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Künstliche Intelligenz im Einsatz

Die Autorin trug die «Kamera» nicht um den Hals, stellte kein Stativ auf und musste nirgends den Auslöser drücken. Stattdessen sass sie für ihren Selbstversuch vor dem Computer und schrieb Texte, sogenannte «Prompts». Innerhalb weniger Sekunden entstanden daraus Landschaften, die täuschend echt wirkten bis hin zu völlig absurden Fantasiewelten.

Das Wort «Prompt» bezeichnet die Texteingabe, mit der einer künstlichen Intelligenz (KI) beschrieben wird, was sie erstellen soll. Für meinen Versuch nutzte ich die kostenpflichtige Version von ChatGPT. Der KI-Chatbot wurde Ende 2022 vom amerikanischen Unternehmen OpenAI veröffentlicht und machte generative künstliche Intelligenz weltweit bekannt.

Wie funktioniert KI?

Anders als eine Kamera speichert eine KI kein vorhandenes Motiv. Während ihres Trainings hat sie Milliarden von Bildern und Bildbeschreibungen analysiert. Dadurch kennt sie Muster: Sie weiss ungefähr, wie ein Fels aussieht, wie Wasser Licht reflektiert, wie Tannenwälder aufgebaut sind oder wie eine Kuh ausschaut. Aus all diesen Informationen berechnet sie anschliessend ein neues Bild. Deshalb ist ein KI-Bild nie eine Aufnahme eines echten Moments. Es ist vielmehr eine statistische Berechnung dessen, was aufgrund der Beschreibung wahrscheinlich gut zusammenpasst. Je präziser der Prompt formuliert ist, desto stärker lässt sich das Ergebnis beeinflussen. Trotzdem bleibt immer eine gewisse Unberechenbarkeit bestehen. Mal trifft die KI die Vorstellung erstaunlich genau, manchmal interpretiert sie einzelne Details völlig anders.

Mein Selbstversuch: Der Blausee wird immer skurriler

Für meinen Versuch wählte ich ein Motiv, das praktisch jede Person im Kandertal kennt: den Blausee. Gerade weil wir diesen Ort so gut kennen, fallen selbst kleine Fehler schnell auf. Mein Ziel war es deshalb, das gleiche Bild Schritt für Schritt immer weiter zu verändern. Zuerst möglichst realistisch, danach Schritt für Schritt immer surrealer. Folgend sind meine fünf Prompts aufgeführt, mit welchen die Bilder entstanden sind.

Prompt 1: Realität

«Erstelle ein fotorealistisches Landschaftsbild des Blausees im Kandergrund an einem sonnigen, warmen Sommertag. Das Wasser ist kristallklar und türkisfarben. Unter der Wasseroberfläche schwimmen Forellen. Im Hintergrund befinden sich dichter Tannenund Laubwald, moosbewachsene Felsen und natürliche Felsbrocken. Auf dem See fährt das bekannte rote Ruderboot mit einem stehenden Guide, der das Gefährt mit zwei Paddeln steuert. Mehrere Besucher sitzen auf dem Boot. Natürliche Farben, realistische Lichtstimmung und höchste Detailtreue. Querformat.» Das Ergebnis wirkte auf den ersten Blick erstaunlich überzeugend. Das Wasser hatte die typische türkisfarbene Färbung, die umliegenden Wälder wirkten glaubwürdig und auch das Ruderboot war sofort erkennbar. Erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass es sich eben doch nicht um den echten Blausee handelt. Die Landschaft erinnert stark an das Original, stimmt aber geografisch nicht überein.

Prompt 2: Subtile Veränderungen

«Verwende exakt dieselbe Kameraperspektive, denselben Bildausschnitt und dieselbe Lichtstimmung wie im ersten Bild. Der Blausee bleibt unverändert. Auf dem Ruderboot steht nun statt des Guides eine Kuh, die das Boot steuert. Alle übrigen Elemente bleiben gleich.» Auch diese Aufgabe meisterte die KI überraschend gut. Wer das Bild nur kurz betrachtet, bemerkt die Veränderung kaum. Erst beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass da plötzlich eine Kuh steht. Interessant war allerdings etwas anderes: Obwohl ich ausdrücklich dieselbe Lichtstimmung verlangte, veränderten sich Schatten und Farben leicht. Selbst nach mehreren Versuchen gelang es der KI nicht, zwei völlig identische Bilder zu erzeugen. Der Grund dafür ist folgender: Sie ersetzt nicht einzelne Bildteile, sondern berechnet jedes Bild vollständig neu. Schon kleinste Anderungen im Prompt führen deshalb dazu, dass auch andere Bereiche des Bildes leicht anders aussehen.

Prompt 3: Sehr offensichtlich fake

«Verwende auch hier die gleichen Bildeinstellungen wie in den zwei vorherigen Prompts. Rund um den Blausee sollen nun einige Kühe auf zwei Beinen stehen. Sie tragen Kameras um den Hals oder machen Selfies mit ihren Smartphones. Auf dem Ruderboot sitzen Kühe mit überkreuzten Beinen; lediglich zwei bis drei Menschen sind noch an Bord. Am Heck des Bootes steht eine Kuh und steuert es mit zwei Paddeln — ganz wie der Guide in den vorherigen Bildern. Einige Forellen unter der Wasseroberfläche besitzen Hände und essen mit Messer und Gabel Algen aus einem Teller. Alle übrigen Elemente bleiben unverändert.» Spätestens beim dritten Bild fällt sofort auf, dass etwas ganz und gar nicht stimmen kann. Besonders spannend war hier, dass ChatGPT die Anweisung, auf dem Ruderboot eine Kuh als Bootführer darzustellen, trotz mehrerer Versuche nicht zuverlässig umsetzte. Immer wieder wurde an dieser Stelle stattdessen eine menschliche Person platziert. Dieses Beispiel zeigt gut, dass sich selbst mit sehr präzisen Prompts nicht jedes Detail vollständig steuern lässt. Manche Elemente interpretiert die KI anders als gewünscht oder gewichtet sie weniger stark als andere.

Prompt 4: Fast märchenhaft

«Verwende exakt dieselbe Kameraperspektive und denselben Bildausschnitt wie vorher. Hunderte von Kühen bevölkern nun den Blausee. Einige machen Kopfund Handstände auf dem Ruderboot, andere klettern auf die Felsen oder stehen zwischen den Bäumen. Es sind keine Menschen mehr zu sehen. Unter Wasser feiern die Forellen ein riesiges Hochzeitsfest an langen Tafeln. Trotz der absurden Szene bleibt der Blausee eindeutig erkennbar und wirkt weiterhin fotorealistisch.» Den gewünschten Stilwechsel verstand KI sehr gut und setze dies in wenigen Minuten um. Gleichzeitig begann die KI jedoch, eigene Ideen einzubauen. Plötzlich tauchten beispielsweise Kühe mit Schwimmringen oder festlich geschmückte Kühe am Bildrand auf — Elemente, nach denen ich nie gefragt hatte. Auch das gehört zur Arbeitsweise solcher Modelle: Sie ergänzen häufig Details, die sie aufgrund ihres Trainings als passend oder wahrscheinlich einschätzen.

Prompt 5: Vollkommen surreal

«Verwende auch hier exakt dieselben Einstellungen wie in den vorliegenden Bildern. Das Wasser des Blausees schimmert nun in allen Regenbogenfarben. Kühe schweben durch den Himmel und sitzen gemeinsam mit den Forellen unter Wasser an einer festlich gedeckten Tafel. Hinter dem Blausee fliesst ein gewaltiger Wasserfall aus Milch in den See, aus dem junge Kälber trinken. Die gesamte Landschaft verwandelt sich in eine epische, humorvolle und vollkommen surreale Traumwelt.» Mit dem letzten Prompt verschwand schliesslich jede Verbindung zur Realität. Der Blausee war nur noch der Ausgangspunkt für eine völlig neue Fantasiewelt. Gerade dieses letzte Bild machte deutlich, wie leistungsfähig KI-Bildgeneratoren inzwischen geworden sind.

Wem gehört nun das KI-Bild?

Beim Urheberrecht wird es kompliziert. Bin ich die Urheberin, weil ich den Auftrag gegeben habe? Oder ist es die KI? Kann eine Maschine überhaupt Urheber sein? Nach Schweizer Verständnis ist für das Urheberrecht grundsätzlich menschliche Kreativität entscheidend. Ein Werk muss von einem Menschen geschaffen sein. Erstellt eine KI ein Bild weitgehend selbstständig, ist es nicht eindeutig, ob das Ergebnis überhaupt urheberrechtlich geschützt ist. Wenn der Mensch die KI aber sehr gezielt als Werkzeug nutzt, das Ergebnis auswählt, verändert und kreativ weiterbearbeitet, kann die menschliche Leistung stärker ins Gewicht fallen.

Kreativität auf Knopfdruck

Trotz aller Fragen hat KI auch viele spannende Seiten. Für meinen Versuch war sie zuerst einmal ein kreatives Spielzeug. Ich konnte in wenigen Minuten Bilder erzeugen, für die man früher ein ganzes Filmteam, teure Spezialeffekte oder viel zeichnerisches Können gebraucht hätte. Ein Blausee voller Kühe? Kein Problem. KI kann eine Inspirationsquelle sein. Wer schreibt, gestaltet, fotografiert oder malt, kann Ideen ausprobieren und ungewöhnliche Kombinationen entdecken. Man kann sich Entwürfe machen lassen, bevor man selber fotografiert. Man kann Plakate planen, Titelbilder entwerfen oder sich visuelle Richtungen zeigen lassen. KI kann ausserdem zeigen, wie Bilder wirken. Wenn ich «realistisch» schreibe, entsteht etwas anderes als bei «märchenhaft», «düster», «nostalgisch» oder «übertrieben künstlich». Dadurch lernt

Die Risiken haben es in sich

man auch etwas über Bildsprache, Licht, Komposition und Weiteres. Die Risiken haben es in sich Die grösste Gefahr liegt dort, wo KI-Bilder nicht mehr als KI-Bilder erkannt werden. Solange der Blausee voller Kühe klar als Spass zu verstehen ist, ist das harmlos. Problematisch wird es, wenn künstlich erzeugte Bilder echte Ereignisse vortäuschen. Ein Bild von einem angeblichen Unfall, einer Demonstration, einem Kriegsschauplatz oder einer bekannten Person kann sich schnell verbreiten. So können Fake News entstehen. Wir sind daran gewöhnt, Fotos als Beweise zu betrachten. Wenn ein Foto existiert, denken wir oft: Dann muss es passiert sein. KI stellt genau dieses Vertrauen infrage. In Zukunft wird es immer wichtiger, Bilder kritisch zu prüfen. Woher stammt es? Wer hat es veröffentlicht? Gibt es andere Quellen? Ist es gekennzeichnet? Passt es wirklich zur behaupteten Situation? Ein weiteres Risiko betrifft die echte Kunst und die echte Fotografie. Wenn Bilder in Sekunden generiert werden können, geraten handgemachte Arbeit, Erfahrung und persönlicher Blick unter Druck. Eine Fotografin wartet vielleicht stundenlang auf das richtige Licht. Ein Künstler übt jahrelang, um einen eigenen Stil zu entwickeln. Eine KI kann ähnliche Oberflächen schnell nachahmen. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Arbeit echter Menschen weniger wertgeschätzt wird. Hinzu kommt ein oft übersehener Aspekt: der Ressourcenverbrauch. Hinter jeder KI-Anfrage stehen leistungsstarke Rechenzentren mit Tausenden Computern, die rund um die Uhr arbeiten. Dabei entsteht viel Wärme. Um die Server vor Überhitzung zu schützen, werden sie mit aufwendigen Kühlsystemen gekühlt, für die grosse Mengen Wasser benötigt werden. Zusammen mit dem hohen Stromverbrauch trägt dies dazu bei, dass der Betrieb von KI-Systemen die Umwelt stark belastet.

KI bleibt

Künstliche Intelligenz wird nicht wieder verschwinden. Sie ist bereits ein grosser Teil unseres Alltags: beim Schreiben, Übersetzen, Recherchieren, Gestalten und eben auch beim Erstellen von Bildern. Wir können sie nicht mehr wegdenken. Deshalb bringt es wenig, sie nur zu verteufeln oder blind zu feiern. Wichtiger ist, dass wir lernen, bewusst mit ihr umzugehen. Für mich persönlich heisst das: Ich möchte KI als Werkzeug nutzen, nicht als Ersatz für eigenes Denken und eigenes Gestalten. Sie darf mir Ideen liefern, mich überraschen und auch zum Lachen bringen. Sie darf mir helfen, Bilder zu entwerfen, die ich sonst nie erstellen könnte. Aber ich will dabei ehrlich bleiben. Wenn ein Bild künstlich erzeugt wurde, soll man das sagen. Wenn ein Bild selbst fotografiert wurde, soll seine Echtheit weiterhin einen Wert haben.

Sarah Wnuk
Sarah Wnuk
Bei einem Schnuppertag beim Frutigländer im Jahr 2021, damals noch in der achten Klasse, entfachte sich in Sarah Wnuk das Interesse am journalistischen Schreiben. Seitdem schrieb sie regelmässiger und wurde 2022 zur freien Redakteurin, ein Jahr später schliesslich auch zur Kolumnistin. Mit dem Frutigländer als Sprungbrett in den Journalismus möchte sie auch nach dem Gymnasium der Medienwelt treu bleiben. Möglicherweise sieht man sie in ein paar Jahren als Redaktorin beim Frutigländer, als Auslandskorrespondentin oder auch als medienorientierte Psychologin.

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