ZUR PERSON Svend Peternell liest breit und schreibt gerne über das Gelesene, aber auch über Theater und klassische Musik. Während 36 Jahren war er Redaktor beim Berner Oberländer und in dieser Zeit für die (gesundheits-)politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen im Oberland West zuständig. Noch bis Ende Jahr und zur Pensionierung arbeitet er bei Tamedia in Bern als Print-Produzent und Layouter für fünf Zeitungstitel.
Seit 10 Jahren ist er mit seiner Frau Hanni Meinen Inhaber der Bücherperron GmbH und regelmässig in der Buchhandlung in Spiez anzutreffen. Eigentlich weiss die ganze Welt, wer Sherezade White ist. Auf den Social-Media-Kanälen ihrer Eltern findet man nämlich nicht nur alle Happy-FamilyMomente, sondern auch ihr ganzes Privatleben. Ihre stolzen Adoptiveltern schrecken vor nichts zurück, schon gar nicht, wenn es darum geht, den Followern möglichst viel Unterhaltung zu bieten. Egal, ob sie an einer Marshmallow Challenge fast erstickt oder ob ihre erste Periode öffentlich gemacht wird, alles muss Sherry von klein auf über sich ergehen lassen. Weil Sherry dies einfach nicht mehr länger aushalten kann, tut sie etwas, was sie wohl lieber hätte lassen sollen. Und genau darum steht sie nun vor dem grossen Gebäude, von dem sie sich nicht sicher ist, ob es ein Gefängnis, ein Bauernhof oder ein Schloss sein soll.
Alles, was sie über diesen Ort weiss, ist, dass es ein einmaliges Glück sein soll, dass sie überhaupt hier sein darf. Weit weg von ihrer Familie und der Zivilisation nimmt Sherry an einem Programm für straffällige Jugendliche teil. Begrüsst wird sie von Constanza, der Leiterin, die anscheinend sehr wählerisch ist, was die Aufnahme von Jugendlichen betrifft. Normalerweise nimmt sie nämlich nur vier Jugendliche auf, aber Sherrys Fall ist so speziell, dass sie eine Ausnahme macht und Sherry, auch vier Monate zu spät, noch aufnimmt. Obwohl die anderen aus der Gruppe alles geben, um Sherry so gut wie möglich aufzunehmen, und sie das Grüppchen auch mag, hat sie nichts weiter als ihre Flucht im Kopf. Schon in der ersten Woche seilt sie sich nachts mit Bettlaken durch das Fenster ab. Doch blöderweise sieht Paco, ein Junge in ihrem Alter, sie, und ihr bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich zu erklären. Wird er sie vor ihrer Flucht abhalten können? Oder wird er mitgehen? Nur wer den Roman gelesen hat, kann es wissen. Aber eines ist klar: Sherry ist von diesem Moment an nicht mehr allein. Endlich findet sie wahre Freunde. Solche, die sie dabei unterstützen, zu sich selbst zu finden. Und mit ein bisschen Glück findet sie nicht nur wahre Freunde, sondern auch die grosse Liebe …
Das Buch der deutsch-palästinensischen Autorin Basma Hallak ist der Hammer, weil es einen in eine völlig andere Lebenssituation versetzt und zum Nachdenken anregt. Ich habe das Buch in einem Zug durchgelesen und musste es danach sofort meiner Schwester in die Hände drücken. Es zeigt auf, was für Leid angerichtet werden kann, wenn Eltern ihre Kinder für ein gutes Image benutzen. Auch überlegt man nach dem Lesen des Romans einmal mehr, welchen Familien man auf Social Media folgt und aus welchen Gründen. Ausserdem hat es mich fasziniert, zu sehen, mit welchen Glaubenssätzen Sherry zu kämpfen hat und wie diese sie ausbremsen. Da finden sich viele junge Menschen, einschliesslich mir, in ihr wieder. Die tiefen Freundschaften, die herzliche Liebe und der idyllische Handlungsort, mit dem schönen Strand, fügten «Unfollow me» das Pünktchen auf dem i hinzu. Ich lese nicht oft Bücher ein zweites Mal, aber bei diesem werde ich das definitiv tun. Besonders empfehle ich das Buch jungen Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, die gerne tiefgründige und berührende Liebesgeschichten mögen (ohne Spice) und mal wieder einen Pageturner nötig haben.



