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Vom Torhüter zum Triathleten

Der Alltag von Matthias Bärtschi erfordert eine gute Organisation und Koordination. In Vorbereitung auf den Inferno Triathlon pendelt er zwischen Nachtschicht, Training und Privatleben. Von dieser Herausforderung, seiner Liebe zum Sport und davon, dass die Grenzen oft mehr im Kopf als im Körper liegen, erzählt der 28-jährige Frutiger im Interview.

Du kommst aus Frutigen, einer Region, die für Bergsportler wie gemacht scheint. Was war der konkrete Auslöser, der dich vom «normalen» Sport zum extremen Ausdauertriathlon gebracht hat, und warum gerade der Inferno als deine persönliche Herausforderung?

Ich habe 18 Jahre lang als Torhüter Fussball gespielt. Irgendwann habe ich eine Veränderung gebraucht und mir ein neues sportliches Ziel gesetzt. Mein erstes Radrennen war ehrlich gesagt nicht besonders erfolgreich – ich wurde fast Letzter. Das hat mich aber motiviert, mehr aus mir herauszuholen. So habe ich mit Rennradfahren und Laufen begonnen. Schwimmen kam vor rund drei Jahren dazu und so bin ich schliesslich zum Triathlon gekommen. Der Inferno hat mich sofort gereizt, weil ich die Berge und Höhenmeter liebe. Mich fasziniert, dass man diesen Wettkampf nur mit Disziplin und konsequentem Training schaffen kann. Genau das ist mein grosses Saisonziel.

Du startest in diesem Jahr zum zweiten Mal am Inferno Triathlon ab Thun. Was, würdest du sagen, war im Nachhinein beim ersten Mal die grösste Überraschung oder auch die grösste Lektion, und wie hat sich deine Herangehensweise für dieses Jahr verändert?

Beim ersten Inferno habe ich gelernt, dass die Grenzen oft mehr im Kopf als im Körper liegen. Ausserdem habe ich gemerkt, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist – nicht nur das Training, sondern auch Ernährung, ein schonender Umgang mit den eigenen Energieressourcen und die Renneinteilung. Dieses Jahr gehe ich alles Schritt für Schritt an und setze mir während des Rennens kleine Etappenziele, statt nur das grosse Ziel im Kopf zu haben. Ein weiterer Unterschied ist, dass ich mir mit Hans-Jörg Stolz einen professionellen Coach geholt habe. Früher habe ich mich im Training oft selbst an die Wand gefahren. Jetzt trainiere ich strukturierter und komme deutlich besser vorbereitet an die Startlinie.

Der Inferno Triathlon gilt als einer der härtesten der Welt. Was ist es genau an dieser Mischung aus eisigem See, langer Radstrecke und dem brutalen Aufstieg zum Schilthorn, das dich immer wieder dorthin zieht?

Für mich ist der Inferno einfach einzigartig. Ich liebe es, mich von A nach B vorzukämpfen und nicht ständig Runden zu drehen. Dazu kommen die atemberaubenden Landschaften. Natürlich gehört auch das Leiden dazu. In jeder Disziplin gibt es Hochs und Tiefs, aber ich weiss, dass jede schwierige Phase auch wieder vorbeigeht. Genau das macht den Reiz aus. Die Radstrecke, die Bikestrecke, die Seeüberquerung und zum Schluss das Dessert mit dem Aufstieg aufs Schilthorn – für mich gibt es kaum einen schöneren Triathlon.

Du hast erwähnt, dass du in Nachtschichten arbeitest. Kannst du kurz erzählen, was du genau beruflich machst und warum du dich für dieses Arbeitsmodell entschieden hast? Ist es eine bewusste Wahl für mehr Freiheit am Tag oder eine berufliche Notwendigkeit?

Ich arbeite als Gleisbauer bei der BLS und bin in der Nachtschicht tätig. Für viele ist das eine zusätzliche Belastung, für mich ist es aber auch eine mentale Herausforderung. Nach einer langen Nacht noch konzentriert zu bleiben und trotzdem Leistung zu bringen, stärkt mich auch für den Sport. Gerade bei einem Wettkampf wie dem Inferno, wenn es am Schluss aufs Schilthorn geht, kann diese mentale Stärke Gold wert sein. Natürlich leidet die Regeneration manchmal darunter, aber ich glaube, am Ende kommt es auch auf das richtige Mindset an und darauf, wie man mit dieser Herausforderung umgeht.

Wenn wir von Nachtschichten sprechen – wie geht es deinem Biorhythmus? Und bist du eher eine «Lerche» oder eine «Eule»?

Ich würde sagen, ich kann beides – Frühaufsteher und Nachtmensch. Für mich ist vieles eine Einstellungssache. Momentan komme ich mit den Nachtschichten richtig gut klar und schlafe während dieser Phase sogar mehr als sonst. Klar ist die Schlafqualität nicht immer gleich gut, aber mein Körper gewöhnt sich relativ schnell daran. Ich versuche einfach, das Beste daraus zu machen und meinen Alltag entsprechend anzupassen.

Wie sieht ein konkreter 24-Stunden-Tag von dir aus, wenn eine Nachtschicht ansteht? Wie organisierst du dein Training – schwimmst, radelst und läufst du vor der Arbeit, danach und musst du manchmal auch Schlaf opfern?

Während der Nachtschicht stehe ich meistens gegen 13 Uhr auf. Dann esse ich etwas Leichtes mit vielen Kohlenhydraten und gehe trainieren, damit ich bis etwa 17.30 Uhr fertig bin und mich auf die Arbeit vorbereiten kann. Ich versuche, den Trainingsplan meines Coaches so gut wie möglich umzusetzen – egal, welche Einheit ansteht. Natürlich gibt es Tage, an denen zwei Trainingseinheiten sehr fordernd sind und viel Energie kosten. Dann schwimme ich vielleicht statt 3000 nur 2 500 Meter. Mir ist aber wichtig, immer mein Bestes zu geben und konsequent dranzubleiben. Das ist für mich das Entscheidende.

Schlaf ist für Triathleten essenziell zur Regeneration. Wie gehst du mit den Phasen um, in denen der Schlaf durch die Nachtschicht fragmentiert ist? Hast du spezielle Strategien entwickelt, um deinem Körper trotzdem die Erholung zu geben, die er braucht?

Trotz der Nachtschichten versuche ich, auf sieben bis acht Stunden Schlaf zu kommen. Ausserdem achte ich auf eine gute Ernährung, weil sie für die Regeneration genauso wichtig ist wie der Schlaf. Natürlich gibt es Tage, an denen ich bei harten Einheiten merke, dass die Energie fehlt. Dann versuche ich trotzdem, das Beste daraus zu machen. Ehrlich gesagt ist mein Ego manchmal meine grösste Schwäche – ich möchte oft mehr erzwingen, als meinem Körper guttut. Zum Glück kennt mich mein Coach mittlerweile gut und gibt mir Feedback, wenn ich einen Gang zurückschalten sollte. Auch Dehnen und die Blackroll gehören für mich zur Regeneration. Manchmal vernachlässige ich das, merke es jedoch sofort und weiss dann wieder, wie wichtig diese kleinen Dinge sind.

Wenn du nach einer langen Nachtschicht nach Hause kommst und das Training noch vor dir liegt: Was ist in solchen Momenten deine grösste mentale Hürde, und wie überwindest du den inneren Schweinehund?

Ich versuche gar nicht erst, mit meinem Kopf zu diskutieren. Sobald ich anfange, Ausreden zu suchen, wird es nur schwieZwischen der Arbeit als Gleisbauer und dem eigenen Privatleben will das Training gut organisiert sein, meistens trainiert Bärtschi vor der Nachtschicht. riger. Ich ziehe mich einfach um und lege los. Dabei denke ich immer daran, warum ich das mache und welches Ziel ich vor Augen habe. Wenn ich meinen Fokus auf den Inferno richte, fällt es mir eigentlich gar nicht mehr so schwer, den inneren Schweinehund zu überwinden.

Ein Leben als Triathlet bedeutet oft, gegen den gesellschaftlichen Takt zu leben, der Alltag schaut oft anders aus und die Freizeitgestaltung ebenso. Ich kann mir vorstellen, dass sich dies, je nach Beruf, noch stärker zeigt – eben zum Beispiel durch Schichtarbeit. Würdest du sagen, dein Leben als Triathlet beeinflusst dein Privatleben und deine sozialen Kontakte und wenn ja, inwiefern?

Es ist ehrlich gesagt schwieriger, als ich anfangs gedacht habe. Mit einem 100Prozent-Job und 12 bis 15 Trainingsstunden pro Woche bleibt nicht immer viel Zeit. Umso dankbarer bin ich, dass ich ein tolles Umfeld habe. Meine Familie, meine Freunde und meine Partnerin stehen hinter mir und zeigen viel Verständnis. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass der Sport nicht alles bestimmt. Deshalb versuche ich, meine langen Trainings am Wochenende möglichst früh zu machen, damit ich danach noch Zeit für die Menschen habe, die mir wichtig sind. Der Inferno Triathlon beinhaltet mit dem Aufstieg aufs Schilthorn eine Komponente, die es so kaum woanders gibt. Wie sieht dein spezifisches Training für diesen Berglauf-Teil aus?

Für den Schlussaufstieg aufs Schilthorn trainiere ich sehr gezielt. Ich habe dieses Jahr Rennen wie den Blüemlisalp-Lauf und den Stockhorn-Halbmarathon absolviert und konnte bei beiden in meiner Altersklasse aufs Podest laufen. Das hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Im Training stehen ausserdem viele Bergintervalle in Zone 4 auf dem Programm. Mehrmals fahre ich mit dem Bike aufs Steinschlaghorn und gehe danach zügig weiter bis zum Gipfel. Mir ist wichtig, den Körper daran zu gewöhnen, nach einer langen Belastung nochmals alles geben zu müssen – genau das erwartet einen am Schilthorn. Gibt es ein spezielles Ausrüstungsdetail oder eine taktische Entscheidung, die du für dieses Jahr im Vergleich zu deiner ersten Teilnahme geändert hast, basierend auf den Erfahrungen, die du damals gemacht hast?

Für dieses Jahr habe ich einiges angepasst. Ich habe mich bei den Laufschuhen nochmals verbessert und vor allem meine Rennstrategie überarbeitet. Mit meinem Coach haben wir die Ernährung und die Einteilung der eigenen Kräfte viel genauer geplant, damit ich nicht einfach drauflos starte. Ich möchte dieses Jahr fokussierter und mit einem klaren Plan an der Startlinie stehen. Ich glaube, gerade bei einem Rennen wie dem Inferno entscheiden oft die Details über einen guten Wettkampf.

Wie sehr prägt dich deine Heimat Frutigen und das Leben im Tal als Mensch? Gibt es einen bestimmten Ort dort, an dem du Kraft tankst, wenn das Training und die Arbeit dich fordern?

Frutigen ist meine Heimat und hat mich stark geprägt. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit und war schon als kleiner Junge immer draussen und sportlich unterwegs. Am meisten Kraft tanke ich in den Bergen. Orte wie die Elsigenalp oder das Steinschlaghorn geben mir Ruhe und gleichzeitig neue Energie. Dort kann ich abschalten und den Kopf wieder frei bekommen.

Wenn man dich nicht als Triathleten fragt: Wer ist Matthias Bärtschi? Was sind deine Leidenschaften oder Interessen, die nichts mit Sport und Leistung zu tun haben?

Ich würde mich als sehr sozialen, empathischen und offenen Menschen beschreiben. Ich bin eigentlich immer für einen Spass zu haben und lache gerne. Gleichzeitig versuche ich jedem Menschen offen zu begegnen, weil jeder seine eigene Geschichte mitbringt. Das ist mir im Leben genauso wichtig wie der Sport. Gibt es eine Person – im Sport oder im privaten Umfeld –, die dich in deiner Einstellung zum Sport oder auch generell zum Leben besonders geprägt hat? Was ist die wichtigste Lektion, die du von ihr gelernt hast?

David Goggins hat mich mit seinem Buch sehr beeindruckt. In vielen Gedanken und Situationen habe ich mich selbst wiedererkannt. Er hat mir gezeigt, dass oft viel mehr möglich ist, als man selbst glaubt. Gleichzeitig hat mich mein Cousin mit seiner Erfahrung im Ausdauersport stark geprägt und mir viele wertvolle Tipps mitgegeben. Und natürlich spielt auch meine Familie eine grosse Rolle. Sie steht immer hinter mir und gibt mir den Rückhalt, den ich brauche, um meinen Weg zu gehen.

Nach dem Inferno 2026: Was sind deine persönlichen Ziele für die Zukunft? Siehst du dich langfristig in diesem extremen Segment des Triathlons, oder ist der Inferno dein persönliches Meisterstück?

Im Moment habe ich mich noch nicht definitiv entschieden. Mein voller Fokus liegt zuerst auf dem Inferno, weil ich dieses Rennen so gut wie möglich erleben möchte. Danach werde ich entscheiden, wie es weitergeht. Ein Ironman in Thun könnte mich auf jeden Fall reizen. Dort würde ich mir auch ein konkretes Zeitziel setzen. Gleichzeitig kann es aber auch sein, dass der Inferno genau mein Rennen ist und ich dort noch weitere Ziele verfolge. Im Moment lasse ich mir diese Entscheidung bewusst offen.

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