. Auch Improvisation gehört für ihn dazu. Bei so vielen Sprechrollen könne immer etwas passieren. Dann müsse man bereit sein, die Szene elegant weiterzuführen. Vor jedem Auftritt ist er kurz nervös, etwa vierzig Sekunden lang. Warum man die Tellspiele dieses Jahr sehen sollte? Weil wieder Tell gespielt wird. Das sei der Beweis, dass Tell nie gestorben ist.
Patrick Suter zwischen Baumgarten und Leuthold
Konrad Baumgarten und Leuthold gehören zu den markanten Figuren der diesjährigen Tellspiele. Gespielt werden beide von Patrick Suter. Baumgarten wurde ihm aufgrund seiner gewünschten Rollengrösse zugeteilt. Weil es dieses Jahr weniger männliche Darsteller gibt, wurde er später zusätzlich angefragt, auch Leuthold zu übernehmen. Viele Mitwirkende tragen deshalb mehr als eine Rolle. Die beiden Figuren könnten für ihn unterschiedlicher kaum sein. Einen persönlichen Bezug sieht er zu keiner davon. «Gerade diese Distanz mache den Reiz aus», sagt er. Seit 2022 steht er in Interlaken auf der Bühne und erlebt die aktuelle Produktion als eine Rückkehr zum klassischen Tell, jedoch geprägt von der Handschrift des Regisseurs Häberli. Bewährtes verbindet sich mit neuen Ideen und frischen Akzenten. Besonders freut ihn, dass seine Töchter Alessia und Mia erneut mitspielen. Es sei schön, ein gemeinsames Hobby zu teilen und die Probenzeit miteinander zu erleben.
Drei Facetten einer Bühne
Was Spack, Keller, Kratzer und Suter verbindet, ist die Freude am Spiel, die Hingabe an ihre Rollen und die Liebe zu diesem einzigartigen Freilichttheater. Sie stehen für drei Facetten der Tellspiele: die stille Kraft, die starke Präsenz und die Kunst des Wandels. Und genau deshalb lohnt sich ein Besuch in diesem Jahr ganz besonders.



