Wer das Neat-Infozentrum in Frutigen betritt, wird von der Heiligen Barbara empfangen. Geschaffen hat die Schutzpatronin der Tunnelbauer die Kandertaler Holzbildhauerin Alexandra Bettschen — eine Figur, mit der sie eine persönliche Geschichte verbindet.
Im Atelier von Alexandra Bettschen riecht es nach frischem Holz, auf dem Boden liegen Späne. Auf der Werkbank steht das Modell der Heiligen Barbara aus rotem Plastilin — jener Figur, die heute die Besucher des Neat-Infozentrums begrüsst. Zurückhaltend beginnt Bettschen zu erzählen, wie es dazu kam, dass sie die Schutzheilige der Tunnelbauer für den neuen Infopavillon gestalten durfte. Dabei kommt ans Licht, dass es eine längere persönliche Geschichte dazu gibt. Diese führt zurück bis zu ihrer Ausbildung als Holzbildhauerin EFZ in Brienzwiler in der Zeit von 2012 bis 2016.
Eine Skizze als Erinnerung
«Bereits während der Lehre habe ich regelmässig Barbara-Figuren geschnitzt. Das waren sehr gegenständliche Darstellungen nach Vorlagen. So kam ich erstmals mit der Heiligen in Berührung», sagt sie. «Später folgten einige als Auftragsarbeit für eine Firma, doch so richtig gefallen haben sie mir persönlich nicht.» An der Türe ihres Ateliers hing in der Folge lange Zeit eine Skizze, wie sie sich ihre eigene, schlichte Barbara vorstellen würde. Die Zeichnung existiert zwar nicht mehr, dafür ist nun eine reale Figur in ihrem Stil entstanden. Bereits zuvor stand mit der markanten hölzernen Hand des Oberländischen Turnfestes 2022 ein Werk aus Jungens Atelier beim Bahnhof Frutigen. Nun steht mit der Barbara erneut eine ihrer Skulpturen im öffentlichen Raum, worauf sie stolz ist und die ihr sehr entspricht.
Schlichtheit überzeugt
Alexandra Bettschen erklärt, was ihr an der Skulptur wichtig ist. Die Figur verkörpert für sie eine starke und bewundernswerte Frau. Gleichzeitig verweist sie auf feine Details, die leicht übersehen werden: Der Turm mit den Zinnen als Fundament der Barbara, das Schwert, das Kreuz und die Lilien sind als Symbole der Heiligen angedeutet. «Eine Auflage von Seiten BLS als Auftraggeberin und von den Architekten war, dass die Figur abstrahiert sein soll. Diese Zusammenarbeit war sehr interessant, der Austausch, die gemeinsamen Gespräche und die Entwicklung der Figur waren spannend», sagt Alexandra Bettschen. Völlig unterschiedliche berufliche Hintergründe kamen dabei zusammen. Entstanden ist schliesslich aus einem Lindenstamm aus Kanderbrück eine schmale, schlichte und fast gerade Figur. «Sie entspricht meinem Charakter.» Bei der Umsetzung hatte sie schliesslich weitgehend freie Hand, das Holz mit seinen Unregelmässigkeiten gestaltete zudem mit.
Gespräche als Inspiration
«Wenn ich kreativ sein darf, fühle ich mich zu Hause. Meine Arbeit bereitet mir grosse Freude. Das Schönste ist, wenn ich Menschen mit meinem Schaffen berühren und inspirieren kann. Meine eigene Inspiration finde ich oft in der Natur, nicht selten in einem guten Gespräch, einem Lachen, manchmal auch in einem unerwarteten Moment.» Im Gespräch spürt man, dass sie sich viele Gedanken zu ihren Werken und auch deren Auftraggebern macht. «Leute abfertigen ist nicht meine Art. Ich will mit den Händen arbeiten und meinen Kundinnen und Kunden auf Augenhöhe begegnen», sagt sie. 2019 hat sie sich selbständig gemacht und hat seither den nötigen Freiraum zur Entfaltung und persönlichen Entwicklung. Was sie alles bereits erschaffen hat — auch als gern Auftrags arbeiten annimmt hat sie auf ihrer Website dokumentiert. Sie würde zudem gern auf eine Ausstellung mit eigenen Arbeiten hinarbeiten, aber «ich bin mit Arbeit gut ausgebucht».
Die Segnung fehlt noch
Auch bei den Auftragsarbeiten versucht sie jeweils, ihre Erfahrung und ihr «Gspüri» einzubringen. Oftmals würden Kunden mit fixen Vorstellungen zu ihr kommen, und im Gespräch entstünden plötzlich ganz andere Ideen, neue Blickwinkel und manchmal statt überladener Projekte eher minimalistische Objekte — ganz auf der Linie der Frutiger Holzbildhauerin. Am liebsten berät sie in persönlichen Gesprächen. Zwei erstaunliche Punkte kommen am Ende des Gesprächs im Atelier an Reinisch über die «Heilige Barbara» ans Licht. Einerseits sagt Alexandra Bettschen, dass sie noch gar nie an einer Führung im heutigen Lötschberg-Basistunnel gewesen ist, das verzweigte Röhrensystem und die Atmosphäre der Baustelle eigentlich gar nicht kenne. Sie sei lieber draussen, gibt sie zu. Und dann weist sie auf einen Makel der aktuellen Barbara-Figur hin: «Die Skulptur muss eigentlich noch geweiht werden, wie es im Bergbau üblich ist.» Eine Nachfrage bei der BLS ergibt, dass dies bei der Barbara im Infozentrum nicht vorgesehen ist. Diejenige aus der ursprünglichen Bauzeit, die sich im Lötschberg-Basistunnel befindet, sei aber traditionsgemäss gesegnet worden. www.alexandraart.ch
Die Schutzpatronin der Tunnelbauer
Tief unter der Erde, wo Stollen und Tunnel entstehen, geniesst eine Heilige besonderen Respekt: Barbara von Nikomedien, Schutzpatronin der Bergleute und Tunnelbauer — Berufe, in denen die Gefahr tödlicher Unfälle stets präsent ist. Der Überlieferung nach lebte Barbara im 3. Jahrhundert als Tochter des heidnischen Dioskuros, der sie aus Eifersucht in einem Turm einsperrte. Heimlich zum Christentum konvertiert, liess sie beim Turmbau ein drittes Fenster einbauen — Symbol der Dreifaltigkeit. Als ihr Vater ihren Glauben entdeckte, floh sie durch einen sich wundersam öffnenden Felsen, wurde jedoch verraten und schliesslich von ihm selbst enthauptet. Unmittelbar danach traf ihn der Blitz — göttliche Strafe, so die Überlieferung. Weil Barbara vor ihrem Tod die Sterbesakramente empfangen haben soll, gilt sie als Fürsprecherin gegen den Tod ohne Beichte — genau jene Gefahr, der Mineure bei Einstürzen ausgesetzt sind. An Tunnelportalen stehen bis heute Barbara-Statuen, die meist vor Vortriebsbeginn gesegnet werden. Ihre Kennzeichen sind: ein Turm mit drei Fenstern, Kelch und Hostie (Sterbesakramente), Schwert (Marterwerkzeug) und Palme (Märtyrertum) sowie die Lilie, das Symbol für Reinheit, Keuschheit und Standhaftigkeit. Der «Barbaratag» wird jeweils am 4. Dezember begangen, da sie auch die Schutzpatronin der Artilleristen ist, an einigen Orten mit symbolischem Geschützfeuer.



