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Wie Wilhelm Teuschers Vision Frutigen vernetzte

GESCHICHTE Vor 125 Jahren kuppelte die erste Dampfbahn der Spiez-Frutigen-Bahn das Kandertal an das schweizerische Schienennetz. Zwei Visionäre hatten sich zugunsten dieser Strecke und gegen ein Konkurrenzprojekt eingesetzt.

«Soeben kommt uns von Spiez her die Kunde, dass im Laufe der vergangenen Nacht der Durchschlag des Hondrich zur Tatsache geworden ist und dass die von den beiden Seiten vordringenden Arbeiter einander ungefähr in der Mitte der Längsachse des Tunnels die Hand reichen konnten», berichtete «Der Bund» im Januar 1901 über das Ereignis. Seit anderthalb Jahren hatten die braunen Söhne des Südens in unermüdlicher, Tag und Nacht andauernder, harter Arbeit, «tief unter der Erde», das Werk gefördert. Die mentale und physische Anstrengung der Arbeiter war im Rahmen des erwarteten Arbeitsergebnises. Ganz anders verhält es sich aber vom verkehrsgeschichtlichen und verkehrspolitischen Standpunkt aus. Die Linie Spiez– Frutigen ist das erste Teilstück der Lötschbergbahn, also gewissermassen ein Stück realisierte grosse bernische, neuzeitliche Eisenbahnpolitik, deren weiterer Verlauf und Ausbau für unser engeres und weiteres Vaterland von ganz hervorragender wirtschaftlicher Bedeutung sein wird.

Projekt erstaunte die Öffentlichkeit

Der Hondrichdurchstich war der erste vollendete Tunnel an der geplanten Linie Lötschberg-Simplon. Zwei Männer hatten sich unermüdlich für dieses Projekt eingesetzt. Es waren dies Nationalrat Arnold Gottlieb Bühler aus Frutigen, ein führender Bahnund Bauernpolitiker, der sich für die Anliegen aller Wirtschaftsgruppen des Berner Oberlandes stark gemacht hatte. Er förderte die Vision des Oberrichters Wilhelm Teuscher. Dieser hat bereits in seiner Zeit als Nationalrat ganz im Stillen die Frage eines Durchstiches durch die Berner Alpen studiert. Grosses Aufsehen erregte der Simmentaler, als er mit seinem Lötschberg-Projekt erstmals an die Öffentlichkeit trat. Er verteidigte diese BLS-Linienführung erfolgreich gegen eine Reihe anderer Projekte wie etwa einer Wildstrubelbahn von Zweisimmen nach Raron. Die neu gegründete SpiezAlt-Regierungsrat und Oberrichter Wilhelm Teuscher ist der «Vater der Lötschbergbahn». Der Simmentaler starb jedoch vor der Vollendung nach langer Krankheit im Alter von 69 Jahren. Der 1855 in Brienz geborene Arnold Gottlieb Bühler war Politiker und Initiant von Projekten wie der Thunerseeund Niesenbahn. Zudem war er Mitbegründer der Kraftwerke Oberhasli und der BKW. Frutigen-Bahn (SFB) erhielt am 27. Juni 1890 von der Bundesversammlung die Konzession. Diese war an zwei Bedingungen geknüpft. Erstens musste in einem weiteren Schritt der Ausbau der Strecke via Lötschberg und Simplon in den Süden erfolgen, und die SFB danach in die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) aufgehen. Am 24. Juli 1901 fand die feierliche Eröffnung der Eisenbahnstrecke von Spiez nach Frutigen statt und die SFB ging sechs Jahre später, wie vereinbart, in den Besitz der BLS über. In den 1980er-Jahren wurde neben und teils in der alten Tunnelröhre der neue Hondrichtunnel erbaut. Heute spricht man deshalb von Hondrich I und Hondrich II.

Variante D gewählt

Um die Bedingung der Eisenbahnlinie ins Wallis zu erfüllen, plante Wilhelm Teuscher einen Tunnel, der das Kandertal mit dem Wallis verbinden sollte. Unter seiner Leitung wurden mehrere Varianten geprüft. Eine davon war ein Scheiteltunnel im Gasterntal sowie zwei Tunnelverbindungen vom Kanderplateau ins Lötschental mit gradliniger Führung unter dem Balmhornmassiv. Schlussendlich entschied man sich für die Variante D: den Tunnel von Kandersteg nach Goppenstein. Zunächst war ein einspuriger Tunnel mit einer Ausweichstelle in der Mitte für Zugkreuzungen vorgesehen. Bereits im Herbst 1906 erfolgten die Arbeiten mit dem Abtragen von Bergschutt vor dem künftigen Nordportal. Ein Jahr danach wurden die Bundessubventionen für den Doppelspurausbau des Tunnels genehmigt. Ein besonderer Moment war der 31. März 1911, als sich die beiden Ingenieure sowie die Mineure in der Mitte des Tunnels die Hände reichen konnten. Die Abweichungen von beiden Seiten betrugen bei einer Tunnelgesamtlänge von 14,6 Kilometer in der Höhe 10 Zentimeter, in der Horizontalen 25 Zentimeter. Am 15. Juli 1913 wurde die Lötschberglinie dem öffentlichen Verkehr übergeben. Dieses historische Ereignis der Schweizer Eisenbahngeschichte erlebte Wilhelm Teuscher nicht mehr. Er verstarb am 12. März 1903 in Därstetten. Die BLS hat Anfang 2024 grünes Licht erhalten, den neuen Basistunnel auf zwei Röhren auszubauen – der aktuelle Tunnel hat nur auf rund einem Drittel zwei befahrbare Röhren.

Hans Heimann
Hans Heimann
Für seinen ersten Zeitungsartikel über einen Sportanlass wurde Hans Heimann vom Lehrer getadelt. Dieser gab ihm nachdrücklich zu verstehen, dass dies ausschliesslich Sache der Lehrerschaft sei. Seinen zweiten Artikel schrieb er rund dreissig Jahre später. Der gefiel dem Chefredaktor des "Berner Oberländer" so gut, dass er nebenberuflich als Freier Mitarbeiter startete. 2018 klopfte auch der "Frutigländer" an und seitdem schreibt er auch für diese Zeitung und weitere Zeitungstitel mehrheitlich über Geschichte und Persönlichkeiten. Für Recherchezwecke stöbert der gebürtige Simmentaler nicht nur in Archiven, sondern geht mit offenen Augen durch die Welt und findet auch oft auf Reisen interessante Themen.

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